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Portrait von Bridget Riley

Bridget Riley begutachtete im Januar den Ort, an dem sie den Kaiserring bekommt. Foto: Kusian-Müller
Alles flirrt, flimmert und flackert, wogt, wellt sich, entflieht – und das ganz ohne Bildschirm. Bridget Riley, die den Kaiserring der Stadt Goslar erhält, hat eine visuelle Welt erschaffen, die jeder betreten kann, ohne viel von Kunst zu verstehen. Trotzdem sind ihre Werke hochkomplex und genial komponiert. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick, und der ist für die Werke dieser Künstlerin in der Tat zu wenig.
Das einzige, was die britische Malerin dem Betrachter abverlangt, ist das Sehen. Ihre Kunst zielt nicht darauf ab, analysiert und interpretiert zu werden. Die ohnehin umstrittene Frage, „was will der Künstler uns damit sagen?“, ist bei ihr fehl am Platz. Sehen – wahrnehmen – wirken lassen. Das ist die Aufforderung beim Betreten einer Riley-Ausstellung.
Ihre Werke sind allgegenwärtig – Informationen über ihr Leben jenseits der Kunst dagegen rar. Mit 78 Jahren gehört sie einer Generation an, die das Glück hat, ihr Privatleben noch nicht im Internet ausgebreitet zu sehen – obwohl es spannend gewesen sein muss, das wird aus dem Wenigen klar, was an die Oberfläche dringt. Sie wurde in einer Zeit zum Star, in der das London der Nachkriegszeit seinen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung erlebte, perfekter Nährboden für eine sich rasant entfaltende, kreative Kunstszene, Geburtsstunde der „Neuen Generation“ – und die junge Künstlerin mittendrin.
Bridget Riley wird am 24. April 1931 in London geboren, wächst in Cornwall auf, während ihr Vater im Kriegsdienst weilt. Nach unregelmäßiger Grundschulerziehung geht sie auf ein „Ladies’ College“, wo ihre künstlerische Ader bereits zum Vorschein tritt und im Stundenplan berücksichtigt wird. Sie studiert am Goldsmiths’ College of Art, dann am Royal College of Art, beide in London. Nach dem Bachelor of Arts (1955) und einem Unfall ihres Vaters kommt eine lange Krise. Vor dem eigentlichen Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn verkauft sie Glaswaren, unterrichtet Kinder, arbeitet in einer Werbeagentur. Ihr Biograf Robert Kudielka bezeichnet das Jahr 1960 als „Ursprungsjahr ihres selbstständigen Werkes“.
Rileys Durchbruch kommt nach ersten neoimpressionistischen Landschaftsbildern mit ihren Schwarz-Weiß-Arbeiten, die der Op-Art (Optical Art) zugerechnet werden. Sie vermögen bis heute den Betrachter zu faszinieren. „Blaze 1“ etwa, ein kreisrundes, schneckenförmig wirkendes Gebilde aus schwarz-weißen Zickzackstreifen, zieht den Blick wie ein Strudel magisch in eine virtuelle Tiefe – ein Klassiker, nach dessen Betrachtung man unwillkürlich die Augen zukneift.
Tatsächlich immer wieder reproduzierbar ist auch der optische Effekt, der bei den „White Discs“ zum Tragen kommt: Der Blick auf schwarze Punkte führt innerhalb von Sekunden dazu, dass der Betrachter weiße Pendants daneben aufscheinen sieht, die gar nicht im Bild enthalten sind. Rileys Attacken auf die Wahrnehmung „funktionieren“ zeitlos zuverlässig – sie verstören, irritieren, wir-
ken. Kein Wunder also, dass sie heute unter anderem als optische Grundlagen für Musikvideos durchs Netz wabern.
Die Kommerzialisierung hat Riley schon früh Kopfzerbrechen bereitet. Die Beteiligung an einer Gemeinschaftsausstellung im Museum of Modern Art in New York (1965, „The Responsive Eye“) machte sie mit einem Schlag auch jenseits des großen Teichs populär – in einer Hinsicht allerdings mehr, als ihr lieb war, denn sie wurde das Opfer einer frühen Vermarktungswelle, die nicht viel fragte. Kaum war die Ausstellung eröffnet, fanden sich ihre Schwarz-Weiß-Kompositionen auf Kleidern, Tüchern und Postern in ganz Manhattan wieder, das förmlich von Riley-Motiven überschwemmt wurde – ein Urheberrecht für Kunst wurde dort erst zwei Jahre später eingeführt. Riley soll entsetzt gewesen sein – und kehrte voller Sorge, als Künstlerin nicht mehr ernst genommen zu werden, nach London zurück.
Immerhin brachte ihr der Aufenthalt auch wichtige Begegnungen – darunter glamouröse wie die mit Salvador Dali, der ihr samt Leoparden die Aufwartung machte. Geschichten wie diese sind wohl nur die Spitze des Eisbergs, dessen Rest unter der Oberfläche verborgen liegt. Das schafft Raum für das, was ihr wichtiger ist: „Künstlern ist ihre Arbeit am nächsten“, hat sie geäußert.
Seit fünf Jahrzehnten setzt sie sich konsequent, unermüdlich und mit Lust mit Phänomenen der Wahrnehmung auseinander, mit der Erschaffung von Bildern, die Empfindungen auslösen, seit 1967 mit der Wirkung von Farbe (erst verwendet sie Acryl, dann Öl), ihrer Interaktion, mit Energien, dem Eindruck von Licht, Bewegung und Geschwindigkeit in einem statischen Werk, das mit dem Betrachter plötzlich in Wechselwirkung tritt.
Obwohl sie als abstrakte Künstlerin gilt, ist es die Natur, die sie zur Kunst gebracht hat. Können mit einem Gemälde Empfindungen geweckt werden, die ein Spaziergang auslöst? Es fällt jedenfalls nicht schwer, sich beim Flirren ihrer Wellenlinien nach dem Meer zu sehnen. Rautenförmige, mit vielen Farben gemalte „Webteppiche“ in vertikal-diagonal aufstrebender Ausrichtung enthalten ein Funkeln, das an Blätter im Wind erinnert, auf die das Sonnenlicht fällt. Und den Kreissegment-Formen ihrer jüngsten Arbeiten haftet an sich schon etwas Organisches an – sie wirken wie sich reckende Flammen oder sich wiegende Pflanzen.
Preise hat Bridget Riley, die in London, Cornwall und Südfrankreich arbeitet, schon einige erhalten, angefangen 1968 mit dem Internationalen Preis für Malerei auf der Biennale in Venedig. 1999 verlieh ihr die Queen die Auszeichnung „Companion of Honour“. 2003 wurde sie in Japan mit dem „Praemium Imperiale“ ausgezeichnet. Reisen führten die eigenwillige Künstlerin, die nie von ihrem Weg abwich, durch Europa und die ganze Welt – zu Kunstausstellungen, auf denen sie sich mit Matisse, Cézanne, Seurat, Vasarely, Mondrian und Pollock auseinandersetzte, zu Natur- und Farbschauspielen, die ihre Seh-Erfahrungen erweiterten und ihre Farbwahl beeinflussten – nach Indien, Japan, Australien, Tahiti, Bali, Java, Ägypten.
Bei jungen Künstlern ist Bridget Riley mit ihrer spezifischen Qualität wieder sehr angesagt. Die Kaiserringjury ehrt sie als eine der großen Malerpersönlichkeiten Europas, würdigt ihr Gesamtwerk, dessen Aktualität und Zukunftsfähigkeit.
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