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Lohn der Quälerei: Eine Etappe Tour de France
Im Morgengrauen noch voller Tatendrang: Michael Hinze vor dem Start in den Pyrenäen. Foto: Privat
Irgendwann auf dem Weg hinauf zum Port de Balès, auf 1755 Metern im französischen Teil der Pyrenäen gelegen, versagten Michael Hinze für einen Moment die Beine. Er stieg von seinem Rennrad ab, setzte sich an den Straßenrand und grübelte. Warum nur diese Quälerei? Leide ich an Selbstüberschätzung? Er wollte aufgeben.
Dann redeten ihm ein paar Mitfahrer gut zu, der heute 38-Jährige setzte sich trotz der Gluthitze wieder in den Sattel und fasste Tritt. Am Ende hatte er es geschafft: 199 Kilometer, fünf Berge, mehr als 4500 Höhenmeter, das alles in etwas mehr als neun Stunden bei einem 21er-Schnitt. Das wunderbare Gefühl des Ankommens.
Wie bei den Profis
Hinze erfüllte sich vor vier Jahren den Traum vieler Hobby-Radsportler. Der Mitarbeiter eines Okeraner Fahrradgeschäfts, das er inzwischen führt, bekam über einen Hersteller einen Startplatz bei der so genannten L’etap de Tour. Alljährlich können mehrere Tausend Amateure eine besondere Etappe der Tour de France absolvieren. Ein paar Tage, bevor das Peloton der Profis kommt, nehmen sie den Tagesabschnitt in Angriff. „Es ist alles vorbereitet. Die Strecke ist abgesperrt, am Rand stehen die Wohnwagen, die Motorräder fahren – das ist wie bei den Profis“, sagt Hinze. „Man wird den Berg fast hochgepeitscht.“
Radsport hat in Hinzes Leben schon immer eine Rolle gespielt. Mit zehn Jahren begann er in seiner Heimatstadt Wernigerode mit dem Sport, war so talentiert, dass er nach Berlin delegiert wurde, wie es im DDR-Sportjargon hieß. Mit 16, 17 Jahren erkannte er aber, dass er es nicht zum ganz Großen bringen würde und hörte auf. Die Wendezeit tat ein Übriges.
Als Kfz-Mechaniker kümmerte er sich zunächst um Vierräder, kehrte aber irgendwann zu den Zweirädern zurück und machte das Hobby zum Beruf. Für ihn ist das Rad das ideale Sportgerät. „Absolut gelenkschonend“, sagt er und die beste Methode, um abzuschalten und für körperlichen Ausgleich zu sorgen.
Der Harz biete zudem vielfältige und ideale Strecken. Allerdings ärgert es ihn, „dass Rennradfahrer in Deutschland nicht als Verkehrsteilnehmer akzeptiert werden. In Frankreich winken und klatschen die Leute, hier wirst du angehupt und bekommst den Vogel gezeigt.“ Mancher könne auch nicht verstehen, warum er bisweilen trotz Radweg die Straße wähle. „Dabei sind da oft solche Löcher drin, dass es zu gefährlich ist.“
Doping kein Thema
Höhnische Bemerkungen über rollende Apotheken habe er sich hingegen nie anhören müssen, obwohl die Dopingdebatte den Radsport in den vergangenen Jahren beherrschte. „In der Branche ist das nicht so ein Thema wie in den Medien“, weiß er aus vielen Gesprächen, „in anderen Ländern wird das auch nicht so verbissen gesehen. Wir werden den Radsport wohl nie ganz sauber bekommen.“ Hinze selbst braucht als Freizeitsportler keine Hilfsmittel. Früher fuhr er 7000 bis 8000 Kilometer im Jahr, zurzeit sind es aus beruflichen Gründen deutlich weniger. An einer L’Etap de Tour würde er gern noch einmal teilnehmen, allerdings nur bei entsprechender Vorbereitung. Am liebsten würde er den Mythos des Radsports schlechthin nachspüren, den 21 Spitzkehren hinauf nach Alpe d’Huez.
Dort oben anzukommen muss ein einmaliges Gefühl sein.
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