Freitag, 27.04.2018

Die Quittung mit Zins und Zinseszins

Wenn Banken oder Sparkassen in der Region Geschäftsstellen schließen, ist das für Kunden in den Orten bitter, keine Frage. So sind in diesen Tagen die verbalen Klimmzüge der Volksbank Seesen wahrlich nur ein schwacher Trost: Zwischen Salzgitter und Einbeck sollen zehn kleine Filialen oder Selbstbedienungsstellen mit Automaten wegfallen. Die Kunden rund um Goslar können zunächst aufatmen, denn die Volksbank-Filialen in Lutter und Langelsheim sind nicht betroffen.

Enttäuschung und Kritik über „Streichkonzerte“ bei regionalen Banken sind derweil nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt: Konjunktur, Weltwirtschaft, öffentliche Verschuldung, Trends und nicht zuletzt auch die Kunden selbst sind wesentliche Urheber der ganzen Geschichte. Da sitzt kein Banker mit feinem Anzug am Schreibtisch im Chefsessel, um vermeintlich zu sinnieren, wo sich die nächsten Filialen am leichtesten dichtmachen lassen. Denn just durch die regionale Nähe der Genossenschaftsbanken und Sparkassen zu ihren Kunden sollte jeder Rückzug in der Fläche doppelt und dreifach überlegt werden. Schließlich sind Mitarbeiter wie Vorstände auch Teil des regionalen Lebensumfelds. Das ist durchaus eine Art sozialer Kontrolle, die da wirkt – und ganz besonders für Unternehmen gilt, die ihre Wurzeln hier bei uns vor der Haustür haben. Ihre Entscheidungen werden schnell zum Stadtgespräch, und bittere Entscheidungen können dann zum Spießrutenlauf werden, dem sich niemand gerne aussetzt.

Auch die heimischen Banken müssen ordentlich ihre Hausaufgaben erledigen, unternehmerische Fehler gehören mit kritischer Betrachtung auf den Tisch. Doch seit Jahren müssen sie zugleich Fehler mit ausbaden, die fernab in den Banktürmen der Finanzmetropolen begangen worden sind. Viele von den Großbanken hatten seit Ende der 1990er-Jahre mit wachsender Überheblichkeit und riskanten Manövern demonstriert, was sie von Kleinkrediten und Tante Emmas Sparbuch hielten – wenig oder gar nichts mehr. Dieses Geschäft überließen sie den regionalen Instituten. Doch durch waghalsige und schier abenteuerliche „Produkte“ aus dem Orbit der Investmentbanker brach 2008 die Weltwirtschaftskrise aus, deren Folgen bis heute nicht verdaut sind.

Deutschland hat zwar die Krise vergleichsweise gut und schnell überwunden, Konjunktur und Arbeitsmarkt florieren seit Jahren besser als zuvor. Aber die zur Konjunkturbelebung entstandenen Niedrigstzinsen bedeuten auf der anderen Seite der Krisenbilanz auch enorme Schwierigkeiten: Sie senken bei Kreditinstituten die geschäftlichen Margen, die regionale Genossenschaftsbanken und Sparkassen eben nicht so leicht durch Turboprodukte auf dem internationalen Parkett kompensieren können.

Vom billigen Geld profitieren gleichermaßen die öffentlichen Haushalte – ob Bund, Länder oder Kommunen, die mit millionenschweren Kassenkrediten ihre Girokonten quasi zum Nulltarif überziehen können. Derweil liegen aber die Renditen für Renten und Versorgungskassen am Boden, was sich drastisch auf die Altersversorgung der Arbeitnehmer auswirkt.

Hinzu kommen die Trends des Digitalzeitalters, die in den 90er-Jahren etwa bei den Telefonzellen auf den Dörfern begannen. Von gelben Fernsprecherkabinen ist heute nichts mehr zu sehen. Wer ist noch ohne Handy unterwegs? Und fragen wir mal einen jungen Menschen, wie ein Telefon mit Wählscheibe funktioniert. In anderen Dienstleistungsbereichen setzt sich das mit großer Wucht fort – beispielsweise beim Online-Banking. Je mehr Plastikgeld und Überweisungen per Mausklick eine Rolle spielen, desto weniger Besuch gibt es bei den Bankern in den Filialen.

So bleiben natürlich auch Genossenschaftsbanken und Sparkassen von digitalen Megatrends, öffentlichen Schuldenbergen, internationalen Finanzjongleuren und unseren Bankgeschäften ganz bequem zu Hause auf dem Sofa nicht unbeeinflusst.

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