Donnerstag, 25.01.2018

"Goslar - the better Leipzig"

Man könnte ja mit den Achseln zucken, sich „Alle Jahre wieder“ denken und zur Tagesordnung übergehen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Verantwortlichen des Verkehrsgerichtstages öffentlich darüber nachdenken, den Tagungsort zu wechseln. Schon früher hatte es Diskussionen über den Verbleib der jährlichen Tagung in Goslar gegeben. Nicht wirklich neu also, dass die Abkehr von Goslar gerade wieder Thema ist, weil Leipzig sich ins Spiel brachte. 2019 sollen die Mitglieder darüber entscheiden.

Der Verkehrsgerichtstag wächst wie die Staus auf den Straßen Deutschlands. Waren es im Jahr 2008 noch rund 1600 Teilnehmer, so geht die Zahl zehn Jahre später gegen 2000.

Sie alle brauchen für ein, zwei Nächte Quartier, sie alle müssen essen und trinken, sie alle wollen sich wohlfühlen. Für die Hotels und die Gastronomie ist das im touristisch schlappen Januar stets eine willkommene und vor allem planbare Einnahme, aber die Hotellerie und die Gastronomie muss sich auch immer wieder fragen: Tun wir genug für unsere Gäste, dass sie mit uns zufrieden sind?

Und dann ist da noch die Kapazitätsfrage: Die Stadt ist gegenwärtig mit ihrem Bettenangebot an einer Grenze angekommen. Aber es tut sich was. Ein neues Hotel eröffnete gerade, ein weiteres wird im Rahmen des Kaiserpfalz-Projektes gebaut. Hinzu kommt eine neue Veranstaltungshalle, die neben diesem Hotel entstehen soll. Weitere gute Hotels entstehen gerade in der Nachbarstadt Bad Harzburg. Aber das alles braucht noch Zeit, bis es zur Verfügung steht.

Es geht also um Geduld und darüber hinaus um ein grundsätzliches Bekenntnis. Denn solange ich zurückdenken kann, waren der Verkehrsgerichtstag und Goslar eins. Sie gehörten und gehören zusammen. Neuhochdeutsch sagt man: Zusammen sind sie eine Marke! Eine Marke, die seit 56 Jahren stetig gewachsen ist, gibt man nicht so einfach auf!

Schauen wir nach Leipzig. Die Beherbergungssituation – kein Thema dort. Das Kongress-Zentrum - funkelnagelneu und fast beliebig an die Wünsche des Veranstalters anzupassen. Aber Leipzig ist eine von vielen Tagungs-, Kongress-, oder Messestädten der Republik. Man ist als Veranstalter im Terminkalender unter anderen gelistet. Das Alleinstellungsmerkmal des Verkehrsgerichtstages kann man sich in Leipzig abschminken. In Goslar ist und bleibt man wer.

Und die Stadt hat etwas. Man lebt für zwei, drei Tage in einer kleinen Stadt mit großer Geschichte. Man erlebt Goslar zu Fuß, weil alle Veranstaltungsorte leicht erreichbar sind. Und man spürt Gastfreundlichkeit. Dass die örtliche Sparkasse ihre große Schalterhalle räumt, um dort die Teilnehmer des VGT unterzubringen, ist nicht selbstverständlich. Dass 14 Mitarbeiter aus dem Rathaus an der Vorbereitung und Durchführung des VGT mitarbeiten, sollten die Gäste auch wissen. Und dass die örtliche Tageszeitung am Eröffnungstag die Gäste mit Freiexemplaren willkommen heißt, könnte ja auch als ein Zeichen der Wertschätzung gesehen werden. Die VGT-Vereinsmitglieder sollten sich also nicht nur mit dem Konzept der Leipziger befassen, sondern auch die freundlichen Goslarer bedenken.

Ob die Zukunft des Verkehrsgerichtstages von weiter wachsenden Teilnehmerzahlen abhängt? Diese Tagung hat hohe Relevanz durch herausragende Fachleute in den Arbeitsgruppen. Sie tragen zur Qualität der Diskussionen und am Ende der Empfehlungen bei. Und die finden oftmals Eingang in neue Gesetze. Ob noch mehr Teilnehmer noch mehr Qualität oder gar bessere Gesetze generieren, bezweifle ich mal.

Und noch etwas: Politik hat bekanntlich die Aufgabe, Ungleichheit in den Ländern, in den Regionen auszugleichen, um den dort lebenden Menschen annähernd gleiche Lebensbedingungen zu ermöglichen. Es bedeutet, dass man sich nach dem Solidarprinzip gegenseitig unterstützt. Die Starken helfen den Schwachen.

Leipzig ist stark, ist Boom-Stadt in Deutschland. Manche sagen gar: the better Berlin! Goslar ist das nicht. Die Stadt und mit ihr die Region mussten in den letzten Jahrzehnten hart dafür arbeiten, ihren Bürgern eine ordentliche Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Auch, damit die Jungen bleiben.

Goslar ist weder Heulsuse noch Jammerlappen, würde sich aber durchaus über ein wenig Solidarität freuen. Wer uns nach fast sechs Jahrzehnten den Rücken kehren will, sollte darüber mal nachdenken. In diesem Sinne: „Goslar ¨– the better Leipzig!“

Schreiben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de