Die Teiche: Kraftquellen eines uralten Industriegebiets

Von Bettina Ebeling

Der Untere Eschenbacher Teich (um 1548) gehört zu den ältesten wasserwirtschaftlichen Anlagen Clausthal-Zellerfelds. Foto: Bertram

 

„Zu noch größerer Sicherheit, um das umgehende Gezeug in Gange zu halten, darf kein Tal, welches sich zum Anlegen eines Teiches eignet, ungedämmt liegen bleiben, (...) Dergleichen Angelegenheiten kosten zwar viel, haben aber in der Zeit der Not ihren Nutzen. (...) denn ein einziger Wassermangel, wie 1767 und 1784/85, kostet nicht allein mit Pferdetreiben mehr als viele Teiche und Gräben, (sondern) der Schaden am Gebäude, die Behinderung der Erzförderung und andere nicht zu vermeidende Vorkommnisse machen auch ein Beträchtliches zum Schaden der Gruben aus.“

So schreibt Oberbergmeister Georg Andreas Steltzner (1725–1802) in seinen „Aufzeichnungen zur Oberharzer Wasserwirtschaft“ (transliteriert und von Hans-Hugo Nietzel nachbearbeitet 2003 in der Schriftenreihe des Oberharzer Geschichts- und Museumsverein neu erschienen). Seine bis etwa 1794 reichenden Berichte beschreiben die „Wassernot“, der die Alten über Jahrhunderte mit Erfindergeist, Tatkraft und nicht zuletzt mit Erfolg abhalfen. Sie verdeutlichen aber auch, in welchem Maße der Bergbau die Natur und die Landschaft des Oberharzes verändert hat. Das Wasser war Segen und Fluch zugleich. War in regenarmen Zeiten über Tage oft zu wenig davon vorhanden, wurde es unter Tage zu viel. Es sickerte in Schächte und Stollen ein, behinderte den Erzabbau und machte ihn oft sogar unmöglich.
Mehrmals seien „die Bergleute vom Wasseraufgang ausgetrieben worden“, wenn tiefere Grubenbaue im Gebirgswasser „ersoffen“ – weil es oben an Wasser zum Antrieb der Kehr- und Kunsträder fehlte. Was in den Akten als „Feiern“ erwähnt ist, bedeutete für die Arbeiter den Verlust des oft einzigen Broterwerbs.

Allein aus den Jahren 1672 bis 1767 vermerkt der Oberbergmeister 19 zum Teil monatelange Stillstände von Berg- und Pochwerken. In einem Fall „wurden die Leute sämtlichst abgelegt“ (entlassen), in anderen wurden „die feiernden Puchkinder an die Berghalden zum Durchklauben und die Bergleute zum Bau an Teichen und Gräben genommen“.
Not macht erfinderisch. Die immer zahlreicher und tiefer werdenden Bergwerke entwickelten einen immensen Energiebedarf. Vom frühen 16. bis ins 19. Jahrhundert hinein entstanden ausgeklügelte Teichsysteme, aus denen die verschiedenen Reviere mit Wasserkraft versorgt wurden.
Über Gräben und Wasserläufe (Stollen) zapfte man weit entfernt liegende Bäche an, um ihr Wasser in geeigneten Tälern hinter Staudämmen zu sammeln. Kaskadenartig „übereinander“ angelegte Teiche ermöglichten es, Wasser in verschiedenen Höhen zu entnehmen. In Trockenzeiten musste Wasser aus anderen Teichen herangeführt werden können. Dazu überwand man schließlich sogar die Wasserscheide zwischen Süd- und Nordharz, um die ertragreichen Clausthaler Gruben mit Wasser zu versorgen. Das System der Oberharzer Wasserwirtschaft versorgte den Oberharzer Bergbau und damit eines der ältesten Industriegebiete Europas mit regenerativer Energie.

Teiche mussten standfeste Dämme und regulierbare Abflüsse haben, die auch bei Hochwasser hielten. Die Abdichtung der aus Erde gebauten Teichdämme wurde mit dem einzigen damals vor Ort verfügbaren Dichtmaterial vorgenommen: dem „Rasenhaupt“. Dabei handelt es sich um Grassoden, die exakt in der Reihenfolge verbaut wurden, wie sie ausgestochen worden waren, damit sie wieder lückenlos zusammenpassten.

Diese 6 bis 18 Meter hohen, oft nach und nach aufgestockten Dämme sind Meisterwerke der Ingenieurkunst. Die älteste Bauart ist jene mit frei vor dem Damm stehendem Striegel- oder Zapfenhaus, bei welcher der zur Regulierung des Wasserstandes dienende Verschluss unter Wasser am Dammfuß sitzt. Als Nachteil dieser Anlagen erwies sich schnell, dass die Striegelhäuschen Wind, Wellen und Frost ungeschützt ausgesetzt waren. Bis heute müssen sie im Winter mit der Säge vom Eisdruck freigehalten werden. Nach 1715 begann man deshalb, die Striegelschächte in die Dämme einzubauen. Auch die Dichtung kam nach innen, was den Damm besser vor Schäden durch Mäuse schützte.

Einen Sonderfall stellt der „Sächsische Striegel“ dar, mit dem eine Technologie aus dem Erzgebirge übernommen wurde. Das Striegelgestänge verlief dabei schräg in einer Nische auf der wasserseitigen Böschung, was den teuren Schachteinbau ersparte. Den Aufzeichnungen zufolge wurde diese Form im Oberharz nur ein Mal – 1834 am Mittleren Einersberger Teich – verwendet. Von den einst gebauten rund 120 Teichen werden heute noch 63 „aktiv geschützt“, das heißt derart unterhalten, dass sie funktionstüchtig bleiben. Dämme bereits früher aufgegebener Teiche sowie „abgeworfene“ (nicht mehr genutzte) Gräben, die oft nur noch als Bodenwellen im Waldboden zu erkennen sind, zählen zum „passiven“ Denkmal. Die Harzwasserwerke machten es sich zur Aufgabe, die historischen wasserwirtschaftlichen Anlagen zu erhalten und über sie zu informieren. So finden sich überall im Gelände Schilder, die die historischen Anlagen und ihre Funktion erläutern. Nicht zuletzt beherbergt die Kaue des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Schachts eine Ausstellung über das Kulturdenkmal Oberharzer Wasserregal, das nun zum Weltkulturerbe gehört. Quellen: „WasserWanderWege“, Dr. Martin Schmidt (1997); „Kunstbauten alter Wasserwirtschaft im Oberharz“, Dr. Hugo Haase/Wolfgang Lampe (1985); „Aufzeichnungen zur Oberharzer Wasserwirtschaft“, G.A.Steltzner/H.H. Nietzel (2003).