Interview mit Professor Dr. Wolfgang Schade, Leiter der Fraunhofer-Abteilung

Bei der Forscherarbeit: Professor Dr. Wolfgang Schade erklärt eine Apparatur, die schwarzes Silizium entwickelt. Das Material wird für Photovoltaik-Anlagen der dritten Generation benötigt.  Foto: Heine

 

Er war quasi ein Clausthaler TU-Pionier auf dem Goslarer Energie-Campus, inzwischen schmückt er die Einrichtung mit seiner Fraunhofer-Gruppe: Professor Dr. Wolfgang Schade spricht mit GZ-Redakteur Frank Heine über Chanchen und Potenziale der Einrichtungen, aber auch über Nachholbedarf etwa bei Campus-Gestaltung und Verkehrsanbindung.

Herr Professor Schade, welches Datum ist Ihnen persönlich im Jahr 2010 wichtiger: der 17. Juni, wenn der designierte Bundespräsident und Niedersachsens Noch-Ministerpräsident Christian Wulff das Energieforschungszentrum Niedersachsen (EFZN) eröffnet, oder der 12. November, wenn Fraunhofer-Chef Professor Dr. Hans-Jörg Bullinger als Ehrengast zum Goslarschen Pancket erwartet wird?

Das ist natürlich eine Frage, die nicht in einem Satz eindeutig beantwortet werden kann. Die Antwort lautet daher: sowohl als auch. Aber nun etwas konkreter: Für die EFZN-Eröffnung ist es natürlich sehr wichtig und bedeutend, dass die Landesregierung und insbesondere der Ministerpräsident einen nachhaltigen Eindruck davon bekommen, was hier auf dem Energie-Campus in Goslar aufgebaut wird und wie sich das EFZN künftig im Bereich Energieforschung positionieren möchte. Auf der anderen Seite ist es wichtig zu zeigen, dass mit dem EFZN in Goslar nicht eine neue singuläre Forschungseinrichtung eröffnet wird, sondern, ganz im Gegenteil, diese eng mit den umliegenden Universitätsstandorten vernetzt ist.

 

Hier kommt der TU Clausthal sicherlich eine besonders große Bedeutung zu, nicht nur wegen ihrer räumlichen Nähe sondern auch dadurch, dass Energieforschung an der TU Clausthal ein Schwerpunktthema ist. Im Bereich der anwendungsorientierten Forschung kommt nun das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut mit ins Spiel, welches seit gut einem Jahr mit seiner Außenstelle auf dem Energie-Campus angesiedelt ist und die Umsetzung der Forschungsergebnisse mit der Wirtschaft anstrebt. Genau in diesem Verbund liegt unsere Stärke und wir freuen uns, sowohl Ministerpräsident Wulff als auch Professor Bullinger dieses Konzept und erste konkrete wissenschaftliche Ergebnisse vorzustellen. Dadurch haben wir die Gelegenheit, sowohl der Landesregierung als auch der Fraunhofer-Gesellschaft zu zeigen, welches Potenzial in dem Energie-Campus in Goslar liegt – auch in Hinblick auf die vermeintliche Provinz.

Als sie im Sommer 2007 von den Clausthaler Höhen ins Goslarer Tal überwechselten, waren sie ein TU-Mann der ersten Stunde am neuen Standort. Wie beurteilen Sie die Entwicklung bis heute?

Ursprünglich war es ja so geplant, dass das EFZN eher eine „Denkfabrik“ werden sollte. Das heißt: im Wesentlichen Büroräume und praktisch keine Labore. Seinerzeit habe ich gemeinsam mit dem EFZN-Vorsitzenden Professor Beck durchgesetzt, dass auch Labore entstehen, dass Menschen vor Ort wirklich real arbeiten und Hardware erzeugen – also nicht nur Computersimulationen erstellen, sondern tatsächlich greifbare Dinge entwickeln, die man hinterher verwerten kann.

 

Um dies zu realisieren, wurde seitens der TU Clausthal ein Signal gesetzt: In dieser ersten Stunde sind mein Kollege Professor Fritze, der eine Heisenberg-Professur bei uns am Institut in Clausthal hat, und ich selbst mit Teilen unserer Arbeitsgruppen nach Goslar umgezogen, nachdem die Stadt das so genannte Haus 3 entsprechend hergerichtet und renoviert hatte. So hatte die TU Clausthal von Anfang an im EFZN-Bereich Grundlagen neuer Energietechnologien einen wesentlichen Kristallisationskeim gesetzt, der sich zwischenzeitlich auch sehr vorzeigbar entwickelt hat.

Die Fraunhofer-Forschung gilt als Scharnier zur Wirtschaft. Welche Ergebnisse Ihrer Arbeit finden sich später auf dem Markt wieder?

Da sind wir wieder genau beim Thema Verknüpfung EFZN, TU Clausthal und Fraunhofer. Technologietransfer ist hier das Stichwort, also der Link zwischen Wirtschaft auf der einen Seite und der Grundlagenforschung auf der anderen Seite. Wir haben hier eine optimale Konstellation: Die Abdeckung universitärer Grundlagenforschung durch das EFZN – hier insbesondere durch den Bereich Grundlagen neuer Energietechnologien, den ich dort koordiniere. Auf der anderen haben wir die Fraunhofer Abteilung als Institution für anwendungsorientierte Forschung in enger Kooperation mit der Wirtschaft.

