Dienstag, 12.06.2018

Pioniere und ein Veranstalter der Herzen

Leserbrief

Man wird der Goslarer Kinofamilie Wildmann, die in den nächsten Wochen an der Kaiserpfalz ihre Stellung als Public-Viewing-Anbieter Nr. 1 im Harz manifestieren wird, mit dieser Feststellung nicht zu nahe treten: Die Geschichte dieses Events haben andere geschrieben – die GZ, drei Pioniere und ein legendärer „Veranstalter der Herzen“.

Großleinwand auf dem Marktplatz

Die Mutter aller Harzer Public Viewings findet am Dienstag, 22. April 1986, auf dem historischen Goslarer Marktplatz statt. Die Idee wird bei der Heimatzeitung geboren: Der auf den Markt drängende private Fernsehsender SAT 1 überträgt am 33. Bundesliga-Spieltag das vorentscheidende Spitzenspiel Werder Bremen – Bayern München live. Das können die meisten aber nicht zu Hause gucken, weil sie noch nicht verkabelt sind. Zwei umtriebige GZ-Redakteure finden die Lösung: Satelliten-Übertragung mit Großleinwand auf dem Marktplatz. Rewert Wilhaus aus Oker, der damals ein Unterhaltungselektronik-Geschäft in der „Fische“ betreibt, wird eingeschaltet.

Auch die Stadt zieht nach gutem Zureden mit. In der Erinnerung waren die Verhandlungen über Übertragungsrechte mit dem Sender weniger langwierig als der Palaver mit dem Goslarer Ordnungsamt wegen der Auflagen für Bier- und Pommesbuden. 4000 Besucher sorgen, stilecht mit Trikots, Fahnen und Tröten, für Stadionatmosphäre und machen mächtig Stimmung. Der Rest ist bekannt: Werders Michael Kutzop haut in der 88. Minute beim Stand von 0:0 einen Elfer an den Pfosten und vergeigt die Meisterschaft.

Es dauert noch gut zehn Jahre, inzwischen gibt es bereits Pay-TV, bevor Public Viewing Ende der Neunziger in Gang kommt. Ein Schlüsselereignis ist die WM 2002 in Japan und Südkorea (siehe „Die Geschichte“). Erstmals regt sich auch im beschaulichen Harz wieder nennenswert die öffentliche Fan-Seele. Allein in Bad Harzburg stehen zum Endspiel Brasilien – Deutschland drei Großleinwände: beim Förderverein im Krodobad, bei den KTW rund ums Kurhaus und bei der Jungen Union im „Oldie“ am Bündheimer Schloß.

Sensationelles Rahmenprogramm

Das nächste Großereignis ist die Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal. Einer der umtriebigen GZ-Redakteure von 1988 ist noch dabei, also: Großleinwand auf dem Goslarer Marktplatz. Diesmal ist Jürgen Breiler von „Riedel & Neumann“ treibende Kraft, die Leinwand wächst von 20 auf 30 Quadratmeter. Am 15. Juni kommen leider nur rund 1000 Fans zum Vorrundenkick Deutschland – Holland, weil es wie aus Kübeln schüttet. Doch schon das Rahmenprogramm ist sensationell. Torwandschießen, Soccer Court, die GSC-Cheerleader „Blue Flames“, Experten-Interviews wie mit dem Ex-Proficoach Harm Bijl (PEC Zwolle), der in Langelsheim gelandet ist.

Bei der Pressekonferenz im Dezember 2005 in der Sportpark-Gaststätte an der Rennbahn haben selbst routinierte Politiker wie Wilhelm Baumgarten, Michael Riesen oder Henning Franke das zittrige Leuchten in den Augen: Der SPD-Ortsverein Bad Harzburg richtet das Public Viewing zur WM 2006 in Deutschland aus. Ein halbes Jahr später stellt der dritte Pionier, der in Bad Harzburg vom Weihnachtsmarkt her längst bestens bekannte Goslarer Event-Gastronom Heiko Rataj, seine beiden Zirkuszelte auf dem Aschenplatz im Sportpark auf, ein drittes bleibt in Reserve.

Die größte Dauerfete aller Zeiten im Kreis Goslar nimmt am 9. Juni 2006 mit dem Eröffnungsspiel Deutschland – Costa Rica ihren Lauf. Natürlich profitiert der Veranstalter vom „Sommermärchen“ landauf, landab, von der vierwöchigen Feierlaune der Deutschen, vom Erfolg der Klinsmann-Schützlinge, vom prächtigen Wetter – aber die Genossen bringen auch reichlich Herzblut ein.

Natürlich machen sie Fehler – alle 64 WM-Spiele im Angebot, das ist zu viel. Als hinterher die gepfefferte FIFA-Rechnung für die Übertragungslizenz kommt, gerät der Ortsverein ins Schleudern, muss sogar eine Umlage bei seinen Mitgliedern erheben. Doch keiner widerspricht, als die GZ am Ende der SPD den Ehrentitel „Veranstalter der Herzen“ verleiht.

Harzburg geht, Rataj bleibt. Von der EM 2008 über die WM 2010 zur EM 2012 zieht er mit seinen Zelten weiter zum Goslarer Osterfeld, dann zum Rammelsberg am Blauen Haufen gegenüber der Jugendherberge. Bis zur WM 2014 in Brasilien Jill und Florian Wildmann im Einvernehmen mit der Stadt Folgerichtiges und Naheliegendes denken: Die Pfalzwiese in Goslar hat schon bei diversen Open-Air-Konzerten für Großartiges gesorgt, warum dann nicht auch beim Public Viewing?

