Mittwoch, 11.07.2018

„Die Frau ist top“: Bad Harzburger Reporter-Urgestein bricht Lanze für Claudia Neumann

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Das WM-Lokal der GZ wurde mangels weiterer deutscher Beteiligung bekanntlich geschlossen, doch drei Tage vor dem Endspiel wird die Tür noch mal aufgemacht: Für ein Fazit der besonderen Art von Bad Harzburgs Sportreporter-Urgestein Heinrich Nettelmann, der in diesem Jahr 80 wird.

Legendäre "WM-Teilnahme"

Nettelmann, dessen „WM-Teilnahme“ 1966 in England vor Ort geradezu legendär ist, tritt zu einer Ehrenrettung an. Er bricht eine Lanze für ZDF-Reporterin Claudia Neumann, die während des Turniers in Russland zur Zielscheibe böser sexistischer Attacken im Netz wurde. Persönlich kennt der Bad Harzburger die gebürtige Dürenerin seit dem Jahre 2004, in den Medien verfolgt er sie mit quasi „kollegialem Blick“ seit ihrem Aufstieg als Medien-Fachfrau in der einstigen (?) Männer-Domäne Fußball.

Und sein Urteil fällt eindeutig aus: „Claudia Neumann ist als Fußball-Reporterin nicht schlechter als die meisten Männer. Im Gegenteil, sie macht während einer Partie Pausen und hebt sich damit wohltuend von manchem Dauerquassler ab.“ Bei einem Telefonat in dieser Woche mit Jochen Zwingmann,30 Jahre lang Vize im Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS), waren sich die beiden Männer über Neumanns Rolle einig.

Quaresmas Außenrist

„Was den Sport angeht, ist diese Frau top!“ Geradezu hingerissen war Nettelmann jetzt von dem prophetischen Fachverstand der 54-Jährigen, als sie die Vorrunden-Partie Portugal – Iran kommentierte. Gerade noch hatte sie dem Portugiesen Ricardo Quaresma sein besonderes Talent bei Außenristschüssen nachgesagt und ihm am Mikro einen solchen nahegelegt, da langte der Rechtsaußen auf diese Weise von der Strafraumgrenze aus zu und besorgte das 1:0 des amtierenden Europameisters.

Kennengelernt haben sich Nettelmann und Neumann vor14 Jahren während der Tour de France. Nettelmann, gelernter Industriekaufmann und lange bei Telefunken in Hannover im Innendienst, befand sich nach Beruf und journalistischem Nebenjob in seinem dritten Leben: Nachdem er Anfang der Neunziger ein florierendes Elektronikunterhaltungsgeschäft in der Landeshauptstadt aufgegeben hatte und mit seiner Frau nach Bad Harzburg gezogen war, frönte er dort dem Wandern, genauer: dem Langstreckenwandern.

Dazu gehörte dann im Sommer 2004 auch mal eben die 1900 Kilometer lange Strecke von der Kurstadt in die Partnerstadt Port-Louis. Der Wanderweg kreuzte sich mit der Streckenführung der Tour, am 8. Juli bei der fünften Etappe von Amiens nach Chartres. Nettelmann dachte sich, das könne eine nette Kleinigkeit für das damals berichtende ZDF sein, wandte sich an seinen Sohn Thomas, heute Nachrichtenchef beim SWR, und der vermittelte den Kontakt zur ZDF-Redaktion. Die biss an und entsandte Claudia Neumann, die sich gerade als Sportsfrau einen Namen machte, zusätzlich zum Berichterstatter Michael Pfeffer für ein Feature an die Strecke.

Den ganzen Tag über nahmen sich die beiden Zeit, die Etappenankunft war erst am späten Nachmittag. Nettelmann musste an der Strecke rumturnen wie der rote Teufel Didi Senft, Sprüche machen, über das Verhältnis von Wandern und Radfahren sinnieren, aber „bitte nicht zu viel Werbung für Bad Harzburg machen“.

Was durchaus die Absicht von Nettelmann war, der am Ende mit einem Fünf-Minuten-Bericht in die Live-Sendung rutschte. Anschließend forderte ihn Moderatorin Neumann auf, in den Wohnwagen der TV-Leute zu gehen und seine Frau in Bad Harzburg anzurufen. Nettelmann tat wie ihm geheißen und erinnert sich heute noch wie damals, als seine bessere Hälfte spontan am Hörer sagte: „Mensch Heini, du bist aber echt schmal geworden...“

Freier Mitarbeiter

Schmal und vor allem jung war Nettelmann, als 1965 der Technische Leiter von dpa Hannover als Kunde am Telefunken-Tresen stand. Nettelmann, der früh schnallte, wie man schnell und günstig auf Fußball-Tribünen kommt, fragte mal unverbindlich nach, ob die Nachrichtenagentur nicht noch einen freien Mitarbeiter fürs Wochenende brauche ...

dpa brauchte, Nettelmann diente sich hoch und machte sein journalistisches Gesellenstück, als er am 22. Mai 1965 beim DFB-Pokalendspiel Borussia Dortmund – Alemannia Aachen im Niedersachsenstadion auftragsgemäß Bundespräsident Heinrich Lübke interviewte, der als erstes deutsches Staatsoberhaupt den Pokal überreichte.

Die endgültigen Weihen folgten ein Jahr später, als dpa-Sportchef Heinz Engler aus Hamburg anrief und fragte, ob Nettelmann die Reporter-Legende Claus „Charly“ Mittenzwei zur Fußball-WM nach England begleiten wolle, um ihn mit seinen Englisch-Kenntnissen zu unterstützen. Das Duo landete zur Berichterstattung in der Gruppe D im Nordosten und erlebte den Sensationssieg der Nordkoreaner, der die haushoch favorisierten Italiener aus dem Turnier warf. Eine Parallele zu den Deutschen heute, befindet Nettelmann – mit dem Unterschied, dass die gedemütigten Italiener damals bei ihrer Rückkehr Rom mieden, in Genua landeten und dennoch von erbosten Tifosi mit Eiern und Tomaten beworfen wurden.

Heute findet die Schlacht im Netz statt und trifft auch Journalistinnen wie Claudia Neumann – mit einer Denke wie in den Fünfzigern und Sechzigern. Doch um der ganzen Wahrheit die Ehre zu geben: Auch Heinrich Nettelmann hat da einen Bewusstseinswandel mitgemacht. Das wird deutlich, als er die Anekdote zum Exklusiv-Interview mit FIFA-Präsident Sir Stanley Rous zum Besten gibt, der bei der WM 1966 inkognito über die Insel reiste: „Inkognito? Na klar, habe ich mir damals gedacht, als ich die jungen Mädels sah, die um ihn herum waren. Er war ja schließlich auch nicht mehr der Jüngste...“








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