Freitag, 17.08.2018

Handwerk hat goldenen Boden

Vor Jahren saß ich bei einer Urlaubsreise abends in einer Kneipe in Los Angeles und kam mit einem Österreicher ins Gespräch. Nach eigenem Bekunden hatte er eine bewegte Vergangenheit. Aufgewachsen in Wien, schlug er sich später nach Norddeutschland durch, wo er etliche Jahre auf St. Pauli als Türsteher arbeitete. Dann zog es ihn aus diversen Gründen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte, über den großen Teich ins Land der – damals noch – schier unbegrenzten Möglichkeiten. Und das bescherte dem Migranten aus Europa offenbar ungeahnten Erfolg.

Zum Beweis zog er Visitenkarten von Hollywood-Schauspielern aus der Westentasche, denen der Österreicher unter dem Motto „Made in Germany“ Parkettfußböden in ihre Promi-Villen gelegt hatte. Vor Aufträgen könne er sich seither kaum retten, habe inzwischen zahlreiche Beschäftigte und ein schönes Haus in Venice Beach. Vom Milieu also zum Millionär.

Ich weiß nicht, wie lange Stars und Sternchen damals warten mussten, bis ihnen der österreichische Türsteher als vermeintlich deutscher Handwerker das edle Holz in die Hütte legte. Hier und heute bei uns im Harz müssen wir, wie andernorts in Deutschland, mitunter äußerst geduldig sein, bis ein Handwerker zu uns nach Hause kommt. Nein, nicht weil sie unzuverlässig sind oder gar faul, sondern weil viele der Betriebe ausgelastet sind bis übers Dach. Und wenn sie Fachkräfte oder Nachwuchs suchen zur Verstärkung, dann ist das für manche Handwerksmeister schier zum Verzweifeln – allemal in ländlicheren Regionen. Da haben alle Appelle bis hin zu ausgetüftelten Kampagnen noch nicht die ersehnte Durchschlagskraft entfaltet für „die Wirtschaftsmacht von nebenan“.

Als Folge sucht mancher altgediente Handwerksunternehmer am Ende auch vergeblich einen Nachfolger für den Betrieb – obwohl die Branche in etlichen Gewerken eine Fülle von Chancen für die Zukunft bietet. Wir spüren es schließlich am eigenen Leibe, wenn wir zu Hause wochenlang warten müssen, bis ein Tischler endlich die Leitungen an der Wand verkleidet und die Löcher im Fußboden stopft, die ein begehrter Elektriker zuvor hinterlassen hat, um neue Stromkabel zu legen. Ich jedenfalls kann seit geraumer Zeit mit meinen Nachbarn im Stockwerk über und unter mir durchs ganze Haus bequem am Rohr entlang kommunizieren, um hier ausnahmsweise einmal aus dem Nähkästchen plaudern zu dürfen. Statt Aktien oder Sparbuch sollten wir unser Erspartes vielleicht besser in einer Tischlerei anlegen, kam mir neulich in den Sinn.

Aber Spaß beiseite: Ob Handwerk, Gastronomie oder gar Arztpraxis, viele Selbstständige hierzulande suchen händeringend Nachfolger für Betriebe, die gute Entwicklungsmöglichkeiten, auskömmliches Einkommen und ein lebenswertes Umfeld verheißen. Stattdessen aber tummeln sich junge Fachkräfte, Ingenieure oder Ärzte mehr in Ballungsräumen, wo sie viel Zeit und Lebensenergie verlieren. Zugleich streben junge Menschen verstärkt in vermeintliche Trendberufe und Bürojobs.

Bei allem Drang junger Menschen von der Schulbank in Hörsäle und zu akademischen Weihen lässt sich dabei eines vorhersagen: Handwerk hat weiterhin goldenen Boden. Nicht nur in Los Angeles, sondern auch bei uns gleich nebenan im Harz. Unter dem Titel „Nachfolger gesucht“ möchten wir das Thema deshalb in der kommenden Woche mit redaktionellen Beiträgen besonders in den Blickpunkt rücken – auch über das Handwerk hinaus.

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