Die Menschen hinter dem Welterbe: Kartografen legten Grundstein

Von Andre Bertram

„Bergbau ist nicht eines Mannes Sache“: Der vor Jahrhunderten geprägte Ausspruch gilt auch und insbesondere für die Arbeit am Projekt „Welterbe Oberharzer Wasserwirtschaft“. Zum Erfolg haben viele Menschen beigetragen, vor und hinter den Kulissen, viele ganz im Verborgenen. Zu diesen gehört die „Brigade Rosenhof“ mit Jürgen Alich (Foto) an der Spitze.Foto: Bertram

 

Die konkreten Macher des Welterbe-Erfolgs sind buchstäblich an zwei Händen abzählbar. „Prof. Reinhard Roseneck, der den Antrag geschrieben hat, ist die zentrale Figur“, hebt Thomas Gundermann, Vorsitzender des Oberharzer Geschichts- und Museumsvereins (OGMV), klar hervor. Das Stehvermögen, das der „westfälische Dickschädel“ allen Anfeindungen zum Trotz gezeigt habe, sei „großartig“, sagt auch Wilhelm Marbach, Leiter des Oberharzer Bergwerksmuseums. Der Landesdenkmalpfleger und Leiter des Zisterzienser-Museums Walkenried sei „der Einzige, der das Weltkulturerbe Oberharzer Wasserwirtschaft in eine erfolgreiche Zukunft führen kann“, ist Marbach überzeugt.

Der Welterbe-Antrag hatte nicht nur Befürworter. „Er wurde letztlich Realität, weil es ein begrenzter Kreis wollte“, sagt Gundermann – die Harzwasserwerke mit Renke Droste und Justus Teicke an der Spitze, die Landräte Stephan Manke und Bernhard Reuter, weitere politische Unterstützer sowie Tobias Henkel, Direktor der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, inbegriffen.

Roseneck selbst nennt Wilhelm Marbach als seine „rechte Hand“ in der Endphase der Antragstellung, insbesondere als es darum ging, Nachfragen der Unesco zu bearbeiten. Jochen Klähn – vielfach ehrenamtlich engagierter Leiter des Bergwerksmuseums Grube Samson in St. Andreasberg, Stadtheimatpfleger und Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Harzer Bergbau- und Hüttenmuseen – habe ebenfalls wesentliche Informationen und Material beigesteuert. Der Grundstein des Projekts wurde indessen schon im Frühjahr 1989 gelegt, als die beiden Kartografen Ullrich Britz und Bernd Scharlemann nach dem Übergang des Kulturdenkmals Oberharzer Wasserregal an die damaligen Harzwasserwerke des Landes Niedersachsen mit der Aufgabe betraut wurden, das wasserwirtschaftliche System in seiner Gesamtheit zu kartieren.
„Es war eine sehr umfangreiche Dokumentation“, erinnert sich Britz, heute Abteilungsleiter „Liegenschaften und Vermessung“ der Harzwasserwerke in Hildesheim. Unter der Leitung Scharlemanns begann im April 1989 ein Vermessungstrupp der Harzwasserwerke mit dem vollständigen Aufmaß jedes einzelnen noch sichtbaren Grabens, Teichdamms und weiterer Spuren in der Landschaft.

Eine Herkulesaufgabe, denn bis dato waren nur die aktiven Teile des Kulturdenkmals Oberharzer Wasserregal in den Landeskarten verzeichnet. In alten Schriftstücken und Kartenwerke des damaligen Oberbergamts in Clausthal forschten die Kartografen nach Hinweisen auf die vergessenen Zeitzeugen, die sie in einer Fläche von rund 200 Quadratkilometern systematisch vor Ort erkundeten.
So wurden in den Jahren von 1989 bis 1996 circa 500 Kilometer Gräben, circa 30 Kilometer Wasserläufe und 65 Teichdämme vermessungstechnisch erfasst. Dann begann die Ausarbeitung der so erfassten Daten.

