Die Laudatio von Kaiserringjuror Dr. Friedemann Malsch

Die Laudatio von Kaiserringjuror Dr. Friedemann Malsch

Ahnen, nicht wissen!

Der einflussreiche und hochgebildete Kölner Sammler Reiner Speck notierte 1983 im Anschluss an einen Atelierbesuch bei Rosemarie Trockel mit Verblüffung und voller Respekt: „Auch der Chronist klingelte aufrechten Ganges an der Ateliertür von Rosemarie Trockel - auf allen Vieren verliess er sie.“ Wie konnte es geschehen, dass dieser versierteKenner der Geschichte der Kunst und der Ideen - neben seinem Engagement für die zeitgenössische Kunst ist er ein bedeutender Sammler der Schriften von Petrarca und Marcel Proust - angesichts der Werke dieser noch jungen Künstlerin vom kultivierten Homo Sapiens zum Tier mutierte. Es musste ein starker Eindruck gewesen sein, den Trockel bei einem Connoisseurhinterlassen hatte, der zudem in seinem Zivilberuf Arzt und deshalb mit den meisten existenziellen Fragen des menschlichen Lebens auf vielen Ebenen vertraut ist, den so schnell also nichts aus der Bahn werfen dürfte. Der Notiz von Speck ist nicht zu entnehmen, ob es die Gespräche mit der Künstlerin waren oder vielmehr ihre Werke, die diese tiefe Wirkung bei ihm hervorgerufen hatten. Vermutlich, das legt seine Wortwahl nahe, war es die Begegnung mit beidem, sowohl mit der Gedankenwelt Trockels als auch mit ihren Formfindungen.

Das Werk von Rosemarie Trockel ist in der Tat so vielgestaltig, dass es sich allen Versuchen entzieht, es nach den herkömmlichen Kriterien zu charakterisieren. Dies gilt bereits für die allgemeinsten formalen Kategorien: Ist Trockel Malerin, Zeichnerin, Bildhauerin, Konzeptkünstlerin? Man könnte all dies bejahen - und dann doch wieder nicht. Rosemarie Trockel studierte in den Siebziger Jahren Malerei an der Fachhochschule Köln, in ihrem Werk sind jedoch malerische Verfahren erst in den letzten Jahren in nennenswertem Umfang zur Anwendung gekommen. Ihr zeichnerisches Werk ist dagegen ausgesprochen reich an Umfang und Varianten, wie kürzlich die Ausstellungen in den Kunstmuseen in Basel und Bonn wieder einmal belegt haben, und es zieht sich durch die gesamte Zeit ihres künstlerischen Schaffens. Ihre erste Einzelausstellung, 1983 in den Galerien Philomene Magers in Bonn und Monika Sprüth in Köln, bestückte die Künstlerin aber mit Skulpturen, die auch seither mit wechselnder Intensität entstehen. Zudem erweitern Installationen, konzeptuelle und handwerkliche Objekte, Druckgrafiken, Editionen, Videos, Filme, Fotoarbeiten das Spektrum, und nicht vergessen werden dürfen die immer wieder realisierten Gemeinschaftsarbeiten mit Künstlerinnen und Künstlern, auch mit Schriftstellern.

Also doch eine Konzeptkünstlerin? Doch was bedeutet das, was ist damit gesagt? Betrachtet man nämlich die Prozesse, die zur Entstehung der Werke führen, und die Techniken ihrer Ausführung, so wird das Etikett des Konzeptuellen schnell wieder brüchig. Expressiv anmutende Werke stehen neben solchen, die nach Anweisungen durch spezialisierte Handwerker ausgeführt werden. Surreale, aber auch rationale Strukturen kennzeichnen ihre Werke ebenso wie ein sehr freier Umgang mit Materialien und Bildträgern. Immer neue Werkgruppen entstehen, die ein neues Kapitel aufzuschlagen scheinen. Andere Werkgruppen laufen parallel nebeneinander her oder werden nach einer Pause wieder aufgegriffen.

