Donnerstag, 28.06.2018

Abschied von einem vorbildlichen Journalisten

Goslar. Scharfer Verstand, belesen, den Menschen zugewandt – das zeichnete Andreas Mueller bis ins hohe Alter aus. Am Mittwochabend ist der langjährige Chefredakteur der Goslarschen Zeitung im Alter von 91 Jahren gestorben. Verlag, Redaktion, Betriebsrat, Freunde und Bekannte in Goslar und der Region trauern um einen Menschen, der ein Vorbild war und hochgeschätzt in der Region.

Dabei schöpfte Andreas Mueller aus einer wechselvollen Lebensgeschichte, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Riga begann. In der heutigen Hauptstadt Lettlands kam Andreas Mueller am 22. November 1926 zur Welt. Noch als Kind musste er mit seiner Familie allerdings seine geliebte Geburtsstadt an der Ostsee verlassen: Durch den Hitler-Stalin-Pakt zwischen dem damaligen Deutschen Reich und der Sowjetunion waren die Deutschen im Baltikum gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und mussten nach Westpreußen und Posen umsiedeln.

Odyssee in Kriegszeiten

Zum Kriegsende kam Andreas Mueller dann als 18-jähriger in russische Gefangenschaft, wurde weit weg in den Ural deportiert, landete krank im Lazarett. Ende 1945 gelangte er – noch immer entkräftet – über Magdeburg nach Bad Harzburg, wo seine Mutter inzwischen lebte. Sie schickte ihn schließlich nach Berlin zu einer Tante, die bessere Möglichkeiten hatte, den angeschlagenen jungen Mann gesundheitlich wieder auf die Beine zu kriegen.

Von Berlin zog er zurück in den Harz, begann 1952 ein Volontariat bei der Harzburger Zeitung und kam dort auch schnell mit der Goslarschen Zeitung in Kontakt. Denn die GZ belieferte mit ihrer zentralen Nachrichtenredaktion damals verschiedene Zeitungen der Region mit überregionalen Inhalten. 1954 führte Mueller schließlich in genau dieser Nachrichtenredaktion seine journalistische Karriere fort.

Bundesverdienstkreuz

Als stellvertretender Chef setzte Andreas Mueller schnell nachdrücklich Akzente, 1970 wurde er Chefredakteur und blieb dies bis zu seinem Abschied 1991. Bei Lesern wie Kollegen genoss er hohe Anerkennung. Vor allem mit der deutschen Wiedervereinigung sah Andreas Mueller dabei einen Wunsch erfüllt, an den er im tiefen Inneren stets festgehalten hatte. Unter seiner Ägide wurde der GZ-Verlag alsbald auch im Osten aktiv – mit einer eigenen Zeitungsausgabe in Wernigerode, die durch Wettbewerbsdruck nach knapp fünf Jahren wieder eingestellt werden musste. Für sein journalistisches Engagement beim demokratischen Aufbau Ost verlieh ihm der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder 1991 das Bundesverdienstkreuz. Goslars Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk zeichnete Andreas Mueller 2014 mit der Ehrennadel der Stadt aus. Bis zum letzten Tag verfolgte Andreas Mueller hellwach und interessiert das aktuelle Geschehen, ob in der großen Politik oder in der Region. Besonnen, überzeugend, tiefgründig, liberale Einstellung, so beschreiben ihn ehemalige Kollegen aus der Redaktion, die über all die Jahre den Kontakt zu Mueller hielten. Den Erfahrenen, die mit ihm noch zusammenarbeiteten, ist ein Bonmot in bester Erinnerung: Wenn der frühere Chefredakteur ein Thema ablehnte, dann in sehr diplomatischer Weise: „Das Thema drängt nicht, aber wir sollten es auch nicht auf die lange Bank schieben.“ Verlag und Redaktion nehmen Abschied von einem vorbildlichen Journalisten und Kollegen.