Samstag, 04.11.2017

Beten allein macht nicht gesund

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Herr oder Frau Kassandro, wenn man nur nach dem Äußerlichen geht, bequeme Sessel und ein Sonnendach gut findet, dann armes Deutschland. Es wäre angebrachter, (...)

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Dieses Krankenhaus kommt einfach nicht zur Ruhe: Es leidet unter Pflegenotstand, beklagt der Betriebsrat. Es fehlen Ärzte, besonders in der Anästhesie. Das wissen wir. Patienten berichten seit Jahren davon, was sie in den Asklepios-Harzkliniken erlebt haben und nie wieder erleben möchten. Sie wenden sich ab und anderen Häusern zu.

Auch seit Jahren gibt es Überlastungsanzeigen. Ein wichtiges Instrument der Mitarbeiter, auf Defizite hinzuweisen. Und die Klinikleitung? Sie reagiert darauf mit dem Hinweis, dass man den offenbar überforderten Mitarbeiter auch versetzen könne, wie uns mehrfach berichtet wurde. Das ist wohl eher eine Drohung als Fürsorge. Uns aber, den Medien, erklären sie dann, dass die Überlastungsanzeigen zurückgegangen seien. Na klar, wie denn sonst? Das wären doch mal echte „fake news“...

Seit vielen Jahren berichtet diese Zeitung über das Krankenhaus in Goslar. Weil es ja gut und wichtig ist, dass es nach wie vor ein örtliches Krankenhaus gibt. Aber sie berichtet nicht blind. Neben Nachrichten über Investitionen und den Ausbau der Diagnostik, über neue Chefärzte (wenn sie kommen, wenn sie gehen...), eine Medizin-Serie oder Leser-Sprechstunden hat diese Zeitung stets auch die Probleme angesprochen, wenn sich Betroffene meldeten und über Missstände klagten.

Und daran hat es leider nie gefehlt. Auch wenn der Leiter der Kommunikation, der Medien-Schamane Nehmzow das Haus täglich gesund zu beten versucht. Doch macht Beten allein nicht gesund, es macht die Krankheit allenfalls erträglicher.

Es erstaunt zunächst, wenn wir auf zwei Fragen zur Situation der Pflege ein ellenlanges Referat zurückgeschickt bekommen mit Antworten auf Fragen, die wir gar nicht gestellt haben. Heute aber beklagt sich der Schamane bitter darüber, dass die Zeitung die Antwort der Geschäftsleitung nur extrem verkürzt wiedergegeben habe. Na klar, so entstehen Zerrbilder für die Öffentlichkeit.

Wer ist denn nun schuld am Pflegenotstand bei Asklepios? Ich meine, es sind nicht etwa die unmotivierten und chronisch übel gelaunten Mitarbeiter, die lieber Überlastungsanzeigen schreiben, als sich um ihre Patienten zu kümmern. Es sind auch nicht die ebenso schnell kommenden wie gehenden Ärztinnen und Ärzte, die den Ruf des Hauses gemindert haben. Ich denke, es ist das Management, das es über die Kostenstelle Personal kaputt spart, anstatt dem Haus ein besseres Image zu verschaffen.

Ist es nicht stets der Kopf, an dem die Geruchsentfaltung eines Fisches beginnt? Wenn man mehr an den Äußerlichkeiten herumdoktert, als die Ursachen zu ergründen, muss man sich nicht wundern, dass die Pflege eines Tages auf dem Zahnfleisch humpelt. Nur weil die Fassade des Potemkinschen Dorfes einen Pott neue Farbe bekommen hat, wird es noch lange nicht bewohnbar. Und wenn eine Operndiva eingeladen wird, das Krankenhaus gesund zu singen, ein Wonnebär durch die Stadt tollt, um den Goslarern ein Lächeln für Asklepios abzuringen, dann ist das Kosmetik, aber keine Lösung. Und den Mitarbeitern nützt das alles gar nichts.

Deutschlands Krankenhäuser stehen im knallharten Wettbewerb um Patientengunst und Anteile am großen Kuchen der DRG´s (Abrechnungspauschalen) und der öffentlichen Subventionen. Sie alle konkurrieren mit moderner Medizin. Viele kleine Häuser werden aber mittelfristig in ihrer Existenz bedroht sein. Dieser Wettbewerb kostet Millionen. Geld, das sich die privaten Konzerne offenbar beim Personal holen. Wenn der neue Dual-Source-Computertomograph wichtiger ist als eine ausreichende Zahl an Pflegepersonal und Medizinern für die Patientenversorgung, dann läuft etwas schief in unseren Krankenhäusern.

Heraus kommt ein Gebilde, das mit unserer romantischen Vorstellung vom Krankenhaus als Ort der Pflege und der seelischen Geborgenheit nur noch wenig zu tun hat. Viele unserer Krankenhäuser sind längst zu Maschinenräumen zeitgeistiger Gesundheitsvor- und -nachsorge geworden.

Schreiben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de







Kommentare
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Christina schrieb am 17.11.2017 11:32

Herr oder Frau Kassandro, wenn man nur nach dem Äußerlichen geht, bequeme Sessel und ein Sonnendach gut findet, dann armes Deutschland. Es wäre angebrachter, den Pflegenotstand mal am eigenen Leib zu spüren, anstatt als Spaziergänger so unqualifiziert zu schrieben.

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kassandro schrieb am 07.11.2017 11:31

Ich kannte bislang das Goslarer Klinikum nur vom vorbeigehen auf der Straße. Auf Grund des obigen Blogs habe ich mir das Krankenhaus dann mal etwas näher angeschaut. Die Gebäude sind in sehr unterschiedlichem Zustand, wobei das große Gebäude nahe dem Parkplatz im schlechtesten Zustand ist, aber man sieht auch, dass Asklepios dort massiv investiert und die Gebäude nach und nach von Grund auf erneuert. Momentan geschieht dies beim Herzkatheter-Labor. Kurios ist, dass man die hinteren Gebäude zuerst saniert. Ich bin dann auch mal den Haupteingang hineingegangen und war sehr angenehm überrascht. Das Foyer mit Sonnendach, netter Kantine und bequemen Polstermöbeln macht einen sehr guten Eindruck und auch die Leute. Patienten, Bedienstete und Besucher, machten einen durchaus zufriedenen Eindruck, der im krassen Widerspruch zu obigem Beitrag steht.

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