Freitag, 16.06.2017

Die Frikadelle als Klimaretter

1 Kommentar(e)
Sicherlich ist die künstliche Herstellung von Fleisches oder etwas ähnlichem viel einfacher als die von komplexen Organen, wovon man allen Sensationsmeldungen (...)

Mehr Kommentare >

Noch einmal das Thema Klimawandel. Hatte ich vor zwei Wochen darüber geschrieben, dass US-Präsident Donald Trump den Klimawandel anzweifelt und damit seinem Land wichtige Schritte in die Zukunft verbaut, so hat einige Leserinnen und Leser das Thema nicht losgelassen. Einen Hinweis fand ich so spektakulär, dass ich ihn heute zum Thema mache:

Professor Mark Post von der Universität Maastricht hält möglicherweise den Schlüssel zur Lösung vieler aktueller Probleme auf dieser Erde in der Hand. Er hat bereits im Jahr 2013 aus der Nackenzelle einer Kuh einen Burger hergestellt. Ja, Sie lesen richtig: Einen Hamburger! Durch Zellteilung in einer Petrischale. Einziger Nachteil bisher: Der biotechnologisch hergestellte Fleischklops schmeckte eher fad und er war unglaublich teuer: 250000 Euro kostete die allererste Forschungs-Frikadelle.

Aber es ist nachgewiesen, dass man Fleisch aus tierischen Zellen herstellen kann. Schnitzel, Kotelett, Steak und Hühnerbrust, ohne dass dafür ein Tier gezeugt, geboren, aufgezogen und geschlachtet werden muss. Dieses so genannte In-vitro-Fleisch könnte vieles ändern auf unserem Planeten.

Erst vor wenigen Tagen hat der Philosoph Richard David Precht beim Zukunftsdialog Agrar & Ernährung der „ZEIT“ in Berlin das Ende der Massentierhaltung vorausgesagt und mehr noch: Auch das Ende aller damit zusammenhängenden Umweltprobleme.

Denn Precht ist überzeugt: In 20 Jahren wird es keine Massentierhaltung mehr geben. Schlachthäuser, die tausende Tiere in unwürdiger Weise unserem Fleischhunger ausliefern, können geschlossen werden, weil sie unnütz geworden sind. Weil das Angebot im Kühlregal des Supermarktes aus „Fleischfabriken“ kommt, in denen nie ein Tier verarbeitet wurde.

Internationale Unternehmen investieren mittlerweile große Summen in die Forschung und Entwicklung dieser Fleischerzeugung. Denn so wie die Medizin daran forscht, Organe zu züchten, so wie man flächige Brandverletzungen mittels gezüchteter Eigenhaut-Transplantation behandelt, so kann man durch Zellteilung Fleisch herstellen. Und nicht nur das: Man kann sogar den Fettanteil bestimmen.

Die schädliche und für die Tiere unwürdige Massentierhaltung, die gegenwärtig in hohem Maße für die klimaschädlichen Auswirkungen auf diesem Erdball verantwortlich ist, hätte ausgedient. So mit den die Erdatmosphäre belastenden Methangasen oder mit der Ausbringung der Gülle auf die Felder, die mittlerweile alarmierend stark unser Trinkwasser mit Nitraten belastet.

Im Durchschnitt verzehrt der nicht vegane Teutone im Laufe seines Lebens 1094 Tiere: Vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. So ist es aktuell im Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung ausgewiesen.

Aus einleuchtendem Grund: Denn des Deutschen Fleischeslust ist gegenwärtig viel zu billig: Schweinekamm für 69 Cent pro 100 Gramm darf es eigentlich nicht geben. Das Fleisch wird nämlich unter Bedingungen erzeugt, die weder für die Tiere noch für den Verbraucher gut sind. Schweinezucht mit Dunkelmast, Transport-Stress, oft über hunderte Kilometer Entfernung in die Großschlachtereien, dazu Einsatz von Antibiotika. Was dabei herauskommt, sind für die Kreatur Qualen und für den Verbraucher PSE-Fleisch (Pale=bleich, Soft =weich, Exudative= schwitzend). Wer will wirklich so etwas essen?

Um aber einer Ernährungs-Revolution zum Erfolg zu verhelfen (da die Verbraucher dem Petrischalen-Hack erst einmal reserviert gegenüber stehen würden), müsste meines Erachtens Folgendes eintreten: Das konventionelle Angebot von Fleisch aus der Lebendtier-Produktion müsste sich deutlich verteuern. Das In-vitro-Fleisch müsste umgekehrt im Preis attraktiv werden. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn die Produktionskosten könnten wegen des Wegfalls der Kosten für Aufzucht, Futter, Stallkosten, Gülle-Entsorgung, Medikamente, etc. deutlich gesenkt werden, sofern die Biotechnologie die Erzeugung industriell und im großen Stil betreibt. An dem Tag, an dem sich beider Preislinien schneiden, hätte diese Revolution ihren Durchbruch. Schreiben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de.







Kommentare
Die Kommentare geben nicht die Meinung der Zeitung wieder. Sie sind Einzelmeinungen der Leser, keine repräsentative Auswahl.

kassandro schrieb am 20.06.2017 23:00

Sicherlich ist die künstliche Herstellung von Fleisches oder etwas ähnlichem viel einfacher als die von komplexen Organen, wovon man allen Sensationsmeldungen zum trotz noch weit entfernt ist. Ich finde es dabei ausgesprochen lustig, dass ausgerechnet Leute wie sie, Herr Rietschel, die gegen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel wettern, jetzt nach solchen viel künstlicheren und deswegen auch riskanteren Nahrungsmitteln schreien, um das Klima zu retten. Tatsächlich ist es sehr schwer, dem Menschen künstliche Nahrungsmittel schmackhaaft zu machen. Coca Cola erscheint mir bislang der größte "Erfolg" in dieser Hinsicht zu sein, obwohl auch dieses Produkt nur teilweise künstlich ist.

Jetzt kommentieren Diesen Kommentar melden