Montag, 25.06.2018

Chi-Ae Willgeroth: Mit dem Daumen „irgendwo dazwischen“

Leserbrief

Nein, mit Fußball habe sie so eigentlich gar nichts am Hut, meint Chi-Ae Willgeroth geborene Im, die aus dem Land des deutschen Vorrundengegners Südkorea kommt. Und da die 59-Jährige schon seit 1981 in Deutschland und damit länger hier als je in ihrem Heimatland lebt, wüsste sie auch gar nicht, wem sie morgen die Daumen drücken sollte. Koreanerin oder Deutsche? „Irgendwo dazwischen.“

Kaum Erinnerung an den Geburtsort

Der Reihe nach. Geboren wird die Frau in Cheorwon. Ausgerechnet dort an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea am 38. Breitengrad, wo 1953 die heftigsten Kämpfe im Korea-Krieg mit der „Schlacht am Eisernen Dreieck“ getobt hatten. Und, noch ein Zufall, wo der Vater als Militärarzt gerade stationiert war. Von ihrem Geburtsort weiß die Tochter indes so gut wie nichts mehr.

Dennoch war die Überraschung umso größer, als im vorigen und in diesem Jahr die neue Partnerschaft zwischen Cheorwon und Bad Harzburg entstand, ausgelöst durch eine üppige Bücherspende aus der Kur-stadt unter dem Blickwinkel einer Parallel-Vergangenheit als Grenzort in einem geteilten Land.

Nach Deutschland kam Im Chi-Ae als 23-Jährige, „weil ich auf jeden Fall im Ausland studieren wollte“. Ihre Mutter war schon seit den Siebzigern da, weil die materiellen Möglichkeiten in Südkorea nicht ausreichten, um die Familie mit einem inzwischen erkrankten Vater und insgesamt sechs Geschwistern durchzubringen. Da zu der Zeit Pflegenotstand herrschte, arbeitete die Mutter als Krankenschwester in Celle und Hannover.

Studium an der MHH

Auch die Tochter war bereits examinierte Krankenschwester, das vierjährige Studium in Korea reichte als Zulassungsvoraussetzung für ein Medizinstudium hierzulande. Und so nahm die junge Frau nach einem halbjährigen Sprachkurs in Paderborn ein Studium in Hannover an der MHH auf, das sie 1988 erfolgreich abschloss. Nun stand sie allerdings auf der Straße – zwar gab es Pflegenotstand, aber auch Ärzte- schwemme.

Hochzeit mit Physiker

Das Visum drohte abzulaufen, doch die Rettung nahte 1989 bei einer Sprachen-Veranstaltung an der Uni Braunschweig in Person des gelernten Physikers und praktizierenden Lehrers Hans Willgeroth. Man lernte sich kennen, heiratete noch im selben Jahr und statt einer Mediziner-Karriere brachte die Asiatin vier Kinder zur Welt, die heute zwischen 18 und 28 Jahren alt sind. Seit dem Jahre 2004 arbeitet sie wieder, zurzeit beim Plasmacenter CSL in Braunschweig.

Lange lebte die Familie in Wolfenbüttel, bevor Willgeroth 2010 ins elterliche Haus am Elfengrund im Schatten der Harzburger Gestütswiesen zurückkehrte. In die Wolfenbütteler Zeit fielen auch die ersten beiden WM-Spiele der Deutschen gegen Südkorea, und da man in früherer Zeit stark mit anderen national gemischten Paaren verkehrte, stellte sich schon die Frage, wer am Fernseher zu wem hält. Gelöst wurde es dann allerdings gendermäßig: Die Männer verzogen sich in ein Zimmer, die Frauen in ein anderes... Das 3:2 bei der WM 94 in den USA war übrigens jenes Spiel, bei dem ein gewisser Stefan Effenberg den deutschen Fans nach seiner Auswechslung den berühmten Stinkefinger zeigte und anschließend aus dem Kader flog.

Fernsehgucken wird Chi-Ae Willgeroth auch diesmal, ohne ihre bi-nationale Parallelwelt am Fußballspiel festzumachen. Ihre doppelte Teilungsmentalität von einst mit jeweils zwei getrennten Teilstaaten definiert sie stattdessen so: „In Deutschland war es damals nicht so eisern, in Korea war bis vor kurzem alles absolut dicht.“

Doch dann, einmal warmgelaufen bei Kaffee und Kuchen an diesem heißen Nachmittag auf der Terrasse, offenbart die 59-Jährige, dass sie sehr wohl etwas mit dem Fußball am Hut hat. Die koreanische Eigentümlichkeit „erst Nachname, dann Vorname“ beschreibt sie am Beispiel des einstigen Stürmerstars Bum-kun Cha („der hat in Frankfurt gespielt“), der daheim unter Cha Bum-gun firmiert.

Kontakte zu Fußballern

Und dann ist da ja schließlich auch noch ihre gute koreanische Freundin, die bis zum Vorjahr eine Ferienwohnung im Bad Harzburger Kurviertel betrieb, bevor sie dann zu ihrer Tochter nach München zog. „Die Tochter ist eine gute Bekannte von Manuel Neuer.“ Was daran liege, dass sie sich eh in Fußballerkreisen bewege – als Ex-Frau eines Spielers vom VfL Wolfsburg, „der mit dem Trainer Magath nicht mehr konnte und dann nach Augsburg gegangen ist. Seinen Namen weiß ich allerdings nicht mehr.“ Ob es wohl auch ein Torwart war...?








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