Seit Reiner Specks Atelierbesuch hat Rosemarie Trokel eine glänzende internationale, weltweite Karriere gemacht. Weltberühmt wurde sie mit der Werkgruppe der Strickbilder. Nach ihren Entwürfen liess sie Wollstoffe auf Maschinen stricken, die sie anschliessend auf Keilrahmen aufziehen liess und wie Gemälde an der Wand präsentierte. Die Dekors dieser Stoffe griffen häufig in einer Art Aneignungsstrategie auf weithin bekannte Signets zurück, die als regelmässige Muster die Bildfläche füllen: Das „Wollsiegel“-Zeichen, der „Playboy“-Hase, die Swastika oder Hammer und Sichel. Andere Strickbilder reproduzieren dekorative Muster, die aus der Welt der Haushaltstextilien bekannt sind, etwa von Handtüchern oder Duschvorhängen, oder aus der Bekleidungsindustrie. Daneben entstanden aber auch Strickbilder mit speziell entwickelten Motiven, etwa mit Wörtern oder ganzen Sätzen. Es entstand auch eine ganze Serie mit Motiven aus den berühmten psychologischen „Rorschach“-Tests. Schliesslich finden sich monochrome Strickbilder, die teilweise auch mit vorgefundenen Strickwaren arbeiten und mit den optischen und haptischen Wirkungen der verschiedenen Wollwaren und ihrer Verarbeitung spielen. Die Stricktechnik verwendete Trockel darüber hinaus für eine ganze Reihe weiterer Arbeiten mit objekthaftem Charakter wie etwa Pullover für zwei Personen, Mobiles oder endlos lange Strümpfe. In den letzten Jahren wurde diese Werkgruppe durch eine weitere Facette erweitert: Riesige monochrome Formate in kräftigen Farben liess die Künstlerin von Hand stricken, die sie dann mit Bildrahmen aus Holz fasste.

Eine zweite Werkgruppe, die insbesondere in den Neunziger Jahren entstand, festigte Trockels Erfolg und baute ihre Bekanntheit weiter aus. Diese Gruppe besteht aus zahllosen Variationen von Wandarbeiten und Skulpturen, in denen herkömmliche Herdplatten Verwendung finden. Diese Arbeiten wirken wie minimalistische Objekte, abstrakte Konfigurationen, die in einem Bereich zwischen Körper und Fläche verharren.

Über die Strickbilder und Herdplatten-Arbeiten hat sich die Vorstellung von Rosemarie Trockel als einer Künstlerin verfestigt, die sich kritisch mit Frauenfragen befasst, die Rollenbilder von Frauen in der Gesellschaft hinterfragt und engagiert an ihrer Dekonstruktion arbeitet. In der Tat ist das Interesse Trockels an derartigen Fragestellungen gross und ist unter anderem auch in ihrem zeichnerischen Werk immer präsent. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an verschiedene Werke, die sich mit Brigitte Bardot und ihrer Rolle als Idol für viele heranwachsende Mädchen der Sechziger Jahre auseinandersetzen. Doch wird die Festlegung auf diesen Aspekt ihrer künstlerischen Substanz und der Breite ihres inhaltlichen Themenspektrums bei weitem nicht gerecht. Und es war sicherlich auch nicht dieser Aspekt im Oeuvre der Künstlerin, der bei dem weltläufigen Reiner Speck den erwähnten tiefen Eindruck hinterlassen hat.

1952 in Schwerte geboren, wuchs Rosemarie Trockel mit ihren zwei Schwestern in kleinbürgerlichem Milieu auf. Begegnungen mit der bildenden Kunst fanden nur vermittelt statt.In der elterlichen Wohnung hingen Kalenderblätter mit Reproduktionen von Werken der grossen Namen der Kunstgeschichte. Vor fünf Jahren veröffentlichte Rosemarie Trockel gemeinsam mit dem Schriftsteller und Philosophen Marcus Steinweg ein kleines Büchlein, in dem sie eine Auswahl von Postkarten aus der Sammlung ihrer Mutter publizierte . Neben Souvenirs verschiedener Art finden sich darunter auch Reproduktionen von Werken der grossen Meister seit der Renaissance, Leonardo da Vinci, Piero della Francesca, Dürer, Holbein, Rubens, Rembrandt, aber auch Anselm Feuerbach und Gabriel von Max. Die Auswahl zeugt von einem typischen deutschen Bildungskanon ohne gezielte Interessen. Ein Hang zum Pathos, zur Sentimentalität durchzieht die Auswahl. Der erste Besuch einer Kunstausstellung fand dann während eines zweimonatigen Schulaustausches in London statt und wurde zu einem einschneidenden Erlebnis: Pablo Picasso in einer grossen Übersichtsausstellung in der Tate Gallery. Hier reifte der Entschluss, Kunst zu studieren. Doch ihr Interesse an der Kunst war bereits breiter gelagert. In einem der wenigen Interviews, die die so öffentlichkeitsscheue Künstlerin gegeben hat, sagte sie rückblickend: „Ich habe mich immer auch mit Theorien der Anthropologie, der Soziologie, der Wissenschaftstheorie auseinandergesetzt, mich hat die Geschichte dieser Theorien interessiert, zu beobachten, dass im Laufe von kaum mehr als einem Jahrhundert jede Theorie überholt ist: Das Einzige, was ich tun kann, denk ich mir, ist, dass ich meine Vorstellung von Welt oder Kunst - das ist identisch für mich - mit was immer für kuriosen Dingen versuche zu erarbeiten.“

