Interview mit Professor Dr. Hans-Peter Beck

 

Professor Dr. Hans-Peter Beck, Mitbegründer und seit 2008 Leiter des Energieforschungszentrums Niedersachsen  Foto: EFZN


Der Energie-Chef mit der Blaupause im Kopf

Für den Mann mit den vielen Ideen ist morgen ein großer Tag: Der Clausthaler TU-Professor Dr. Hans-Peter Beck gilt nicht nur als Spiritus Rector der Einrichtung, er leitet das EFZN auch seit dem Jahr 2008. Mit GZ-Redakteur Frank Heine sprach er über Entwicklungspotenziale, über wünschenswerte Nachbarn und über Goslarer Gerüchte.

Herr Professor Beck, wie energiegeladen muss der Chef eines Energieforschungszentrums jeden Tag zur Arbeit kommen?

Der Leiter eines Energieforschungszentrums, das im Aufbau befindlich ist, muss zunächst einmal genau wissen, was er will. Er muss sozusagen die Blaupause für die Entwicklung dieses Energieforschungszentrums jeden Morgen, jeden Abend und auch nachts, wenn er aufwacht, vor Augen haben und immer darüber nachdenken, ob der Plan noch stimmt oder ob er korrigiert werden muss. Wenn der Plan korrigiert werden muss, sollte er dies baldmöglichst und mit Energie im Einvernehmen mit den Entscheidungsgremien tun. Am anderen Morgen, wenn die Mitarbeiter kommen und fragen, auch schon einmal in diesem Sinne die Entscheidungen treffen.

2006 hat die Goslarer EFZN-Geschichte begonnen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung seitdem?

Stimmt, 2006 gab es den Gründungsbeschluss seitens der Landesregierung. Seitdem hat sich dank der Unterstützung, die wir von vielen Seiten – insbesondere von der TU Clausthal, aber auch von den anderen Universitäten und der Stadt Goslar mit Rat und Oberbürgermeister – bekommen haben, eine sehr dynamische Entwicklung vollzogen. Möglich war dies auch, weil wir quasi durch einen Vorgriff auf das EFZN die ehemalige Bergdorfkaserne relativ kurz nach Gründung bezogen haben. So konnten wir die notwendigen Forscher an einem Ort zusammenziehen, um Aufbauarbeit zu leisten. Insbesondere mit der Fraunhofer-Gruppe und ihrem Leiter Professor Dr. Wolfgang Schade, der im Grundlagenbereich Enormes geschafft hat, konnten wir einen überaus gelungenen Start hinlegen. Ich glaube, auch die Landesregierung sieht, dass die Aufbauarbeit in vollem Gange ist und wir jetzt zur Einweihung auch etwas vorzeigen können.

Die Politik ist die eine Seite, die Wissenschaft die andere: Welche Wahrnehmung genießt das EFZN dort – regional, national, international?

Eine schwierige Frage. Wir hier in der TU Clausthal und in der Region haben zumindest bei den Forschern, den Fachleuten und den Betroffenen die Wahrnehmung, dass der Ansatz zielführend ist: nämlich über die Fächergrenzen hinweg entlang der Wertschöpfungskette der Energie zu forschen. Es gibt natürlich wie immer bei neuen Ansätzen Zweifler und Bremser. Es gibt aber auch Verbündete. Mein Gefühl sagt mir, dass sich die Befürworter und die Zweifler im Augenblick zwar noch die Waage halten, das Thema Energie aber eine Dynamik entwickelt, die uns hilft, die Zweifler so weit zu informieren, dass ihnen nach und nach einleuchten wird, dass ein solcher Ansatz – vielleicht mit Modifikationen – durchaus notwendig ist, um einen Beitrag zur Lösung des weltweiten Energieproblems zu bringen.

Welche Entwicklung halten Sie für das EFZN noch für möglich?

Da deutschlandweit entsprechende Gutachten seitens der Akademien der Wissenschaften und der Helmholtz-Gesellschaften vorliegen, dass eine integrierte Energieforschung Not tut und entwickelt werden muss, entspricht dies genau unserem Ansatz. Deshalb sind wir guter Hoffnung, dass sich dieser Keim, den wir in Goslar vor einigen Jahren gelegt haben, zu einer Pflanze heranwachsen wird. Ich hoffe und wünsche mir, dass sich viele Nachahmer finden werden. Denn ich persönlich bin davon überzeugt, dass ein solcher Ansatz neben den notwendigen disziplinären Forschungen, die wir selbstverständlich nach wie vor brauchen, notwendig ist. Nur so ist das Energieproblem nachhaltig zu lösen und die Lösungen auch in der Gesellschaft zu verankern.

Goslar ist ja manchmal ein Dorf. Und in jedem Dorf gibt es Gerüchte. Ich sage einfach mal zwei Begriffe: Außenstelle Oldenburg, ein neues Zentrum für einen norddeutschen Verbund in Hannover – ist da Konkurrenz für Goslar zu befürchten?

Die Konkurrenz ist natürlich da, und an jedem Gerücht ist etwas dran. Aber es bleibt trotzdem noch ein Gerücht. Man kann vielleicht so viel sagen: In Niedersachen gibt es Überlegungen, den Ansatz des EFZN zu verbreitern. In der Regierungserklärung des Ministerpräsidenten kann man ja nachlesen, dass auch die Landesregierung bestrebt ist, die Energieforschung in Niedersachsen auszubauen. Was das dann schlussendlich für Goslar bedeutet, weiß ich nicht. Wir sind auf jedem Fall bei dem Gesamtprozess dabei und werden auch unsere Ideen einbringen.

Zurück nach Goslar an den Rammelsberg. Fraunhofer ist schon da. Welche Nachbarn wünschen Sie sich noch?

Wir wünschen uns eine stetig wachsende Forscher-Umgebung, aber natürlich auch weitere hochqualifizierte und motivierte Studenten. Ansonsten freuen wir uns über jede Technologieansiedlung, jedes Start-Up und jedes Unternehmen, das die Energieforschung benötigt und unsere Arbeiten unterstützt. Um es auf den Punkt zu bringen: Es werden junge Leute gebraucht, die sich um die Thematik kümmern. Es werden kleine und große Wirtschaftsbetriebe gebraucht. Und wenn es noch eine weitere Bundesforschungseinrichtung geben wird – zum Beispiel eine Fraunhofer-Gesellschaft, die weiter wächst –, dann freuen wir uns natürlich, weil wir mit ihr viele Anknüpfungspunkte finden, die dem Gesamtergebnis sehr zuträglich sind.

Noch einmal das Stichwort Nachbarn in Verbindung mit Zielen: Wenn Sie morgen die Wahl hätten, nach München zu Siemens zu fahren oder nach Iserlohn zur Fachhochschule BiTS – welches Ticket würden Sie lösen?

Ich würde wahrscheinlich nicht nach München fahren, ich würde auch nicht nach Iserlohn fahren. Wenn ich fahren würde, dann in die USA, um dort gute Ideen aufzunehmen. Ich würde versuchen, Brücken nach Europa bis hier nach Goslar zu schlagen und mit diesen guten Ideen für unsere Region und das Land Niedersachsen einen Mehrwert zu erzeugen.

Dann kommen Münchener und Iserlohner ganz von alleine?

Das ist genau der Punkt. Meine Lebenserfahrung sagt mir, man muss erst mal selbst etwas auf die Beine stellen, das eine gewisse Sichtbarkeit und Attraktivität hat. Dann kommen diejenigen, die man sich wünscht, von selbst.