Die Wasserläufe: Tiefe Einblicke in die Oberharzer Unterwelt

Von Andre Bertram

Mannhoch „aufgefahren“, also aus dem Fels gearbeitet, ist der jüngste Wasserlauf des Weltkulturerbes. In den Jahren 1947 bis 1949 gebaut, führt der „Bärenbrucher Wasserlauf“ in 940 Metern Länge unter Tage vom Bärenbrucher Teich zum südlichen Ende des Pixhaier Teiches“. Foto: Bertram

 

Ein spannender Teil des Oberharzer Wasserregals liegt unter Tage verborgen: Es handelt sich um Wasserläufe und Radstuben.
Diese Komponenten der Wasserwirtschaft dienten neben Gräben und Teichen dazu, die Energie des Wassers für den Oberharzer Bergbau zu nutzen. Im Samson-Schacht in St. Andreasberg wird noch heute mit Wasserkraft Strom erzeugt. Auf historischem Weg gelangt der Energieträger aus dem Oderteich über den Rehberger Graben und den 722 Meter langen Geseher Wasserlauf zum Kraftwerk „Grüner Hirsch“.

Als „Wasserlauf“ wird die Fortführung eines Grabens im Berg bezeichnet. Diese Stollen sind einerseits Abkürzungen, andererseits brauchten sie im Winter nicht eisfrei gehalten werden. Die ältesten Wasserläufe im Oberharz entstanden im 17. Jahrhundert: Mit Schlägel und Eisen wurden der 1673 eingeweihte Johann-Friedricher Wasserlauf und der ebenfalls vor 1680 entstandene Winterwieser Wasserlauf aufgefahren.
In hartem Gestein schaffte eine Belegung – drei Mann – pro Schicht einen Zentimeter Vortrieb, eines etwa 1,40Meter hohen und 0,70 Meter breiten Stollen-Querschnitts. In weichem Gebirge kamen die Bergleute in gleicher Zeit bis zu zehn Zentimeter voran. Mehrere Ansatzpunkte, sogenannte „Lichtlöcher“, alle 50 bis 70 Meter abgeteuft, ermöglichten beim Bau eines Stollens den Gegenortbetrieb, von mehreren Stellen ausgehend. So konnte die Bauzeit eines Wasserlaufs, die bis 15Jahre betrug, deutlich verkürzt werden.

„Der Johann-Friedricher Wasserlauf ist teilweise nur 60 bis 80 Zentimeter breit, dafür aus Gründen der Wetterführung manchmal drei bis vier Meter hoch“, nennt Jürgen Alich, Berg-Ingenieur bei den Harzwasserwerken, eine Besonderheit. Die frühen, mit Schlägel und Eisen durch den Berg getriebenen Wasserläufe seien in der Regel sehr schmal und flach. Streckenweise betrage die Höhe nur einen bis 1,40 Meter, wie im vorderen Bereich der Dorotheer Rösche, nahe des mittleren Pfauenteichs in Clausthal. Erst die Einführung von Bohr- und Sprengarbeit habe die „mannhohe Auffahrung“ ermöglicht, charakteristisch etwa beim Dammgrabensystem.

Der Jägersbleeker Wasserlauf ist mit 132 Metern Länge der kürzeste, der 1220 Meter lange Schulte-Stollen von Silbernaal nach Bad Grund der längste Wasserlauf des Weltkulturerbes. Von ursprünglich insgesamt 30 Kilometern an Wasserläufen sind heute noch circa 19 Kilometer zu „befahren“, wie der Bergmann das Begehen nennt. Die überwiegende Zahl dieser Stollen, von 34 insgesamt, liegt im Raum Clausthal-Zellerfeld und Buntenbock, sowie im Dammgrabensystem. Allein das Untere und das Obere Rosenhöfer Gefälle, die Wasser von Buntenbock zum Antrieb der Wasserräder der Gruben des Rosenhöfer Gangzugs in Clausthal zuführten, umfasst 13 Wasserläufe, zählt Alich. Zum Oberen Rosenhöfer Gefälle gehört auch der jüngste – der Bärenbrucher Wasserlauf. Erst in den Jahren 1947 bis 1949 ist dieser von der Preussag aufgefahren worden, um das einstige Kraftwerk im Ottiliae-Schacht mit Wasser zu versorgen.

Der Clausthal-Zellerfelder Betriebshof der Harzwasserwerke bietet Besuchern Führungen nach Voranmeldung an, für Gruppen von fünf bis maximal 20 Personen. Auf der Wanderung durch streckenweise knietiefes, Wasser gibt es einiges zu entdecken: wechselnde Ausbauarten, vom klassisch in Holz gearbeiteten „Deutschen Türstock“ bis hin zum modernen „Stahlrundbogen-“ oder „Stahltürstockausbau mit Ziegelstein- oder Betonplattenverzug“. Im festen Fels erscheinen ab und an eingehauene Zeichen der alten Bergleute im Licht des Geleuchts. Geologisch besonders ist der Geseher Wasserlauf, dessen Anfang als einziger in Brockengranit steht.

Ohne Voranmeldung kann der Untere Eichelberger Wasserlauf auf dem Gelände des Museums „Knesebeck-Schacht“ in Bad Grund besichtigt werden – zusammen mit dem weltweit einzig erhaltenen „Hydrokompressorenturm“ zur Erzeugung von Druckluft mit Wasserkraft. Die Ziele der Wasserläufe – die Radstuben der Erzgruben – sind teils museal erschlossen: Besonders bemerkenswert sind hier die „Runde-“ und „Ovale Radstube“ der „Grube Thurm Rosenhof“, mit deren Bau Mitte des 17. Jahrhunderts begonnen wurde. Wegen ihrer Schönheit und Dimensionen fanden beide schon früh in der Literatur Beachtung. Führungen des Oberharzer Bergwerksmuseums gehen über Treppen hinab in die 24 Meter tiefe, runde Radstube mit einem Durchmesser von 10,50 Metern. Die ovale, rund 22 Meter hohe Schwester ist noch nicht allgemein zugänglich. Die letzten original vor Ort erhaltenen Reste eines Kehrrades (ein Wasserrad, das sich in beide Richtungen drehen kann) sind im „19-Lachter-Stollen“ in Wildemann zu sehen. Ein rekonstruiertes Wasserrad sowie die damit bis 1922 angetriebene und noch funktionsfähige Fahrkunst von 1837 sind im Museum der Grube Samson in St. Andreasberg zu bewundern.