Freitag, 12.05.2017

Der Clausthaler Patient

Es gibt aktuell Pläne, dass bundesweit kleine Krankenhäuser dichtmachen müssen und nur größere Häuser mit spezialisierter Ausrichtung eine Überlebenschance haben werden.

Denn es ist nachvollziehbar, dass ein spezialisiertes Krankenhaus mehr Routine und damit mehr Sicherheit und Qualität für den Patienten bieten kann, als ein kleines Haus mit seinem klassischen Querschnitts-Angebot. Wer wollte sein Knie nicht lieber einem erfahrenen Chirurgenteam mit mehreren hundert Knie-OPs im Jahr anvertrauen, als sich einem Haus auszuliefern, in dem diese Operation vielleicht zwei-, dreimal im Jahr gemacht wird.

Als am Mittwoch dieser Woche Sozial-Staatssekretär Jörg Röhmann der Asklepios-Harzklinik Clausthal seine Aufwartung machte, da verkündete er nach einem Gespräch hinter verschlossenen Türen, dass nun alle gemeinsam hinter der mit 3,8 Millionen Euro geförderten Investition in die Geriatrische Klinik stehen. Und er sprach gar von einem Schulterschluss zwischen Asklepios und Politik. Ich melde da Zweifel an, denn dieses Geld taugt nicht unbedingt dazu, damit die Zukunft des Hauses abzusichern.

Denn einer Klinik mit aktuell 28 Betten bescheinige ich keine große Zukunft, auch wenn sie jetzt im Bestand modernisiert wird. Diese Bonsai-Lösung muss an den oben angedeuteten Plänen, die ich unvermeidlich auf die deutsche Krankenhauslandschaft zukommen sehe, letztlich scheitern.

Dies bestätigt im Grunde auch die Goslarer Asklepios-Regionalgeschäftsführerin Adelheid May. Sie hatte bereits 2015 über das Clausthaler Haus gesagt: „Man muss die Bedarfsgerechtigkeit hinterfragen.“ Bei nur 260 Patienten pro Jahr aus dem Oberharz werde das deutlich. Und sagt heute: „Die künftige Größe des Hauses und auch einzelner Fachabteilungen, bestimmt durch die Bettenzahl, ist stets mit ausschlaggebend für die Zukunftsfähigkeit. Krankenhäuser stoßen ab einer bestimmten Bettenzahl betriebswirtschaftlich gesehen an ihre Grenzen.“

Asklepios kämpft seit einiger Zeit darum, das Haus auf rund 80 Betten ausbauen zu dürfen. Doch wird das vom Land nicht gestattet. Staatssekretär Röhmann hatte am Mittwoch die Latte noch einmal hoch angelegt: Ja, wenn Asklepios dauerhaft eine Belegung von Minimum 85 Prozent nachweisen könne, dann lasse sich über einen Bettenausbau reden.

Alternativ – auch wenn nie offiziell eingestanden – gibt es den Plan, Clausthal zu schließen und die Geriatrie nach Goslar zu verlegen. Das hätte zwar den Vorteil, dass sich dort viele Fachabteilungen unter einem Dach befinden, was bei den meist multimorbiden Patienten Sinn macht, aber den Nachteil, dass dies für den Oberharz ein inakzeptables Politikum wäre.

Wenn man aber das Haus nicht schließen darf, worauf Land und Landkreis mit Hinweis auf vertragliche Verpflichtungen aus dem Verkauf an Asklepios vehement pochen, dann muss man zulassen, dass es eine betriebswirtschaftlich tragfähige Größe hat, also mehr Betten als bisher.

Was meines Erachtens mit Blick auf die Demografie im Oberharz Sinn macht. Die Bevölkerung altert rapide, altersbedingte Erkrankungen nehmen zu.

Es kommt aber noch ein weiterer Aspekt hinzu. Unlängst berichtete diese Zeitung, dass die Ärztekammer Niedersachsen die Harzklinik Clausthal-Zellerfeld nicht mehr als Weiterbildungsstätte (Fachrichtung Innere Medizin) für Ärzte anerkennt. Weil Voraussetzung für die Anerkennung mindestens zwei dort tätige Fachärzte sind, die sich aber dank niedriger Bettenzahl offenbar nicht rechnen. Denn Asklepios selbst hatte das Haus in der Vergangenheit bereits ausgedünnt, wenn nicht gar ausgeblutet. Mit der Folge, dass Clausthal für Assistenzärzte kaum noch interessant ist, weil am Haus die berufliche Qualifizierung zum Facharzt nicht mehr möglich ist. Die Folge: Der ohnehin chronische Ärztemangel in der gesamten Harz- und Vorharzregion verschärft sich weiter und gefährdet ebenfalls den Bestand dieses Krankenhauses.

Mit den 3,8 Millionen Euro pumpt das Land also viel Geld in eine Einrichtung, die meines Erachtens selbst längst Patient ist. Wichtiger wäre es, wenn Bund und Länder in tragfähige Konzepte für eine qualitativ hochwertige Medizinversorgung der Zukunft investieren würden. Dies könnte bedeuten, dass man:

sich in der Zukunft von kleinen, fachmedizinisch nachrangigen und betriebswirtschaftlich nicht mehr tragfähigen Häusern trennt,

das frei gewordene Geld gezielt in den Ausbau spezialisierter Kliniken und zur Verbesserung der Notfallversorgung der ländlichen Bevölkerung investiert,

und in der Fläche die Grundversorgung mit Praxen (Kassensitze) und medizinischen Versorgungszentren ausbaut.

Schreiben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de