Freitag, 07.09.2018

Gelogen, bis sich die Balken bogen

Na, fahren Sie auch noch einen Diesel? Schließlich haben uns doch Automobilindustrie und Politik bis vor drei Jahren noch kräftig davon vorgeschwärmt: weniger Kohlendioxid, weniger Verbrauch, tolle Abgasfilterung. Und für Freunde des beschwingten Fahrens: Ein Diesel besticht über all diese Vorteile hinaus auch noch mit sattem Drehmoment, das die Pferdestärken zugkräftig auf den Asphalt bringt.

Mir jedenfalls ging es so, als ich mir 2015 einen jungen gebrauchten Diesel zulegte, der den größten Wertverlust damit schon hinter sich zu haben schien. Denkste! Nach anderthalb Jahren konnte ich das kraftvolle Auto nur mit Ach und Krach – und abermals 50 Prozent Wertverlust für mich – noch verkaufen. Denn inzwischen war nicht nur der VW-Skandal ruchbar geworden, sondern auch durchgesickert, dass die Marke mit dem Stern und andere offenbar bei bestimmten Motoren gleichermaßen nicht halten konnten, was sie hochtrabend versprochen hatten. Und in der Folge war das vormalige Gütesiegel „Euro 5“ im Kfz-Schein über Nacht zur Makulatur geworden.

Am Exempel der abgasgeschwängerten Großstadtluft in Stuttgart, also just der Heimat von Mercedes, gab es klare Signale, dass auch Euro-5-Fahrzeuge alsbald wohl einen großen Bogen um viele Stadtquartiere machen müssen. In Hamburg sind zwei Straßen für ältere Diesel bereits gesperrt, Frankfurt am Main soll nach einem jüngsten Verwaltungsgerichtsurteil kommendes Jahr in zwei Stufen folgen. Ganze Stadtviertel sind dann davon betroffen. Zynische Devise: Stickoxid- und Feinstaubbelastung sind nur noch im ländlichen Raum erlaubt, weil die Luft hier ja besser ist. Allein diese Fragestellung müssten wir am besten vorm Verfassungsgericht einmal prüfen lassen: Wenn doch feststehen sollte, dass die meisten Dieselfahrzeuge sämtliche Grenzwerte sprengen und die Abgase gesundheitsschädlich sind, sollen sie dann abseits der Ballungsräume weiter fahren und Menschen belasten?

Um es klar zu sagen: Mir lässt die Diesel-Debatte seit geraumer Zeit fast das Blut in den Adern kochen. Sie haben gelogen, dass sich die Balken bogen: Durch den Diesel-Skandal musste VW bereits Hunderttausenden an Kunden in den USA milliardenschwere Entschädigungen zahlen, während sich VW, Daimler und BMW in ihrem Heimatland gerade einmal dazu durchringen können, gemeinsam 250 Millionen Euro in einen Fonds zu zahlen für saubere Luft in Städten. Gemessen an den Wertverlusten, die ihre Diesel-Kunden in ganz Deutschland hinnehmen müssen, sind das wahrlich „Peanuts“, um dieses abgegriffene Wort noch mal wirken zu lassen.

Was macht die Politik? Bundesverkehrsminister Scheuer versucht, gleichzeitig Vorwärts- und Rückwärtsgang einzuschalten: Als Placebo für die Bürger lehnt er Fahrverbote in Städten ab, obwohl es die Gerichte nach und nach vorschreiben. Und als Seelenbalsam für die Autohersteller weist der Verkehrsminister gleichzeitig zurück, die Konzerne zu Hardware-Nachrüstungen für Diesel-Fahrzeuge zu verpflichten. Wer sich zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang nicht entscheiden kann, der bleibt aber auf der Stelle – bis er möglicherweise bald zum Schrottplatz abgeschleppt wird. Scheuer wird sich also bald bewegen müssen, ob er nun will oder nicht.

Es gibt drei ehrliche Lösungen: Entweder zahlen die Hersteller auch in Deutschland spürbare Entschädigungen, oder sie zahlen den geprellten Kunden eine technisch einwandfreie Nachrüstung zur besseren Abgasfilterung. Als dritte Variante käme ins Spiel, dass die Politik Fahrverbote für einen längeren Zeitraum verhindert. Was jedoch juristisch und gesundheitspolitisch heikel wäre.

Das Treten auf der Stelle bleibt indes eine Milchmädchenrechnung: In dem Maße, in dem sich die Konzerne einer Diesel-Nachrüstung auf eigene Kosten verweigern, fehlt den geprellten Kunden viel Geld, um neue Autos zu kaufen. Von Frust und Imageverlust ganz zu schweigen.

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