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Rosemarie Trockel und ihr Schaffen

BU: Das Strickwerk (1987, 90 x 90 cm) mit ständiger Wiederholung des Motivs entstand mit der Maschine. Wie so viele Trockel-Arbeiten trägt es keinen Titel. Fotos: Rosemarie Trockel, Monika Sprüht, Mönchehaus /Repro: Schenk
Zu Rosemarie Trockel gibt es allerhand zu sagen. So viel, dass eine „Mind Map“, eine überblicksartige Ideenskizze, überbordet und unübersichtlich wird ob der Querbezüge, Striche und Linien. Versehentlich lassen ein paar Tropfen Wasser in einer Ecke das Geschriebene verlaufen – der Künstlerin würde das wohl gefallen. Schließlich bringt sie absichtlich Unschärfen in ihre Bilder – wie in die Abbildung des Hundes. Warum? Weil Wahrnehmung eines ihrer zentralen Themen ist – und der Blick, wenn er in der Realität auch auf „scharfe“ Umrisse fällt, nie die ganze Wahrheit sieht.
Rosemarie Trockel wird mit dem Kaiserring der Stadt Goslar geehrt. Damit würdigt die Jury ihre Experimentierfreude und die Vielseitigkeit ihres künstlerischen Werks, das „von hoher Intelligenz, Sinnlichkeit und der Freude am Denken“ geprägt sei. Nur, wer diese Freude teilt, wird auch Freude an ihren Arbeiten haben. Nicht das Herz des Betrachters habe sie im Visier, sonder das Hirn, schrieb die Kunstzeitschrift „art“.
Dass ihr auch das politische Frauenmagazin „Emma“ ausführlich huldigte, wundert wenig, wenn man an die Anfänge ihres Schaffens denkt. „Trockel? Das ist doch die mit den Strickbildern“, heißt es noch heute. Ein gedanklicher Automatismus, den Trockel wohl seit längerer Zeit – vergeblich – zu stoppen versucht; der Blick auf den künstlerischen Werdegang der Wahlkölnerin schließt Wolle und Herdplatten stets mit ein, auch wenn diese Arbeiten in der aktuellen Ausstellung in Goslar nicht mehr zu sehen sein werden.
Die „Strickbilder“ aus den 80er Jahren waren nie das, wonach sie klangen. Da versuchte keine Hausfrau, schöne Strümpfe zu stricken (was an sich wunderbar ist) und sie als „Kunst“ zu verkaufen.
Da wählte eine Künstlerin bewusst ein Material, das mit einem weiblich-minderwertigen Rollenklischee behaftet war und setzte sich mit Augenzwinkern über das peinliche Moment hinweg, um den Themenkomplex Geschlechterrollen und Platz der Künstlerin in einer männlich dominierten Kunstwelt ironisch zu beleuchten, ins Blickfeld des Betrachters zu rücken. Trockel selbst hat – jedenfalls für ihre Kunstwerke – nie eine Stricknadel angefasst. Sie ließ die Strickbilder in der Regel mithilfe von Computern industriell herstellen – mit Lust an der Beobachtung, ob damit das eher belächelte Material der Wolle und die handwerkliche Tätigkeit des Strickens eine Aufwertung erfahren würden – was wohl nicht der Fall war.
Sie provozierte eine Auseinandersetzung mit dem, was Kunst ist, indem sie Strickbilder auf Rahmen aufzog. Und indem sie Embleme und Marken wie Wollsiegel und Playboyhäschen zu einem Muster mit ständigen Wiederholungen und Kopien (Andy Warhol und Andreas Gursky lassen grüßen) verarbeitete, verwies sie auf den Werteverfall seriell eingesetzter Gütesiegel und auf die Entindividualisierung einer Gesellschaft, für die Marken den Stellenwert moderner Götzen einnehmen. Trockel, die den Begriff der „Frauenkunst“ hasse (natürlich habe sie eine weibliche Sicht auf die Dinge, welche auch sonst?), habe dennoch „maßgeblich die Entwicklung des feministischen Kunstdiskurses“ beeinflusst, bescheinigte ihr die „Emma“. Ähnliche Themenkreise eröffneten die Herdplattenbilder und -objekte, in denen Trockel die bezwingende kreisrunde Form in Art von Dominosteinen verarbeitete; in einem Video ließ sie gleich eine ganze Küchenzeile in die Luft fliegen.
Die intensive Beschäftigung mit dem trendsetzenden Phänomen der Brigitte Bardot eröffnete Fragen nach Idol, Identität, Individualität und ihrer Auflösung, letzteres ist selbst wieder ein wichtige Stichwort im Trockelschen Werkekanon. Auflösung, nicht nur das Entstehen von Unschärfen, auch von Löchern, Freiräumen (für die Kunst) hat sie immer wieder beschäftigt. In einem Video (à la Motte, 1993) zeigt sie eine Motte, die ein Loch in ein Strickstück frisst. Im Rückwärtslauf wird es wieder grstopft – doch mit dem Wissen um diese Vergangenheit sieht das Auge den Stoff nun anders.
Die tierliebe Trockel lässt nicht nur Motten in ihren zahlreichen Tierfilmen und Installationen agieren, sondern auch Mücken, Silberfischchen, Hühner und mehr. Das (Herrschafts-)Verhältnis zwischen Mensch und Tier beschäftigt sie nachhaltig.
Das führte 1997 in Zusammenarbeit mit dem Biologen und Künstler Carsten Höller zu der Ausstellung „Ein Haus für Schweine und Menschen“ auf der documenta X; die Ausstellungsbesucher konnten die artgerecht untergebrachten Schweine durch eine Glasscheibe betrachten, die von der anderen Seite ein Spiegel war. Ein dazu vom Künstlerpaar selbst verfasster Text ließ keinen Zweifel am Zweifel des (un-)menschlichen Herrschaftsanspruchs.
In Trockels kontinuierlich entstehenden Zeichnungen sind alle wichtigen Themenkomplexe angerissen. Das Mönchehaus Museum für moderne Kunst widmet diesen Werken der Kaiserringträgerin zusammen mit ihren seit 2004 entstehenden Collagen die ganze Aufmerksamkeit. Die Collagen ermöglichen Trockel das Zusammenfügen von Elementen (und Gedanken) aus unterschiedlichen Schaffensperioden.
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