Freitag, 01.06.2018

Notrucksäcke und Ballons mit Friedenswünschen

Leserbrief

Oker. Welche Dinge würdet ihr für eine Flucht einpacken? Was braucht man für eine Reise, deren Ziel und Länge ungewiss sind? So lautete die gestrige Hausaufgabe für die fünften und sechsten Klassen an der Okeraner Adolf-Grimme-Gesamtschule (AGG). Für ihren Unesco-Projekttag „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ haben sich die Klassen am gestrigen Freitag mit Themen wie Flucht, Integration und Rassismus beschäftigt.

Auch in der 5a sollten die Schülerinnen und Schüler zu Hause einen Rucksack mit ihren wichtigsten Dingen zusammenpacken. „Das ist mir gar nicht leicht gefallen“, sagte Alena Bartz. Schlussendlich hat sich die Zehnjährige unter anderem für Brotdose, Trinkflasche, Regenjacke, Klamotten und eine Kulturtasche entschieden.

Besonders wichtig waren ihr auch noch ein Kuscheltier und ihr Handy, damit sie ihre Eltern anrufen kann, wenn sie einmal nicht wüsste, was sie machen soll. Finn von Romatowski hat zusätzlich noch ein Kuschelkissen in seinen Fluchtrucksack gepackt. „Meine Mama hat den Bezug genäht und darum erinnere ich mich immer an sie, wenn ich ihn sehe“, erzählte der zehnjährige Fünftklässler.

Das Lehrer-Duo Sabine Rehse und Marc Schmidt kam mit den Fünftklässlern zusätzlich über die Fluchtgeschichten ins Gespräch. „Die Schüler haben sich in ihrer Familie umgehört und die eine oder andere Geschichte erfahren“, sagte Rehse. Lena Söchtig hat ihre Oma befragt. Diese war in der Nachkriegszeit aus ihrer alten Heimat Ostpreußen geflohen. „Das war Ende der 1940er Jahre, als meine Großmutter noch ein kleines Kind war. Sie ist damals unter anderem mit einem Pferdeplanwagen mitgefahren“, berichtete die elfjährige Schülerin.

Auch die älteren Schüler der AGG nahmen am Projekttag teil. Während sich der siebte Jahrgang in Kooperation mit der Polizei an einem Projekt zur Zivilcourage beteiligte, ging es im Forum der Schule sehr laut zu. Das Berliner Ensemble „Scheselong“ war zu Gast und führte das Theaterstück „Hallo Nazi!“ auf. Emotional zeigten die Schauspieler, wie die Gesellschaft mit Vorurteilen umgeht. Im Stück landet ein Nationalsozialist nach einer Schlägerei zusammen mit einem polnischen Schwarzarbeiter im Gefängnis. Kulturen, Ideologien und Hass treffen dabei aufeinander.

Im Anschluss an die etwa 50-minütige Aufführung kamen die Schauspieler noch mit den Schülern ins Gespräch. Sie tauschten sich über ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aus und gingen der Frage nach, wie Rechtsextremismus entsteht. Dieses Thema spiegelte sich ebenfalls im Vortrag wieder, den sich die Elft- und Zwölftklässler anhörten. Der Referent Markus Weber sprach über Parallelen und ideologischen Wurzeln der Harzburger Front und dem Rechtsextremismus heute.

Am gestrigen Freitag waren allerdings auch die Jugendlichen selbst Experten: Die Oberstufenschüler brachten ihren jüngeren Mitschülern aus Klasse acht und neun in Workshops das Thema des Tages näher. Für die Vorbereitung verbrachten sie sogar den vergangenen Samstag in der Schule, erzählte Sabine Rehse und lobte ihre Motivation. Die Schüler hatten Spaß, einmal selbst Lehrer zu spielen und mit den Jüngeren Themen wie verschiedene Wertvorstellungen zu erarbeiten.

Beim letzten Programmpunkt des Tages machte der AGG leider das schlechte Wetter einen Strich durch die Rechnung. Sabine Rehse erzählte, dass die Schüler Heliumballons steigen lassen wollten. An diese hingen sie Karten mit Wünschen für Flüchtlinge und ein friedliches Zusammenleben sowie Worte gegen Rechtsextremismus und des Mutmachens. Da es stark geregnet hat, mussten sie die Ballons in der Pausenhalle steigen lassen. „Dabei haben wir uns extra um ökologisch abbaubare Luftballons gekümmert“, scherzte Rehse. Aber etwas Positives konnte sie dem schlechten Wetter trotzdem abgewinnen: „Jetzt zieren die Ballons unsere Decke und werden noch eine Weile präsent sein.“







Weitere Topthemen aus der Region:
  • Archiv
    Engel auf dem Seil
    Mehr
  • Archiv
    Starkregen sorgt für Überflutungen
    Mehr
  • Archiv
    Vatertagstouren starten sonnig
    Mehr
  • Archiv
    Donnerwetter zum Vatertag
    Mehr
  • Archiv
    Stichwahl in der Stadt Oberharz nötig
    Mehr
  • Archiv
    Motorradsaison startet nur teilweise ruhig
    Mehr
  • Archiv
    Die AWO hat noch eine neue Chance
    Mehr
  • Archiv
    Hohe Jagdziele für das kommende Jahr gesteckt
    Mehr
  • Archiv
    48 Stände, aber nur ein kleiner Kinderflohmarkt
    Mehr
  • Archiv
    Musik wie „ein leichter Seewind“
    Mehr