Freitag, 25.05.2018

Das Datum für den Datenschutz

Mein Vorschlag für das „Wort des Jahres“ steht fest: Datenschutzgrundverordnung. Alternativ auch für die Kategorie „Unwort des Jahres“. Zwar knistert die DSGVO als Vorgabe für 28 Länder der Europäischen Union schon seit zwei Jahren im Gebälk der Unternehmen, aber wie so oft ist ein solches regulatorisches Werk erst kurz vor Toresschluss so richtig ins Rampenlicht gerückt. Und genau gestern sind die neuen Datenschutzregeln nunmehr in Kraft getreten.

Wie, noch nichts von all dem gehört, was angeblich in aller Munde ist? Dann geht es Ihnen offenbar so wie rund einem Drittel aller kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland. Und kaum mehr als ein Fünftel dieser Unternehmen hatten sich bis gestern tatsächlich für die Umsetzung der DSGVO präpariert. Das zumindest geht laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft aus einer Forsa-Umfrage hervor. Und abmildernd gibt demnach der Zentralverband des Deutschen Handwerks ein Stück weit Entwarnung, denn die neuen Datenschutzregeln der EU brächten zumindest für deutsche Handwerksbetriebe nur wenige praxisrelevante Änderungen mit sich.

Praxisrelevante Auswirkungen

Denkste! Der besondere Schutz von „personenbezogenen Daten“ hat für alle Betriebe durchaus praxisrelevante Auswirkungen. Beispiel gefällig? Nehmen wir etwa die Bewerbungen für neue Jobs: Wer eine Stelle ausschreibt und Bewerbungen entgegennimmt, darf sie maximal ein halbes Jahr aufbewahren. Eine längere Aufbewahrung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Bewerber erlaubt. In der Praxis heißt dies, dass eingegangene Bewerbungen sowohl digital vom E-Mail-Server als auch auf Papier nach dieser Frist aus den Aktenschränken verschwinden müssen – oder alternativ aus den Untiefen einer Schreibtischschublade. Und überhaupt: Es ist fortan nur noch ein einziges ausgedrucktes Papierexemplar einer Bewerbung erlaubt.

Wer ein Unternehmen betreibt, sollte also alarmiert sein, wenn nach einem halben Jahr ein abgelehnter früherer Bewerber im Personalbüro auftaucht, auf die Datenschutzgrundverordnung verweist und freundlich um Aushändigung aller ausgedruckten Exemplare seiner Bewerbung bittet. Eins, zwei, drei – ist eine Strafe mit dabei.

Ohnehin steht zu befürchten, dass sich Heerscharen von Anwälten und Abmahnvereinen bereits die Hände reiben, sich vom Segen der Datenschutzgrundverordnung in den kommenden Monaten und Jahren eine schöne Scheibe abzuschneiden. Kanzleien, wie sie etwa auch unter den Insolvenzverwaltern zu finden sind. Denn deren Ziel ist leider oft gar nicht, in Schieflage geratene Unternehmen zu retten, wieder auf gesunde Beine zu stellen und damit zugleich Arbeitsplätze zu retten – sondern, aus der verbliebenen Finanzmasse so lange Nektar zu saugen, bis auch der letzte Cent in die eigene Tasche oder aber in die Kassen von befreundeten Gutachtern geflossen ist.

Datenhandelskonzerne

Den Letzten beißen die Hunde, heißt dieses Prinzip im Volksmund – wie es auch im Falle der Datenschutzgrundverordnung deutlich wird: Im Kern soll sich die EU-Regelung ja an die internationalen Datenhandelskonzerne wie Facebook, Google und Konsorten richten, die aus personenbezogenen Daten längst ein Multimilliardengeschäft entwickelt haben und am Ende auch der Manipulation bis hin zu politischen Wahlen Tür und Tor öffneten. Anders als viele kleine und mittlere Unternehmen haben diese vor Erträgen und Steuererleichterungen strotzenden Konzerne ihre Hausaufgaben in puncto Datenschutzgrundverordnung allerdings längst erledigt. So werden sich die Abmahnvereine und Kanzleien mit den Großen kaum anlegen – sondern vermutlich lieber und ergiebiger mit vielen Kleinen.

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de