Mithilfe eines satellitengestützten Geo-Informationssystems wurde eine digitale Karte aller erfassten Anlagen erstellt. Diese erste Dokumentation, die insgesamt 250 Quadratmeter Kartenblätter umfasste, war im Jahr 2005 die Grundlage einer zweiten umfangreichen kartografischen Dokumentation als wesentlichem Bestandteil des Antrags zur Aufnahme in die Liste des Unesco-Welterbes. Der Antrag enthielt 157 Kartenblätter. „Ohne das Kartenwerk hätten wir keine Chance gehabt“, sagt Prof. Roseneck.

Ebenfalls bereits lange Jahre, bevor die Oberharzer Wasserwirtschaft zum Weltkulturerbe geadelt wurde, haben sich Bergbau-Enthusiasten für den Erhalt von Teilen des Denkmals stark gemacht: die Brigade Rosenhof um Bergbauingenieur Jürgen Alich. Seit mittlerweile zwölf Jahren arbeitet diese Gruppe ehrenamtlich im Bereich der Grube „Alter Segen“ mit zugehöriger Rösche. Unter dem Namen „Nasser Stollen“ ist die Altensegener Tiefe Rösche 1552 als ältester Wasserlösungsstollen des Clausthaler Reviers erstmal urkundlich erwähnt. „Der spätere Hauptbesucherweg zur Runden Radstube der Grube Thurm Rosenhof sollte Mitte 2010 freigegeben werden“, hofft Jürgen Alich auf baldige Genehmigung.

Nach einer Auflage des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) mussten die erfahrenen Bergleute zunächst einen zwölf Meter langen Abschnitt des insgesamt 660 Meter langen Wasserlösungsstollens für einen sicheren Besucherverkehr „auf Mannhöhe“ erweitern. Anfang Juni wurden die schweißtreibenden Arbeiten an dem Stollen abgeschlossen.
Weitere Voraussetzung dafür, die untertägigen Schätze des Oberharzes der Öffentlichkeit zeigen zu können, ist die Vorsorge für den Notfall – wenn sich etwa ein Besucher unter Tage verletzt. An dieser Stelle kommt noch eine ehrenamtliche Truppe ins Spiel: die Fachgruppe Absturzsicherung, ein 2001 gestartetes und 2004 offiziell in Dienst gestelltes Gemeinschaftsprojekt der Ortsverbände von DRK und Bergwacht sowie der Freiwilligen Feuerwehr Clausthal-Zellerfeld mit dem damaligen Ortsbrandmeister Lothar Kahla an der Spitze. Die Höhenretter begleiten und sichern regelmäßig Besuchergruppen in den Schächten und Stollen. Wenn irgendetwas passiert, sind sie mit professionellen Mitteln vor Ort.

Die Verbindung der Dorotheer Rösche mit dem Caroliner Wetterschacht auf dem Gelände der Sympatec GmbH wurde vor kurzem der Öffentlichkeit übergeben. Ohne die stets positive Haltung des Clausthaler Unternehmers Dr. Stephan Röthele, der den „Lückenschluss“ mit einem sechsstelligen Betrag mitfinanzierte, „wäre es nicht gegangen“, sagt Wilhelm Marbach.

Viele weitere Menschen, „Typen, die Mut gemacht haben – positive Signale für den Oberharz setzen“, fallen Gundermann und Marbach zum Thema Welterbe noch ein. Dr. Martin Schmidt, damals Geschäftsführer der Harzwasserwerke, habe durch die Einordnung und den Vergleich der Oberharzer Wasserwirtschaft mit anderen Kulturdenkmälern von Rang am Fundament der erfolgreichen Antragstellung mitgebaut, seitens der Landesforstverwaltung habe sich Karsten Peiffer vor der Übernahme des Wasserregals durch die Harzwasserwerke für dessen Pflege eingesetzt.

Und nicht zuletzt habe zur Zeit der Privatisierung eine Bürgerinitiative dafür gekämpft, dass die Harzwasserwerke vertraglich verpflichtet werden, das Denkmal zu erhalten. Anderenfalls, sagt der OGMV-Vorsitzende, „wäre die Oberharzer Wasserwirtschaft heute nur noch rudimentär erhalten.“