Freitag, 15.12.2017

Größenwahn und Donaldismus

Die Natur hat dem Menschen viele Eigenschaften gegeben, die sinnvollerweise sein Überleben in feindlicher Natur ermöglichen sollen. Eine Eigenschaft, die mir aber als eine Begleitmelodie der Zivilisation erscheint, ist die zuweilen ausgeprägte Neigung einzelner Gattungsvertreter zur Selbstüberschätzung, zum Größenwahn.

Historisch gibt es große Vorbilder, die damit viel Unheil angerichtet haben. Bekannt sind die Untaten der am Cäsarenwahn erkrankten Herren Caligula und Nero. Die Liste zieht sich lückenlos durch die Jahrhunderte: Ob Wilhelm II., deutscher Kaiser von Gottes Gnaden, oder Adolf Hitler, Erschaffer des 1000-jährigen Reiches, das nach 12 Jahren und Millionen Toten wieder unterging, Idi Amin, Gaddafi oder Saddam Hussein bis zur Familie Assad (Vater und Sohn) reicht die Aufzählung des größenwahnsinnigen Grauens. Um nicht allein der muslimisch-arabischen Welt dieses Thema zu überlassen, sei noch auf den adipösen Feuerwerker in Nordkorea und auf Zarewitsch Putin hingewiesen wie auch auf den jüngsten Neuerwerb der westlichen Welt, Mr. Trump, der als Vertreter des materiellen Donaldismus gerade die moralischen Kategorien der Politik neu definiert.

Was aber macht Größenwahn aus? Das Lexikon gibt Auskunft: Es handelt sich um eine Überbewertung des eigenen Könnens und eine Fehleinschätzung eigener Kompetenzen. Es kann auch eine Wahnvorstellung sein, bei der sich die betroffene Person für eine wichtige Persönlichkeit hält. Oder es ist das permanente Streben, Mitmenschen durch übersteigerte Leistungen zu übertreffen.

Soweit die Großen der Weltgeschichte. Den Hang zur Selbstüberschätzung finden wir aber auch vor unserer Haustür. In 35 Jahren Berufserfahrung sind mir einige Herrschaften (ja, es waren meist Männer) begegnet, die sich in ein Licht stellten, das ihnen gar nicht schien. Und schlimmer noch: die sich Dinge herausnahmen, die ihnen nicht zustanden.

So der Gemeinde-Bürgermeister aus dem Westerwald, in dessen Privathaus sich nach 14 Dienstjahren Bilder, Teppiche und wertvolles Tafelservice angesammelt hatten. Alles war auf Kosten der Gemeinde angeschafft worden. Als man ihn später vor Gericht fragte, warum er das gemacht habe, antwortete er in völliger Einigkeit mit sich selbst: Er habe so viel für seine Gemeinde geleistet, dass diese Anschaffungen nur ein kleiner materieller Ausgleich für sein überragendes Engagement gewesen seien.

Oder der Geschäftsführer des Klinikums, der für sein zweimalig eigenmächtig erhöhtes Gehalt den Aufsichtsrat erst gar nicht gefragt hatte. Der Mann entschied das selbst, wie er sich auch einen Dienstwagen genehmigte. Nur, dass er keinen Führerschein besaß und den Dienstwagen, ein Cabrio, seiner Frau überließ. Auch er erklärte später vor dem Richter, dass seine Arbeit so wesentlich, wertschöpfend, wichtig und wunderbar war, dies aber nie vom Aufsichtsrat gesehen, geschweige denn belohnt wurde.

Es gibt diese Selbstüberschätzung überall, alltäglich und in allen Konfektionsgrößen. Im Falle des Klinikchefs kommt noch etwas hinzu: Er war formal der Vorgesetzte aller am Hause tätigen Chefärzte, die damals das Mehrfache an Einkommen erzielten wie er. Es ist ein Beispiel, dass Größenwahn auch aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus entstehen kann.

Es ließe sich auch manches über lokale Persönlichkeiten erzählen. Ich erspare mir das und Ihnen auch. Für alle Leistungsträger aber gilt: Diejenigen, die wirklich Herausragendes leisten, reden eher selten über sich selbst. Das überlassen sie anderen.

Schreiben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de