Montag, 12.02.2018

Von Null auf 100 und zurück!

Von Null auf hundert und wieder auf Null zurück! Schneller als die Fahrt im berühmten Paternoster der BILD-Zeitung, mit der man prominent nach oben geschrieben werden kann, aber genau so rasant auch wieder hinunter, kann es die SPD selbst.

Ihrem Noch-Vorsitzenden Martin Schulz gelang in nur einem Jahr der steile Fall vom einst gefeierten Parteivorsitzenden ins politische Nichts. So endet die Kurzkarriere des Bundespolitikers Schulz, der Brüssel verließ, um sein Glück in Berlin zu suchen. Er hat es nicht gefunden, dafür aber so ziemlich alle Fehler gemacht, die man überhaupt machen kann. Weil er wohl nie die Machtmechanismen in der Bundeshauptstadt verstanden hat.

Am Mittwoch hatte er verkündet, dass er gegen alle Beteuerungen nach der Bundestagswahl nun doch in das Kabinett Merkel eintreten wolle. Mit diesem Wortbruch setzte sich eine rasante Talfahrt ein.

Auch, weil er damit einem immer noch wirkungsmächtigen, ihm taktisch weit überlegenen Politiker gewaltig auf die Füße getreten war: Sigmar Gabriel soll über die BILD erfahren haben, dass er einem nächsten Kabinett nicht mehr angehören wird. Eine Ungeheuerlichkeit gegenüber dem Mann, der Schulz überhaupt erst auf den Posten des Parteivorsitzenden gehievt hatte. Gabriel wehrte sich erwartbar mit einem kurzen Statement, das es in sich hatte: Er verwendete zwei Begriffe, scharf wie die Messer einer Guillotine: Wortbruch und fehlender Respekt. Das reichte, dem ehemaligen Freund Schulz das Genick zu brechen.

Es löste einen Shitstorm auf die Parteizentrale aus. Es hagelte Proteste gegen die SPD-Führung, die immer noch von Schulz angeführt wird. Die Parteiführung entzog ihm daraufhin das Vertrauen und Schulz musste am Mittag um 14.53 Uhr mitteilen: Ich verzichte auf den Eintritt in die Regierung Merkel. Ende einer steilen, aber kurzen Karriere.

Damit wird Gabriel aber nicht automatisch wieder Außenminister. Zum einen wird die öffentliche Zerlegung der Partei auch ihm angelastet, zum anderen hat die designierte Parteichefin Andrea Nahles sicher nicht vergessen, wie sehr sie als Generalsekretärin unter ihm als Parteivorsitzenden gelitten hat. Weil er manches Mal zu eigenmächtig, zu unberechenbar und zu emotional agierte und damit Einige an der Spitze düpierte.

Ebenso hat Schulz im Wahlkampf unter seiner Wirkung als Außenminister gelitten, der den stets bemühten Kandidaten Schulz manches Mal in den Schatten stellte.

Jetzt Gabriel ins Kabinett zu holen, wird der kommenden Parteichefin Nahles also nicht leicht fallen. Wer aber böte sich statt seiner an? Die Partei, die sich mittlerweile auf einem Niveau von 17 Prozent bewegt, kann sich eigentlich gar nicht den Luxus erlauben, auf den derzeit fähigsten Politiker in ihren Reihen zu verzichten. Einen wortmächtigen Redner, profilierten Taktiker (er hat Steinmeier zum Bundespräsidenten gemacht und Schulz zu Fall gebracht) und Machtmenschen, der seine Partei länger führte als alle seine Vorgänger nach Willy Brandt und sein Nachfolger, der Jährling Schulz. Einen Gabriel kann man nicht einfach wegdrücken. Er hat gezeigt, was dann passieren kann.

Ob er also noch einmal antreten will oder wird, ist auch deshalb offen, weil viele in der Partei gestern auch seinen Angriff auf die Parteispitze missfällig kommentierten. Viel sicherer als der Einzug Sigmar Gabriels in die nächste Regierung dürfte aber eines sein: Die SPD hat auf dem Weg in die Selbstzerstörung einen wichtigen Schritt nach vorne getan. Die 17-Prozent-Partei hat gestern ihr Potenzial nach unten gezeigt und könnte bald hinter der AfD liegen, die infolge der Berliner Chaostage derzeit in den Umfragewerten bei 15 Prozent liegt.

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