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Die Gräben: Lebensadern des Oberharzer Bergbaus
Von Andre Bertram
Der Bau des Sperberhaier Dammes mit dem Dammgraben gilt als größte organisatorische Leistung des Oberharzer Bergbaus über Tage. Bis zu 600 Männer und Frauen waren in Spitzenzeiten in Handarbeit damit beschäftigt.
Wildromantische Felslandschaften, dunkle Fichtenwälder – und mittendrin ein Netz von Wassergräben. Sie sind eines der Hauptmerkmale des als Welterbe anerkannten Oberharzer Wasserregals.
Die Entscheidung des Welterbekomitees, die – so der offizielle Name – „Oberharzer Wasserwirtschaft“ ins bestehende Weltkulturerbe Rammelsberg und Altstadt Goslar aufzunehmen, adelt das geniale Erbe der Harzer Bergleute, ausgehend von Mönchen des Zisterzienserklosters Walkenried. „Vom hohen Mittelalter bis heute ist die Wasserwirtschaft in Betrieb“, hebt Landeskonservator Prof. Reinhard Roseneck die außergewöhnliche zeitliche Dimension des Denkmals hervor.
Das „Wasserregal“, wie es im Volksmund genannt wird, besteht aus einem ausgeklügelten System von Gräben, Wasserläufen und Teichen. Diese dienten einem Zweck, das Wasser auf den Höhen des Harzes zu sammeln, zu halten und den Bergwerken als Energiequelle zuzuführen. Dazu wurden 500 Kilometer Gräben mit geringem Gefälle entlang der Berghänge angelegt. Heute sind noch 310 Kilometer davon erhalten.
Für den Erz-Bergbau des Oberharzes waren die Gräben die Lebensadern, der Dammgraben die Aorta. Als Aufschlagwasser für Kehr- und Kunsträder der Schächte genutzt, diente die Kraft des Wassers der Förderung der Erze, dem Antrieb der Fahrkünste und dem Heben von Grundwasser aus immer tiefer vordringenden Grubenbauen. Pochwerke nutzten die Wasserkraft zur maschinellen Zerkleinerung des Erzes.
1732 begann der Bau des längsten und wohl wichtigsten Grabens, des Dammgrabens. Bis auf etwa 15 Kilometer Länge angelegt, vereinte dieser die Zuflüsse weiterer Sammelgräben. Ausreichend Aufschlagwasser für die Wasserkünste auch in trockenen Jahren vorzuhalten war für den Bergbau lebenswichtig. Die Wasser mussten fließen.
So gelangten etwa reiche Niederschläge vom Bruchberg über den „Clausthaler Flutgraben“ in den Dammgraben und weiter ins – für damalige Verhältnisse – riesige Industriegebiet der Bergstädte Clausthal und Zellerfeld. Selbst aus dem Brockenfeld wurde über den Abbe-Graben, entlang des heutigen Goethe-Weges bei Torfhaus, der wichtige Energieträger beschafft. Badegäste im Clausthaler Waldseebad schwimmen also auch in Brockenwasser.
Ohne den Bau eines gewaltigen Aquädukts, des 940 Meter langen und bis zu 16 Meter hohen Sperberhaier Dammes, hätte der Dammgraben, topografisch bedingt, nicht vom Bruchberg zur Clausthaler Hochebene fließen können. „Die größte organisatorische Leistung des Oberharzer Bergbaus über Tage“, nennt eine Dennert-Tafel die Errichtung des 1732 bis 1734 entstandenen Dammes. 180.000 Kubikmeter Material aus nahen Steinbrüchen wurden mühsam in Handarbeit mit Keilhaue, Schaufel und Schubkarre aufgeschüttet. In Spitzenzeiten des Jahres 1733 waren über 600 Personen damit beschäftigt.
Eine vergleichbare Bedeutung für das St. Andreasberger Silbererz-Revier besaß der Rehberger Graben zwischen dem Oderteich und der Bergstadt.
Revisionswege am Wasserrand, einst für Kontrollgänge der „Grabenwärter“ angelegt, sind seit eh und je beliebt bei Wanderern. Mühelos werden Natur und Kultur des Oberharzes erlebbar. Wo der Hochwald den Blick freigibt, schweift das Auge ins Tal. Farne erobern die besten Plätze am Wasser. Blumen und Gräser säumen den Weg. Forellen, Molche und Frösche finden in den künstlich angelegten Gewässern ihren Lebensraum.
Auf die technischen Besonderheiten des Oberharzer Wasserregals weisen informative Schilder der Harzwasserwerke hin. Vom „Fehlschlag“, worüber Hochwasser ins Tal abgeleitet wird, bis hin zur „Umfahrung von Felsen“ gibt es einiges zu entdecken. Versteckt im Wald finden sich Meisterleistungen frühen Erfindergeistes, wie die „Hutthaler Widerwaage“, über die das Wasser je nach Wassersituation kontrolliert in beide Richtungen fließen konnte.
An mit Gittern verschlossenen Stollenmundlöchern werden die Gräben im Berg zu Wasserläufen unter Tage. Zurück am Tageslicht – meist rund einen Kilometer entfernt – fließen die Gräben dem nächsten Wasserlauf oder Teich zu, bis hin zu den einstigen Radstuben der Bergwerke.
- Ritterschlag für das Oberharzer Wasserregal
- Die Menschen hinter dem Welterbe: Kartografen legten Grundstein
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