Identität von Welt und Kunst - hier liegt der Schlüssel zum Werk von Rosemarie Trockel. Und ein Grundton des Skeptizismus, so scheint es. Dem abersteht ein Weiteres entgegen: das persönliche Involviertsein.In dem erwähnten Interview drückt sie es mit folgenden Worten aus: „Es macht einen grossen Unterschied, ob man etwas ohne Liebe oder mit Liebe betrachtet, ich entscheide mich für das letztere.“

Rosemarie Trockels Kunst bewegt sich stets auf mindestens zwei Ebenen: Auf einer Ebene erklärt sie sich von selbst, entsteht sie aus dem Leben und seiner Erfahrung. Viele Motive ihrer Zeichnungen, die Thematik zahlreicher Werkgruppen quer durch die Gattungen sind Ergebnisse unmittelbarer Verarbeitung von Erfahrenem, Resultate der Auseinandersetzung mit Erlebtem. Und auch für die Betrachterinnen und Betrachter ist dieser unmittelbare Zugang zu den Werken möglich, auf der Basis von vergleichbar Erlebtem, ausgehend von der individuellen Kenntnis der Gegenwart. Pathos jedoch findet sich in ihren Werken nicht. Trockel ist im Gegenteil stets auf Abstand bedacht, auch dann, wenn es um existenzielle Dimensionen geht.

Auf einer zweiten Ebene kann ihre Kunst aus einem vertieften kulturellen Wissen heraus gelesen werden, inklusive zahlreicher Verweise und Querbezüge zur Kunst und ihrer Geschichte. Diese Ebene mag man zunächst als die eigentliche der Kunst zugehörige Ebene ansehen. Auf ihr lassen sich auch die ergiebigsten Auslegungen von Einzelwerken, ganzen Werkgruppen oder thematischen Strängen erstellen, wie dies bereits durch unzählige Autorinnen und Autoren geschehen ist. Rosemarie Trockels anthropologisches Verfahren erstreckt sich dabei auf viele Bereiche.

Unmittelbar ins Auge fallen in dieser Perspektive natürlich die zahllosen Zeichnungen, aber auch viele Objekte und Installationen, in denen es um Tiere und Primaten geht. Besonders das zeichnerische Werk der frühen Achtziger Jahre ist von Arbeiten durchzogen, die sich mit Affen und/oder der Entwicklung des Menschen beschäftigen. Später treten andere Tiere in den Vordergrund: Insekten wie Motten (die natürlich in Zusammenhang mit den Strickarbeiten stehen), oder Schweine als auf physiologischer Ebene dem Menschen nahestehende Tiere. Das „Haus für Schweine und Menschen“, das Trockel zusammen mit Carsten Höller für die documenta 10 in Kassel 1997 realisierte, ist in diesem Zusammenhang eine besonders signfikantes Werk. Und natürlich Hunde: Mit ihnen lebt die Künstlerin, sie begleiten sie tagtäglich, und so sind sie auch ergiebige Studienobjekte für Zeichnungen, Videos, Fotoarbeiten.

Andere grosse Themenkomplexe betreffen das Innen und Aussen. Augenfällig sind hier die verschiedenen „Häuser“, die Trockel entworfen und teilweise auch realisiert hat. Vom „Haus für Schweine und Menschen“ war schon die Rede. Daneben entstanden Häuser für Motten, Hühner und anderes Getier wie Fledermäuse, Läuse oder Silberfische. Das Innen-Aussen-Verhältnis ist für die Künstlerin aber auch in Bezug auf den menschlichen Körper ständig präsent. Ungezählt sind die Zeichnungen, in denen sie Analogien zwischen dem Körper und hohlen Gefässen herstellt, meist Amphoren oder Vasen.

