Freitag, 10.11.2017

Goslarer Runderneuerung

Mit der Nachricht, dass der Ehrenbürger Hans-Joachim Tessner seiner Heimatstadt Goslar eine Stadthalle schenken will und darüber hinaus zugesagt hat, über 20 Jahre auch wesentliche Kosten für den Betrieb zu übernehmen, erfüllt er ein Versprechen an die Goslarer, das ihm zugleich auch ein Herzensanliegen ist.

Er sagt, der große berufliche Erfolg, der ihm in seinem Leben beschieden war, hat ihn nie vergessen lassen, woher er kommt und welchen Umständen er diesen Erfolg zu verdanken hat. Jetzt sollten Neider und Übelsprecher mal kurz innehalten und sich vergegenwärtigen, was da gerade auf den Weg gebracht wird: Die Familie Tessner baut mittels ihrer Familienstiftung eine Multifunktionshalle im Wert von 6,5 Millionen Euro und legt noch einmal vier Millionen (200.000 Euro p.a.) oben drauf, um die Stadt und damit die Goslarer Steuerbürger über 20 Jahre von den Kosten für den Betrieb zu entlasten.

Das ist eindrucksvoll und zeigt zweierlei: Die ehrliche Zuneigung dieses Mannes zu seiner Heimatstadt und die Chance für Goslar, an diesem besonderen Ort der Stadt etwas Positives zu entwickeln. Denn mit der Bereitschaft, auch den laufenden Betrieb der Halle finanziell zu unterstützen, verschafft er der Stadt wichtigen finanziellen Handlungsspielraum. Und den braucht sie, um das Pfalzquartier auch im Außenbereich neu zu gestalten. Die Vorstellungen des Oberbürgermeisters lassen schon ahnen, worum es gehen könnte. Er will den Parkplatz Kaiserpfalz aufgeben und statt dessen dort Grünflächen und einen Platz für Außenveranstaltungen schaffen. Dies zwar um den Preis, dass die Stadt auf die Einnahmen aus der Bewirtschaftung des Parkplatzes verzichtet und sie künftig Herrn Tessner überlässt, der dort eine Tiefgarage bauen will. Aber dafür erhalten die Goslarer zu Füßen der Kaiserpfalz ein Forum unter freiem Himmel für Veranstaltungen, vielfältiger Art. Ein Deal, der Lust auf Ideen macht.

Warum ich an dieser Stelle versucht bin, den Projektentwicklern der ECE-Gruppe zu danken? Weil wir ohne deren Auftritt in Goslar und dem Versuch, auf dem Kaiserpfalz-Quartier ein Einkaufszentrum zu errichten, nie dort angelangt wären, wo wir heute sind. Seinerzeit hatte sich Tessner, der in der Innenstadt die Einkaufsmeile Kaiserpassage betreibt, vehement gegen die Ansiedlung des ECE-Riesen zur Wehr gesetzt. Und versprochen, dass er, wenn er die Möglichkeit bekomme, die Kaiserpfalz mit seinen Ideen entwickeln wolle.

Den ECE-lern wurde aus vielen überzeugenden Gründen am Ende die Tür verschlossen und der Ehrenbürger Tessner bekam den Zuschlag, das Quartier zu entwickeln. Nach einigem Hin und Her wurde das Modern Art Museum verworfen, wurde ein zwischenzeitlich propagierter Theaterbau gar nicht mehr erwähnt. Übrig blieb der Dreiklang von Hotel, Tiefgarage und multifunktionaler Stadthalle, die vielleicht ein Stück weit das Theater ersetzen kann.

Wenn wir aber auf der Zeitachse noch ein wenig weiter zurückgehen, dann begann eigentlich alles am Odeon-Theater. Im Jahr 2013 überraschte der Mäzen Tessner mit der Idee, einen millionenschweren Beitrag zur Sanierung des Traditionshauses schenken zu wollen, um das zurückzugeben, was ihn mit Goslar verbindet. Aber dann kamen halt die ECE-ler auf den Plan und das marode Theater wurde kurzerhand zum „Groschengrab“.

Familie Tessner wandte fortan den Blick vom Odeon ab und sich der anderen Seite der Stadt zu. Fortan trat sie gegen das ECE an mit dem Angebot, ihrerseits das Kaiserpfalz-Quartier zu entwickeln.

Heute sieht es danach aus, dass dort eine für Goslar gute Entwicklung Gestalt annimmt. Wenn also die Stadthalle gebaut wird, dann erfüllt sie auch den drängenden Wunsch nach einem öffentlichen Raum, in dem Vorträge, Diskussionen, Tagungen, Theater, Konzerte und Feierlichkeiten möglich sind. Waren das bisher die Kaiserpfalz, der große Saal des Hotel Achtermann und bedingt der Lindenhof, so käme mit der Halle ein repräsentativer Treffpunkt an dem vielleicht wichtigsten Ort der Innenstadt hinzu.

Am Ende dieser an Nachrichten starken Woche schließt sich also der Kreis um die liebenswerte Goslarer Altstadt. Während auf der einen Seite das Kaiserpfalz-Quartier entsteht, könnte auf der anderen dem Odeon eine völlig neue Zukunft bevorstehen. Ein mutiger Investor traut sich zu, in dem seit vielen Jahren in seiner Substanz leidenden Gebäude Wohnraum zu entwickeln. Wenn auch das gelingt, dann ist an vielen Stellen der Stadt Vieles gelungen.

Schreiben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de