Freitag, 08.12.2017

Appetit auf Zeitung

Eine Zeitung, die nicht ab und an aufregt, ist eine leblose Bündelung von Papier. Eine Zeitung, die mir gefällt, ist eine Zeitung von und für Menschen. Dazu gehören Schmunzeln und Ärger, Lachen und Weinen, Staunen und Nachdenken, Fragen und guter Rat. Dazu gehört der öffentliche Streit über Missstände oder über unterschiedliche Meinungen. Und dazu gehören Mitarbeiter, die mit beiden Beinen in der Welt stehen und nicht das Hosenflattern bekommen, wenn ihnen der Wind mal scharf entgegen bläst.

Es gibt so viel zu lesen, was des Lesens nicht wert ist. Ich möchte nichts lesen, was den „Wichtigs“ dieser Welt geschmeidig und distanzlos in schleimiger Spur folgt. Ich möchte über Ecken und Kanten lesen, weniger über Rundungen. Und ich möchte nichts lesen, was auf Verdacht geschrieben wurde. Denn ich kenne die „Quellen“, denen ich nicht vertraue. Sie gibt es zahllos im weltweiten Netz, das ebenso kosten- wie bedenkenlos berichtet, was so passiert in der Welt. Oft ist das, was das Netz täglich wiederkäut oder an Unverdaulichem hervor würgt, aus einem Gefühl, aus einem Verdacht heraus geschrieben. Weil man irgendwo irgendwas gelesen hat...

Oder es ist schlicht von anderen abgeschrieben. Copy and Paste heißt diese Arbeitsweise eines fragwürdigen „Journalismus“ und sie kostet Kraft: soviel Kraft, wie man braucht, um eine Maustaste zu drücken. Ich denke, Sie sind mit mir einig, dass diese Art Veröffentlichungen weder unseren Respekt, noch unser Geld verdienen.

Mich stört es seit Jahren, dass die Inhalte, die meine Kolleginnen und Kollegen täglich erarbeiten, mit diesen Kopisten in eine Reihe gestellt werden. Es ist ein qualitativer (und letztlich ein berufsethischer) Unterschied, ob angestellte Redakteure draußen selbst recherchieren, mit den Menschen sprechen, abwägen und beharrlich bleiben. Oder, ob man diesen Sesselpupsern, für die das „wirkliche“ Leben auf einem 21-Zoll-Bildschirm stattfindet, Auge und Ohr schenkt. Nur, weil es nix kostet. Nota bene: Weil es nix wert ist.

Viele Kolleginnen und Kollegen der deutschen Tageszeitungen haben meinen Respekt, denn es sind in unserem Metier immer noch etliche kluge Geister unterwegs, die gerade im Lokaljournalismus eines eint: Sie leben an den Orten, über die sie berichten und wünschen sich, dass das Leben hier morgen ein Stück lebenswerter sein wird als heute.

Wir sind mittlerweile an sieben Tagen der Woche von morgens sechs Uhr bis in die Nacht so organisiert, dass alle wichtigen Ereignisse in der Region von uns gesichtet, eingeordnet und berichtet werden können. Deshalb kostet eine tägliche Zeitung, der laufende Betrieb einer Nachrichten-Homepage und der Live-Ticker, Geld. Denn es steckt viel Arbeit darin.

Für diesen Journalismus ist aber eine Gruppe von Menschen nicht bereit, Geld zu zahlen. Das macht uns Sorgen. Eine solche Haltung gefährdet nicht nur unsere berufliche Existenz, sie stellt auch einen Teil unserer Demokratie infrage. Denn die selbstständigen Medien in Deutschland sind ein verfassungsmäßig gewollter Teil dieser Demokratie und für die öffentliche Meinungsbildung unerlässlich. Es ist gewollt, dass es finanziell und inhaltlich unabhängige Medien gibt.

Das kostet aber. Deshalb brauchen wir auch in Zukunft die Solidarität derer, die diesen Zusammenhang erkennen und bejahen. Mehr Menschen, die auf ungefilterte Informationen Wert legen. Denen wir eine unhinterfragte, von Interessen geleitete Pressemitteilung nicht zumuten wollen.

Ob es nun ein zuweilen schäumender Oberbürgermeister ist, oder ein Landrat, der sich parteipolitischen Linien unterordnet; es steht alles in der Zeitung. Oder die Gleichstellungbeauftragte mit ihrem Wunsch nach einer geschlechterneutralen Sprache. Oder der Etikettenschwindler, der uns wochenlang mit teurem Leckerbier aus einem angeblichen Eichenfass verklapsen wollte. Oder eine Krankenhaus-Geschäftsführung, die auf klare Fragen unklare Antworten gibt; es steht alles in der Zeitung.

Es braucht in diesem freien Land nicht allzu viel Mut, ein guter Journalist zu sein. Es braucht aber den unternehmerischen Mut von Verlegern, gute Journalisten zu beschäftigen. Solange es Leserinnen und Leser gibt, die sie darin unterstützen, wird es in Deutschland gute Zeitungen geben.

Schrieben Sie dem Autor unter andreas.rietschel(at)goslarsche-zeitung.de