Montag, 09.07.2018

Der „nordische Faust“ in der vierten Dimension

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Bad Hersfeld. Die Bad Hersfelder Festspiele mit ihrer Stiftsruine bieten eine wahrlich eindrucksvolle deutsche Theater-Bühne. Die Premiere zu „Peer Gynt“, nach dem dramatischen Gedicht des Norwegers Henrik Ibsen (1828 bis 1906), untermauerte dies am Wochenende. Insider und Theaterfreunde blickten gebannt auf die Arbeit des neuen Intendanten Joern Hinkel, dem die Festspielstadt das Vertrauen schenkte – als Nachfolger von Dieter Wedel (78). Die öffentliche Debatte um Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs hatten Wedel zum Rückzug aus Hersfeld gezwungen.

Hinkel präsentierte sich am Premierenabend mit einer vielbeachteten Rede, und der Zustrom aus Showbusiness, Wirtschaft und Politik auf dem roten Teppich vor der Stiftsruine schien nicht minder prominent zu sein als in den vergangenen Jahren.

Wedel wollte für 2018 ursprünglich Schillers „Don Karlos“ in einer kompletten Neubearbeitung auf die Hersfelder Bühne bringen. Stattdessen setzt Hinkel auf „Peer Gynt“, dessen Stoff der Regisseur Robert Schuster spannungsvoll in die Welt von heute transformiert hat. Es geht um das Leben, die Träume, Ängste, charakterlichen Untiefen eines Bauernjungen aus der nordischen Einöde. Sein Ziel: weit mehr zu scheinen, als er ist. Erst erfindet er phantastische Geschichten für die Dorfbewohner, dann lässt er gebrochene Herzen zurück und macht sich auf in die weite Welt zu skurrilen Abenteuern, um sich selbst zu verwirklichen – oder sich selbst zu finden. Was oder wer bin ich? Ein altes Menschheitsthema also, das gerade in Zeiten von Social Media, Fake News, Machtgier, politischer Demagogie und multimedialen Profil-Neurosen ein schillerndes theatralisches Spielfeld eröffnet. Wir alle kennen solche Typen – die sich Doktortitel erschleichen, Adelstitel kaufen, Krankheiten erfinden, schwierige Kindheit oder die effektheischende Selbstdisziplinierung aus der Sucht als staatstragend inszenieren.

Regisseur Robert Schuster setzt den „nordischen Faust“ so facettenreich um, dass es dem Publikum wie den Mimen mitunter den Atem nimmt. Videowände bewegen sich wie von Zauberhand auf der Bühne und schaffen eine vierte Dimension. Schauspieler steigen dahinter fleischgeworden aus dem Bild oder tauchen zweidimensional in die Tiefe des Meeres ab. Das Publikum wird animiert zu Fitnessübungen, Schauspieler schreiten durch die Reihen oder verschwinden zugleich in der Weite und Tiefe des Kirchenschiffs der Stiftsruine. Die Heimfahrt des gealterten Peer Gynt aus Übersee wird mit Video, Sound und Dialog der Protagonisten im Rauschen des Meeres dermaßen wirkungsvoll inszeniert, dass so manchen im Publikum die Seekrankheit beschleicht. Wie eine Mixtur aus Tagesschau und Talkshow wirkt die Szenerie im Irrenhaus der Gynt’schen Welt, wo Wahlkampf à la Donald Trump angesagt ist. Und die reinherzigste Seele im Stück, Gynts lebenslang wartende Herzensfrau Solveig, verkörpert eine in Kopftuch gehüllte Afghanin.

Zugleich baut Regisseur Robert Schuster den dramatischen Handlungsstrang Ibsens völlig neu auf. Das Stück beginnt in Gynts praller Lebensmitte, in selbstreflektierenden Rückblenden und Traumszenen erschließt sich nach und nach die Kindheit. Der junge Peer ist dabei ein artistisches Puppenspiel, wechselweise auf der Bühne, auf der Videoleinwand oder beides zugleich.

Im Kontrast zur technisch-dramaturgischen Fülle setzt Schuster wörtlich auf Ibsens urtümliche Kraft der Dialoge in Versform, immer wieder in moderner Sprache interpretiert. Das Ganze läuft mitunter so rasant, als wenn beim Sprechen die Spieldauer verkürzt werden sollte. Denn nicht alle im Ensemble beherrschen die Kraft von Wort und Artikulation so grandios wie Christian Nickel alias Peer Gynt in der Hauptrolle. Auch Corinna Pohlmann als Trollprinzessin, Nina Petri alias Dr. Begriffenfeld, Leena Alam als Solveig und Anouschka Renzi als Stimme der Finsternis wissen zu überzeugen. Großartig verleiht Gloria Iberl-Thieme dem jungen Peer Gynt als Puppenspielerin Kontur und Stimme.

Der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen hielt Ibsens Stück ehedem für das schrecklichste, das er je gelesen hatte. Mehr als drei Stunden dauert das großartige Schauspiel in Bad Hersfeld. Bei Kritikern und Publikum wird es wiederum auf wechselvolle Resonanz stoßen – zwischen Verriss und rauschendem Applaus. Aber so soll anspruchsvolles Theater ja sein: ein Kunst-Stück der Unterhaltung, das Zuschauer als Erlebnis mit nach Hause tragen können. Zum Nachdenken, zur Selbstreflexion, vielleicht auch auf der Suche nach dem eigenen Ich.







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