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Das Werk des Universalkünstlers
Ein außergewöhnlicher Künstler und Kaiserring-Träger: David Lynch. Archivfoto: dpa
Der „Universalkünstler“ David Lynch erhält den Kaiserring der Stadt Goslar. „Universell“ ist der US-Bürger aus Los Angeles bei der Wahl seiner Mittel, mit denen er seine Ideen umsetzt – ob in filmischer Form, als Gemälde, Fotografie, Lithografie oder gar als Möbelstück. Mit seinen vielfältigen Ausdrucksformen schafft er das von Kritikern oftmals zitierte „Lynch-Land“, das eigentlich noch viel mehr ist – ein ganzes Universum.
Wie sieht es darin aus? So dunkel, bedrohlich, düster und brutal, dass man erleichtert ist, nach 90 Filmminuten oder dem mitunter nicht kürzeren Besuch einer Ausstellung wieder in die eigene Welt zu entkommen. Nur – ist die wirklich so viel besser? Lynch treibt auf die Spitze, was jedem Einzelnen blühen kann. Aber – wer will das wissen?
Der Spaziergang durch die dichte, befremdliche Film-Welt des Cineasten David Lynch wird leicht zu einem Horror-Trip. Es ist ein Weg in die Urängste der eigenen Psyche. Der jähe Einbruch des zerstörenden Schicksals in das so fein mit Falte gebügelte Leben kommt bei Lynch zwar oft in surrealer Form daher, die Intensität des dabei entstehenden Gefühls ist umso realer. Wie fühlt es sich an, wenn Tod, Verzweiflung, Krankheit, Verlust drastisch deutlich machen, dass fremde Mächte die Regie über das eigene Leben übernommen haben?
Er führe „ein Leben in Finsternis und Verwirrung“, sagte Lynch, dessen öffentliche Auftritte seine eigenen Worte Lügen zu strafen scheinen. Er wird als charmant beschrieben, scherzt, lacht. Im Lynch-Land kein Widerspruch: Gerade der Blick unter die Oberfläche ist es, dem sich Lynch seit seiner Kindheit verschrieben hat.
Er kam am 20. Januar 1946 in Missoula, Montana zur Welt. An der Seite seines Vaters, eines Agrarwissenschaftlers, wurde er förmlich mit der Nase auf die Welt unter der Oberfläche gestoßen, entdeckte das Gewimmel an Lebewesen unter Baumrinden oder auf dem Waldboden. Eine kindliche Neugier und Nahaufnahme, die sich bei ihm bis heute nicht abgenutzt hat. Der mikroskopische Blick wurde zu einem festen Schaffensprinzip. Lynch enthaarte Mäuse, um ihre Haut zu sehen, er sezierte Katzen und war völlig begeistert von den Gewebestrukturen, den „Texturen“, die er fand – ein Besuch von Gunter von Hagens „Körperwelten“ müsste ganz nach seinem Geschmack sein.
Ein bisschen verrückt klingt es schon, dass jemand seine eigenen Zimmer schwarz streicht, um darin Kurzfilme („The Alphabet“/„The Grandmother“) zu drehen. Damals (1965-1967) studierte Lynch an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts in Philadelphia. Für seinen ersten Spielfilm arbeitete er fünf Jahre lang nur nachts, weil dann das „Licht“ stimmte. Bald stimmte es in der ersten von mehreren Ehen nicht mehr – sie überdauerte die Dreharbeiten zu „Eraserhead“ (1977) nicht.
Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich eng beieinander, was auch für Grauen und Komik gelten kann: Manch schockierende Szene, manch drastische Darstellung wirkt bei aller Brutalität absurd und damit komisch. Die Welt eines anderen Fürsten der Finsternis und Verwirrung lässt grüßen: Franz Kafka könne sein Bruder sein, sagte Lynch einmal; hätte Kafka einen Krimi geschrieben, er hätte ihn verfilmt.
Gefahren und Geheimnisse liegen im Dunkel verborgen. Doch es existiert nicht nur Düsteres im spannenden Werk von Lynch, auch wenn das Licht meist nur dazu dient, die Schatten noch schwärzer wirken zu lassen. Im Roadmovie „Wild at heart“ (1990) gibt es (nach einem gerüttelt Maß an Horror) tatsächlich ein Happyend für Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern), eine Seltenheit bei Lynch.
Und die „Straight Story“ (1999) scheint in ihrer Geradlinigkeit und Warmherzigkeit völlig aus der Art zu schlagen. Ein alter Mann (Richard Farnsworth) macht sich mit einem Rasenmäher auf den langen Weg von Iowa nach Wisconsin, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Die „Jahre in Finsternis und Verwirrung“ liegen, was das Verhältnis der Brüder anbelangt, vor der erzählten Zeit.
Den Ausnahmen steht die Regel gegenüber, und die besteht in Lynchs Werk, möchte man hoffen, aus den Ausnahmen. Schluss mit der Verwirrung: Wer sich ins Lynch-Land begibt, muss sich auf Blut spuckende Menschen, Missbildungen, rohe Gewalt, Obsessionen, Eifersucht, Tod und Verwesung gefasst machen – und das in jedem Medium.
Eine Schwarz-Weiß-Fotoserie schmelzender Schneemänner in trostlos leeren Vorgärtenszenerien wirkt neben dem Moment des Vergänglichen bedrohlich. Die zerfließenden Gesellen machen noch gute Mine zum bösen Spiel und erinnern an böse Clowns, Batmans „Joker“.
Die „Distorted Nudes“, verdrehte, entstellte Nackte, brechen alle Sehgewohnheiten: Für die Serie hat Lynch alte, einst in Caféhäusern ausliegende Erotikfotos am Computer wahrhaft „verunstaltet“ und gegen jede biologische Gesetzmäßigkeit zu verstörenden Bildern zusammen gesetzt. Um Missbildung ging es schon in Lynchs ersten Filmen; in „Eraserhead“ leiden die Eltern unter einem Baby, das einem Alien gleicht. In „The Elephant Man“ (1980) liegt hinter der als hässlich empfundenen Oberfläche des Elefantenmenschen die wahre Schönheit, eine gute Seele. So sehr der 64-Jährige die Schnelllebigkeit des Filmemachens heute missbilligt, so sehr weiß er die technischen Errungenschaften für sich zu nutzen. Seinen jüngsten Film („Inland Impire“, 2006), der selbst viele Fans ratlos zurück gelassen haben soll, hat er ausschließlich in digitaler Video-Technik gedreht.
In einer traditionsreichen Druck-Werkstatt in Paris hat der Universalkünstler seine Liebe zur Lithografie entdeckt und mit der „Epson-Digigraphie“ weiteres Neuland betreten: Verschwimmende Konturen bekommen, vermischt mit Zigarettenrauch, etwas Überirdisches. Lynch selbst betreibt seit Jahrzehnten transzendentale Meditation. Für ihn ein Weg raus aus seinem Universum? Wen würde das wundern...
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