Doch ist die Anthropologie, wie sie Rosemarie Trockel betreibt, nicht empirisch angelegt. Stets hält sie auch hier auf Abstand, stellt Distanz her, eine Distanz, die eindeutige Aussagen, verwertbare Statements vermeidet. Nicht selten verwendet sie hierfür als Stilmittel die Ironie. Diese kann sympathisierend sein, aber auch bissig. Gregory Williams sprach in einem Text über Rosemarie Trockel auch von „Gelächter und Boshaftigkeit“. Zwei Beispiele seien angeführt: Eine frühe Edition, bestehend aus einer Kartonschachtel. Auf dem Deckel ist mit weisser Farbe eine verschieden gekrümmte Linie aufgebracht, die keine geschlossene Form ergibt. An den beiden Enden der Linie ist eine kleine Gliederkette fixiert, die lose auf dem Deckel liegt und die Möglichkeit bietet, diese so zu arrangieren, dass sich eine definierte Form ergibt. Der Seitenrand der Schachtel trägt den Titel: „Die Seele ist ein dummer Hund“ (1989). Das andere Beispiel steht in der Ausstellung im Mönchehaus-Museum hier in Goslar: Ein Sessel mit erhöhten Seitenlehnen ist mit mehreren Schichten Filz bezogen, der nach unten in Zotteln ausläuft. Die Arbeit trägt den Titel „Atheismus“ (2007). Der Humor dieser Arbeiten bezieht sich auf das Auseinanderfallen von Titel und Gestalt. Während die Textebene Behauptungen aufstellt, ist dem visuellen Komplex eine Veränderbarkeit eingeschrieben, die das Definitorische der Titel unterläuft.

Diese Arbeiten, und viele andere mehr, befinden sich in einem Schwebezustand zwischen Formgebung und Formlosigkeit, der jeden Versuch von Festlegungen immer wieder unterläuft. Ein weiteres Beispiel aus der Ausstellung hier in Goslar belegt dies eindrücklich: Aus dem vergangenen Jahr datiert eine höchst malerische Arbeit, die andeutungsweise einen menschlichen Torso in der Bildmitte zeigt.Von links wird er von einer rosa Konstellation, eine Sandrose oder eine Rosenblüte, bedrängt und teilweise durchdrungen. Über der rosa Konstellation klebt zudem ein Foto, das die Fundamente eines neu entstehenden Wohnhauses in einer gesichtslosen Vorortsiedlung zeigt. Der Titel des Werkes lautet: „Alles ist beinahe falsch“. Man kann diesem Titel angesichts des Werkes vorbehaltlos zustimmen, ohne jedoch belegen zu können, warum dies so ist. Das Werk selbst ist von einer schlagenden Plausibilität, die jedoch kaum in Worte zu fassen ist. Fast scheint sie vor-sprachlich zu sein.

Damit praktiziert Rosemarie Trockel ein Verfahren, das genuin künstlerisch ist. Man kann es mit den Worten von Marcus Steinweg beschreiben, mit dem gemeinsam sie vor drei Jahren ein Buch über die französische Autorin Marguerite Duras veröffentlichte. Steinweg charakterisiert den Umgang von Duras mit Sprache auf eine Weise, die auch für den Umgang von Rosemarie Trockel mit bildender Kunst gilt. Er schreibt: „Sprache, die sich auf ihr Gesagtes durch schnelle Griffe zubewegt, nicht um nach dem Greifbaren zu greifen, sondern um an der Grenze des Begreifbaren die Grenze der Wissbarkeit aufzusuchen.“ Und wenig später präzisiert er: „Literatur zielt auf Verständlichkeit, Schreiben auf Klarheit. Literatur hält sich im Sag-, Beschreib- und Besitzbaren. Schreiben heisst, die Dimension des Unbeschreibbaren, die die Dimension des Unbesitzbaren ist, aufzusuchen, um die Grenzen der Sprache zu berühren… Klar sein bedeutet, der Öffnung auf das Unbekannte mit Sprache zu antworten, und Sprache ist nicht primär Kommunikation. Das Unbekannte kann als Schrei oder als Schweigen in die Sprache ragen.“

Es ist dieses Unbekannte, dem sich Rosemarie Trockel immer wieder stellt, und dem sie sich in ihren Werken immer wieder annähert. Damit verschmilzt sie tatsächlich die Welt und die Kunst, und das macht sie zu einer herausragenden Künstlerin unserer Zeit. Und es war ohne Zweifel diese Erkenntnis, die Reiner Speck anlässlich seines Besuches in ihrem Atelier so tief beeindruckt hat. Rosemarie Trockel ist ein Schwergewicht der internationalen Kunstentwicklung der vergangenen dreissig Jahre. Ihre Bedeutung für die Kunst und ihr Einfluss auf die jüngeren Künstlergenerationen sind enorm, und dies wird zu Recht immer wieder hervorgehoben. Ihr Mut, den sie immer wieder durch neue Werkgruppen und Experimente unter Beweis stellt, ist zu bewundern. Die Verleihung des Kaiserrings der Stadt Goslar 2011 an die Künstlerin ist deswegen folgerichtig. Rosemarie Trockel hat den Kaiserring verdient.