Freitag, 10.08.2018

Etwas mehr Zuversicht in die Schultüte

Manchmal fühle ich mich in diesen Zeiten wie bei den Bürgern im alten Rom. Des Wohlstands und der Freiheiten sind viele offenbar überdrüssig geworden. Oder handfester ausgedrückt: Wenn’s dem Esel zu bunt wird, geht er aufs Eis. Und das kann extrem brüchig sein, wie die Geschichte des antiken Rom gezeigt hat.

Die Arbeitsmarktlage in Deutschland ist so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr, die Steuerquellen sprudeln wie lange nicht, die Lebenserwartung ist so hoch wie nie, wir kommunizieren, wie es sich der legendäre Captain James T. Kirk auf dem Raumschiff Enterprise in den kühnsten Science-Fiction-Träumen vor nur 30 Jahren nicht hätte vorstellen können – und jungen Menschen in Deutschland steht eine hervorragende berufliche Zukunft in Aussicht. Dennoch kreisen die Gedanken bei vielen einzig um Ängste und Krisen: Flüchtlingskrise, Immobilienkrise, Umweltkrise, Klimakrise, Bankenkrise, Euro-Krise, Diesel-Krise, Gerechtigkeitskrise. Ich will hier nicht naive Schönfärberei betreiben, aber ganz offensichtlich gibt es bei uns gleichermaßen eine wachsende Krise in der Wahrnehmung.

Da frage ich mich, wie es Zeit- und Leidensgenossen meiner Schwiegermutter ehedem gelungen ist, voller Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Sie nämlich musste vor rund 70 Jahren hungernd und mit einem kleinen Köfferchen frühmorgens auf dem Sportplatz antreten – um dann im Viehwaggon aus dem Sudetenland in ein kriegszerstörtes und geteiltes Deutschland vertrieben zu werden. Aller Habe beraubt, keine Freunde, geblieben war nur eine Erinnerung, die langsam verblasste.

Just zum festlichen Schulstart unserer ABC-Schützen am heutigen Tag sollten wir uns deshalb erlauben, den Horizont wieder stärker zu öffnen, für die neue Generation ein wenig mehr Hoffnung und Optimismus zu versprühen. Da hilft vielleicht auch ein Blick zurück auf den eigenen ersten Schultag. Bei mir war das 1969, gerade mal einen Monat nach der ersten Mondlandung. Wir waren weit über 40 Kinder in der Grundschulklasse, denn die geburtenstarken Jahrgänge ließen die Räume förmlich überquellen. Die ersten Buchstaben lernten wir mit Kreide auf einer Schiefertafel mit Schwämmchen, verbale und körperliche Züchtigung waren für die Lehrer noch ein pädagogisches Mittel der Wahl. Wer beim Quatschen im Unterricht auffiel, musste bis zum Ende der Schulstunde den Finger auf den Mund legen oder zur Abschreckung für alle Klassenkameraden stumm in der Ecke stehen. Da half auch kein Elternabend – schon gar kein Schulsozialarbeiter oder eine pluralistisch besetzte Schulkonferenz mit Eltern- und Schülerbeteiligung, denn die gab es nicht.

Auseinandersetzungen zwischen den Schülern waren an der Tagesordnung, insbesondere auch mit spanischen, portugiesischen, italienischen oder griechischen Gastarbeiterkindern – und nicht selten verlief das handfest. Doch irgendwie gelang es den Lehrern, die durchaus multikulturelle Horde im Zaum zu halten und uns Schülern irgendwie das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Mitunter besser als heute, mag mancher Pessimist nun argwöhnen. Und wundersamerweise kehrten nach und nach auch mehr Harmonie und Verständnis zwischen den Schülern unterschiedlicher Nationalitäten ein, denn wir entdeckten, dass es bei allen sprachlichen und kulturellen Unterschieden doch eine Menge Gemeinsamkeiten gab – spätestens auf dem Fußballplatz oder beim Treffen in der Eisdiele.

Zugleich ist es verdammt schön zu betrachten, wie viel sich seit diesen Tagen zum Positiven verändert hat. Weder die Schulen noch die Mitsprache, weder die Ausbildung noch die beruflichen Chancen, auch nicht die von Abgasen geschwängerte Luft oder die von Altlasten verpestete Landschaft waren damals besser. Doch, eines vielleicht: Das allgemeine Wehklagen war geringer. Vielleicht sollten wir daran als Vorbilder für unsere ABC-Schützen ein wenig stärker arbeiten. Denn Zuversicht kann so unendlich motivierend sein.

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