Ein Teil der Texte entstammt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Christian Becker dem Buch des Autors Heinz-Georg Breuer „Die Fans der Fohlen“ (ISBN 978-3942468978), erschienen im Mai 2018 im Arete Verlag Hildesheim.

 


Der Name:

- 2006 wird im Vorfeld des sogenannten Sommermärchens, der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, der Terminus „Public Viewing“ – aus dem Englischen für „öffentlich“ und „zusehen/ansehen“ – vom Fußball-Weltverband FIFA eingeführt.

- Später folgt eine relativ sinnbefreite Netz-Debatte über den Begriff. So legt sich eine größere Community mit dem Sprachwissenschaftler Professor Anatol Stefanowitsch von der Universität Hamburg zu der Frage an, ob zuvorderst das Anschauen einer (öffentlich aufgebahrten) Leiche gemeint sei. Stefanowitsch argumentiert mit der Sprachsammlung „British National Corpus“ und ihren 100 Millionen Wörtern, bei denen sich keiner von zwölf Netz-Treffern auf eine Leiche beziehe. Fußballspiele seien zwar auch nicht dabei, „aber das liegt daran, dass das Korpus aus den 1990ern stammt und Fußball damals noch nicht auf Großleinwänden übertragen wurde“.  4Was so auch nicht ganz stimmt, siehe die Pay-TV-Sender von Arena über Premiere bis hin zu Sky in Sportsbars und anderen Kneipen...

 

Die Geschichte:

- Erfunden haben das Public Viewing die Nazis, um die Olympischen Spiele 1936 in Berlin propagandistisch auszuschlachten. Am 9. April 1935 startet im Berliner Reichspostmuseum die erste von 27 „Fernsehstuben“ als Probelauf: Live-Übertragung des Fernsehsenders „Paul Nipkow“ vom Funkturm. Die beiden Bildschirme für knapp 40 Berliner sind 18 mal
22 Zentimeter groß. Bei Olympia wachsen Gerätschaften und Räume, bis zum Ende der Spiele kommen 160.000 Besucher. Die Technik verdient sich den Namen „Fernseh-Großbildstelle“ durch zwischengeschaltete Projektoren, die das Bild auf eine 12 Quadratmeter große Leinwand werfen. Damit sind schon damals alle Merkmale einer öffentlichen Veranstaltung erfüllt, wie sie die UEFA 2008 aufstellt: „Jede Vorführung, die außerhalb der Privatsphäre, bestehend aus Familie und privaten Gästen, auf einem Bildschirm oder einer Großleinwand mit einer Diagonale von mehr als drei Metern stattfindet.“

- Ein anderes sportliches Großereignis verschafft dem Public Viewing in Deutschland einen ersten Schub, obwohl es damals noch nicht so heißt: Fußball-WM 1954 mit dem „Wunder von Bern“. Der ZDF-Medienforscher Dr. Heinz Gerhard macht 2006 in den „Media Perspektiven“ eine interessante Rechnung auf: 1954 sind gut 60.000 Fernsehgeräte in der Bundesrepublik angemeldet. Rechnet man geschätzte 40.000 Schwarzseher dazu, kann man von einer Verbreitung von rund 100.000 Fernsehgeräten zum Jahresende 1954 ausgehen. Gerhard: „Dennoch scheinen Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Zuschauern das Spiel im Fernsehen – vor allem per Public Viewing in Gaststätten – gesehen zu haben.“

Auch der in Bad Grund und Goslar aufgewachsene ARD-Korrespondent Jürgen Bertram schreibt in seinem Buch „Torschrei“ von 2011, die Zeitungen in den Fünfzigern hätten gemeldet, eine halbe Million Menschen hätten diese oder jene Sendung gesehen, „und das, obwohl es in der Bundesrepublik nur 60.000 TV-Apparate gibt.“ Bertram beschreibt rückschauend das Public Viewing aus erster Hand, als er im Alter von 14 Jahren am 4. Juli 1954 von zu Hause am Rammelsberg vom Stubenarrest ausbüxt und einen Fußmarsch zum Goslarer Schützenhaus am Osterfeld antritt. Dort ist schon nachmittags um vier eine Stunde vor dem WM-Endspiel kein Stuhl mehr auf der Veranda frei. Was auch hängen geblieben ist beim kleinen Jürgen: „Ständig flitzen Kellner an mir vorbei. Nur als die deutsche Nationalhymne gespielt wird, stehen auch sie still.“

- Die Lüneburger Soziologin Britta Ufer hat in ihrer Dissertation die Fußball-WM 2002 in Südkorea und Japan als Schlüsselereignis fürs Public Viewing bezeichnet. Es könne von einem Wandel des Zuschauer- und Fanverhaltens gesprochen werden, der sich dadurch auszeichne, „dass außergewöhnlich viele Menschen wichtige Spiele außer Haus sehen“. Auch in Deutschland, wo wegen der Zeitverschiebung die Spielzeit in den Vormittag gelangte: „Somit ruhte in so manchem deutschen Büro die Arbeit, wenn die Nationalelf spielte, es wurden Tippspiele veranstaltet und die Mittagspause nach dem Spielplan gelegt.“







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