 

Konkret gesagt, wir wollen die Ergebnisse, die wir im Grundlagenbereich mit Universität und EFZN entwickeln, im Fraunhofer-Institut mit Industriepartnern entsprechend umsetzen und wirtschaftlich verwerten. Deswegen auch an dieser Stelle noch einmal mein Appell an die Wirtschaft: Für den langfristigen Bestand unserer Fraunhofer-Abteilung ist es enorm wichtig, auch gerade aus der Region Unternehmer dazu zu bewegen, Ideen gemeinsam mit uns aufzugreifen und umzusetzen. Das Thema Energie sollte hierzu genügend Potenzial bieten – zumal es von grundsätzlicher gesellschaftlicher Bedeutung ist. Dieser Ansatz spiegelt sich auch im Finanzierungsmodell von Fraunhofer-Instituten wider: Es besteht aus einem Drittel Grundfinanzierung, einem Drittel öffentlicher Forschungsaufträge und einem Drittel Forschungsaufträge durch die Wirtschaft. Das heißt: Auch die Wirtschaft ist gefordert, dieses Angebot entsprechend mit wahrzunehmen.

Da erübrigt sich fast die nächste Frage zur großen Stärke der Fraunhofer-Gesellschaft.

Ja, man könnte vielleicht noch hinzufügen, dass diese angestrebte direkte Verbindung zur Wirtschaft das Alleinstellungsmerkmal von Fraunhofer gegenüber der Max-Planck- oder Helmholtz-Gesellschaft ist. Damit besteht natürlich auch eine besondere Attraktivität für Studenten und Nachwuchswissenschaftler – der frühe Kontakt zur wirtschaftlichen Nähe und somit zu potenziellen späteren Arbeitgebern. Daher ist das universitäre Umfeld extrem wichtig. Ein erfolgreiches Fraunhofer-Institut benötigt das direkte Umfeld einer Universität und möglichst weiterer Forschungseinrichtungen mit den dazugehörigen Studenten und jungen Wissenschaftlern. Die TU Clausthal und das EFZN im Verbund mit den umliegenden niedersächsischen Hochschulen liefern hierzu prinzipiell sehr gute Voraussetzungen.

Wie profitiert die Stadt Goslar von der Entwicklung?

Ich denke, nicht nur für die Stadt Goslar, sondern für die gesamte Region ist es sehr positiv, wenn durch den Energie-Campus und den dort angesiedelten wissenschaftlichen Einrichtungen junge Menschen in unsere Stadt bzw. Region gezogen werden. Auch insbesondere für die TU Clausthal würde dies eine wertvolle Bereicherung sein und zur Steigerung der Attraktivität beitragen. Aber dafür muss noch einiges geschaffen werden: Die Verkehrsanbindungen müssen deutlich verbessert werden, sowohl von Clausthal zum Energie-Campus als auch die Verbindungen nach Hannover und Göttingen. Aber auch der Energie-Campus an sich muss sein Gesicht verändern: von einer Kaserne hin zu einem Campus – und das nicht erst in fünf Jahren. Die Gesamtvoraussetzungen sind sehr gut, aber es muss zielstrebig an diesem Projekt weitergearbeitet werden – nicht ausschließlich als Projekt der Stadt Goslar, sondern zum Vorteil der gesamten Region.

Wir blicken in die Zukunft: Wo stehen Goslar, Fraunhofer und Professor Schade im Jahr 2020?

Wo stehen wir in zehn Jahren? Das EFZN muss in eine Forschungsinstitution mit hoher wissenschaftlicher Reputation, die nicht nur in Niedersachsen, sondern bundesweit und möglichst auch international wahrgenommen wird, entwickelt werden. Gleiches gilt für unsere Fraunhofer-Gruppe, die bis 2014 vom Land Niedersachsen gefördert wird. In dieser Zeit müssen wir eine gewisse Selbstständigkeit erreicht haben, insbesondere müssen wir die Kriterien der Fraunhofer-Finanzierung erfüllen. Ich denke, unsere thematische Ausrichtung liefert hierzu denkbar gute Voraussetzungen, so dass ich davon ausgehe, dass wir unser Wachstum stetig fortsetzen, und ich würde mich sehr freuen, wenn wir von den derzeit 15 Mitarbeitern im Frühjahr 2010 auf etwa 100 Mitarbeiter im Jahr 2020 anwachsen.

Durch Vernetzung mit anderen Fraunhofer-Instituten und durch den Ausbau der Zusammenarbeit mit der Harvard-Universität und dem Fraunhofer-Center in Boston werden wir uns national und international aufstellen. Auf diese Weise werden wir versuchen, junge Nachwuchswissenschaftler auf den Energie-Campus zu ziehen und diesen gemeinsam mit dem EFZN und der TU Clausthal weiter zu beleben. Wenn sämtliche Beteiligten weiter zielstrebig zusammenarbeiten, sehe ich kein Hindernis, dass das Projekt Energie-Campus Goslar eine Erfolgsgeschichte für unsere gesamte Region wird.