Donnerstag, 13.04.2017

Die Sehnsucht nach der ersten Reihe

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Die Sehnsucht nach der ersten Reihe leben sie, lieber Herr Rietschl, in ihrem eigenen Blog doch am besten vor und merken es lustigerweise nicht einmal. Während (...)

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Es funktioniert wie ein ungeschriebenes Gesetz: Wo auch immer Menschen zusammentreffen, gibt es eine Rangordnung, die sich wie von selbst findet. So erstaunt es mich immer wieder, wie bei öffentlichen Veranstaltungen diejenigen, die sich – berechtigt oder nicht – von Amts oder ihrer Verdienste wegen als wichtig einschätzen, wie selbstverständlich die Plätze in der ersten Reihe aufsuchen, auch wenn die Sitzordnung nicht durch Namensschilder gelenkt ist. Wie im Übrigen auch diejenigen, die meinen, in Rang und Bedeutung nachzustehen, freiwillig auf Reihe eins verzichten.

Erste Reihe ist also wichtig. Auch, weil erste Reihe persönliche Begrüßung verheißt, was noch einmal als Aufwertung gewertet werden darf. Wer nicht persönlich begrüßt wird, aber in der ersten Reihe sitzt, empört sich still und wünscht sich entweder insgeheim in eine der hinteren Reihen oder aber den Gastgeber zum Teufel.

Beispiele: Der bedeutsame Regionalpolitiker bei der Verleihung des Paul Lincke Rings. Er sucht und sucht, findet sich aber nicht auf einem der in der ersten Reihe ausgelegten Namensschilder wieder. Weil er sein Amt aber wichtig findet und sich selbst ohnehin, beschließt er, dass das jetzt ein Affront ist und weist seinen Fahrer per Handy an, unverzüglich am Kurhaus vorzufahren. Denn er will nun der Verleihung fernbleiben. Bis eine helfende Hand dem Manne (dieses Ego-Problem ist vor allem männlich!) den Weg zu seinem Platz in der ersten Reihe weist, den er bei anschwellender Empörung Minuten zuvor übersehen hatte.

Machtkampf seinerzeit in der AfD. Als Professor Bernd Lucke die Partei noch anführte, setzt sich Frauke Petry vor Beginn einer Vorstandssitzung provokant auf den Stuhl des Vorsitzenden. Lucke reagiert zunächst verzweifelt, nämlich gar nicht, weil er die Rückeroberung seines Stuhls mittels Gewaltanwendung ausschließt. Als Petry aber noch einmal kurz den Raum verlässt, stellt er flugs einen Stuhl neben den Ihren. Immerhin gelingt ihm so ein kleiner Geländegewinn. Genutzt hat ihm das bekanntlich nicht.

Diese Beispiele zeigen klar, woher wir kommen. Für die Tierwelt ist derlei Gehabe unabdingbar, weil durch die permanente Verteidigung des Ranges nicht nur die Ordnung im Clan, sondern auch die „Qualität der Gene“ bei der Fortpflanzung sichergestellt wird. Und dafür ist nun mal der Clan-Chef zuständig.

Wobei wir „Zivilisierten“ das ja eigentlich nicht nötig haben. Denn der Besuch des Kurhauses in Hahnenklee anlässlich einer Preisverleihung dient ja wohl nicht der Positionierung des Alpha-Männchens bei sich eventuell an den Festakt anschließenden Fortpflanzungsaktivitäten. Es handelt sich eher um eine verhaltenspsychologische Endmoräne aus uralten erdgeschichtlichen Zeiten, als der homo sapiens dem Affen noch in Vielem gleich tat.

Noch ein Beispiel: das Foto für die Medien. Es sind die Namenlosen aus der „mein-Gott-bin-ich-wichtig-Kaste“, die plötzlich am linken und rechten Bildrand im Sucher der Kamera auftauchen. Sie schmiegen sich wie Knetgummi um die prominente Person und das mit einem Lächeln von fast hysterischer Verzückung. Man ist mal wieder wer.

Wenn man also kein Spitzenpolitiker, kein Dax-Manager, kein Künstler oder Kirchenfürst und kein hochrangiger Uniformträger ist, dann muss man sich anderweitig Bedeutung verschaffen. Die deutsche Vereinslandschaft bietet dafür breit aufgestellte Möglichkeiten und das hat sein Gutes: Das zu Recht hochgelobte Ehrenamt würde verkümmern, die Kommunalpolitik wäre eine menschenleere Wüste und die deutsche e.V. Landschaft ein ausgetrockneter See, wenn es nicht diesen Bedeutungsdrang gäbe. Es ist das Wesen des Menschen, nach Anerkennung zu streben. Bedeutung, Anerkennung sind Synonyme für die Sehnsucht, von den Mitmenschen bewundert, ja geliebt zu werden. Es lebe also die erste Reihe mit allem, was dazugehört.

Was aber können wir Willi Wichtig und seinen Gesinnungsgenossen zuraten? Nicht viel, außer vielleicht mal ein kleines Experiment zu wagen: Setzen Sie sich doch mal freiwillig in die letzte Reihe: Sie werden Ihre Beobachtungen machen. Und dann kommt vielleicht der Wunsch von ganz alleine: Nie wieder erste Reihe!

Schreiben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de.








Kommentare
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kassandro schrieb am 13.04.2017 21:47

Die Sehnsucht nach der ersten Reihe leben sie, lieber Herr Rietschl, in ihrem eigenen Blog doch am besten vor und merken es lustigerweise nicht einmal. Während die Blog-Beiträge der anderen Redakteur(innen/e) in der Reihenfolge ihres Erscheinens in der Übersicht aufgeführt werden und schnell aus dieser herausfallen, steht der letzte Beitrag des Chef-Redakteurs immer an erster Stelle.

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