Samstag, 24.10.2020

Digitales Semester ist für Studierende eine seelische Belastung

Leserbrief

Hildesheim. Ab ins Zoom-Meeting anstatt in den Hörsaal wird es in ein paar Tagen wieder für Millionen von deutschen Studenten zum Start in das Wintersemester 2020/21 heißen. Angesichts der erneut steigenden Infektionszahlen soll der Schwerpunkt des Unterrichts weiterhin auf den digitalen Angeboten liegen – für manche vorteilhaft, für viele andere eine große seelische Belastung, wie die Universität Hildesheim in ihrer Studie zum digitalen Lernen in der Pandemie festhält.

Corona kam auf einen Schlag. Und dezimierte das Campus-Leben, mit seinen aufregenden Erlebnissen auf Studentenpartys und der Uni oder Hochschule selbst, ebenso plötzlich. Was folgte, war ein ausgesprochen sozial entleertes Sommersemester 2020 – für den Großteil der bundesweit 2350 befragten Studenten die bei Weitem größte Herausforderung von allen.

Persönliche Note fehlt

So geben 82,3 Prozent der Studenten an, den direkten Kontakt zu Kommilitonen und Lehrenden – sei es nur ein kurzes „Hallo“ auf dem Flur oder ein Gespräch beim Essen in der Mensa – zu vermissen. Aber nicht nur das, auch der Austausch und die Diskussionen über Lerninhalte würden unter den digitalen Vorlesungen leiden, bemängeln40 Prozent der Studienteilnehmer. Die Hemmschwelle, die Professorin oder den Professor in Telefonzeiten anzurufen, sei für viele deutlich höher, als sich während des Präsenzunterrichts einzubringen oder nach der Vorlesung direkt Fragen an den Lehrenden zu richten. Dazu kommt, dass über 50 Prozent der Studenten ihre Universität oder Hochschule als „analogen Lernort“ mit Bibliothek, Lernräumen, Laboren und Werkstätten vermissen.

„Das Studium wird so insbesondere zum Selbststudium in den eigenen vier Wänden“, schreibt das Forschungsteam aus Mitarbeitern des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik an der Stiftung Universität Hildesheim in ihrer Studie „Stu.diCo“.

Neben unpassenden Räumlichkeiten, mit denen manche zu kämpfen haben, falle vielen die „Selbstorganisation und eigenverantwortliche Zeitplanung“ zu Hause schwer. „Anmerken möchte ich, dass es für mich mittlerweile eine enorme Belastung darstellt, dass jeder Aspekt des Unilebens an einem Ort, meinem Schreibtisch stattfindet. Dadurch wird es immer schwieriger, abzuschalten, da es einfach keinen Cut mehr im Tag gibt, an dem man einfach Feierabend hat“, kommentiert ein Studienteilnehmer.

Nicht außer Acht zu lassen ist die coronabedingte finanzielle Unsicherheit, durch die das digitale Semester für viele der Befragten zur zunehmenden Belastung wird.37 Prozent der Studierenden geben an, seit Ausbruch der Pandemie mit weniger Geld auskommen zu müssen, beispielsweise durch Kurzarbeit im Nebenjob.

Für einen kleineren Teil der Befragten läuft es derweil besser.11 Prozent geben sogar an, aufgrund der Krise mehr Geld zu haben: Die meisten von ihnen gehen weniger aus, folglich bleibt das Portemon-naie am Ende des Monats voll. Andere sparen durch das sonstige Pendeln zum Hochschul- oder Unistandort nicht nur viel Geld, sondern auch kostbare Zeit. 56 Prozent der Studienteilnehmer begrüßen das. Wichtiger ist den Studenten aber die gewonnene Flexibilität in der Arbeitsgestaltung – mit62,8 Prozent Zustimmung geht sie als klarer Sieger aus den Vorteilen der Umstände hervor.

Wie lange noch?

So schön das auch sein mag,durch all die verschiedenen Faktoren empfinden 72,4 Prozent der Befragten die Arbeitsbelastung im digitalen Semester höher als im vorherigen Präsenzsemester. Knapp60 Prozent wünschen sich, dass sich das digitale nicht wiederholen würde.

Im bevorstehenden Wintersemester wird das Hochschulleben für die allermeisten Studenten aber weiterhin hauptsächlich online stattfinden. Immerhin will man sich bemühen, durch neue Konzepte mehr auf die Bedürfnisse der Studierenden einzugehen und sie durch einen Mix aus Digital- und Präsenzlehre bei Laune zu halten. Den meisten Studenten bleibt daher nichts anderes übrig, als erst einmal in den sauren Apfel zu beißen.









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