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Zuhause ist hier, die Heimat dort

Noch vom Vater, der als Glasbläser in der Josephinenhütte von Oberschreiberhau arbeitete: ein mundgeblasenes Trinkglas. Die Tante von Johannes Pfeifer brachte dieses und ein weiteres väterliches Handwerks-Objekt mit in den Westen. Foto: Potthast
Zuhause sei er in Goslar – aber „meine Heimat ist nach wie vor da“. Da, das ist für Johannes Pfeifer Oberschreiberhau. Den schlesischen Ort im Riesengebirge, bekannt als Erholungs- und Wintersportstätte, haben er, sein zweieinhalb Jahre älterer Bruder Willi und seine Mutter am 10. Mai 1946 verlassen müssen. Sie gehörten dem zweiten Transport an. „Einen halben Tag hatten wir Zeit, unsere Klamotten zu packen.“ Mit dem Leiterwagen schafften sie alles zum Bahnhof.
Viehwaggons waren bereit gestellt für Gepäck und Menschen – sechs Familien in einen Waggon, sechs Familien aus einem Haus. In dem hatten Pfeifers eine Dienstwohnung. Denn Johannes Pfeifers Vater war als Glasbläser in der Sophienhütte angestellt. Er war seit Kriegsende in Gefangenschaft. Wo, das erfuhren Ehefrau und Söhne durch Zufall.
„Einen Tag, bevor wir ausgewiesen wurden, hatte jemand eine Postkarte vom Vater gefunden.“ Und sie Pfeifers gegeben. Einen Teil ihres Hausstandes hatte die Mutter an Polen gegeben, um nötige Lebensmittel für sich und die Kinder zu beschaffen. Einen Teil holten sich Polen, während die Familie noch anwesend war. Zwei Federbetten nahmen Pfeifers mit. „Ich sollte meins selbst einpacken, habe ich aber nicht.“ Und das hat ihm seine Mutter ein Leben lang vorgehalten. Allerdings: Kalt war es nicht während der ungewollten Reise in den Westen. Daran erinnert sich Johannes Pfeifer, der damals Zehnjährige.
Linse mitgenommen
Er hatte ein Taschenmesser, einen Ball und eine optische Linse bei sich, als sie los mussten. Die Linse hatte er von der Wehrmacht, die Oberschreiberhau zweimal passierte. Erst auf der Flucht Richtung Tschechien. Dann zehn Tage nach der Kapitulation der Deutschen als Gefangene wieder zurück. Während eines Aufenthaltes hatten die Soldaten ihre Kinoausrüstung dort gelassen, aus der sich der Pfeifer-Sohn eines der optischen Elemente ausbaute.
Den Zustand der Vertreibung „habe ich nicht als so besonders tragisch empfunden“. Johannes Pfeifer war ja ein Kind. Und als solches hat er alles durch- und erlebt. „Wir haben mal auf dem Bremshaus gesessen und sind da mitgefahren, haben während der Fahrt die Beine aus den offenen Türen baumeln lassen.“ Unbeschwertheit in schwerer Zeit.
In Hirschberg war der erste Halt, für zwei Tage. Danach machte der Zug Station in Kohlfurt (heute Wegliniec), Hoyerswerda, Salzgitter und Seesen. Mit dem Bus sind Pfeifers schließlich nach Langelsheim gebracht worden. Zunächst einquartiert in der alten Schule (heute Heimatmuseum), wurden sie von dort verteilt, ihnen wurde das Wohnzimmer von Familie Ehli in der Mühlenstraße zugewiesen. „Die Aufnahme war freundlich“, sagt Johannes Pfeifer und bezeichnet das als Glück.
Das war es auch, als sein Vater noch im selben Jahr zu Ehefrau und Söhnen zurück kam. Er fand bei der Firma Genthe eine Anstellung – als Glasmacher. 1952 bezogen Pfeifers daher eine Werkswohnung in Oker. Johannes Pfeifer hatte zu dem Zeitpunkt die Volksschule in Langelsheim beendet, eine Maurerlehre begonnen, 1958 sein Studium zum Bauingenieur in Hildesheim. 1965 heiratete er, zwei Jahre später baute er ein Haus in Goslar, gründete eine eigene Familie. Sowohl mit seiner Ehefrau als auch mit den beiden Söhnen hat er Oberschreiberhau (heute Szklarska Poreba) besucht.
Seinen Kindern hat er die alten Spielplätze gezeigt, mit seiner Ehefrau die Gegend um seinen Heimatort bereist. Johannes Pfeifers Vater hatte Oberschreiberhau 1943 den Rücken kehren müssen. 31 Jahre später machte er sich noch einmal auf den Weg dorthin – ein letztes Mal. Seine Worte gibt der Sohn so wieder: „Das ist nicht mehr mein Schreiberhau.“ Die Mutter ist nie mehr ins Riesengebirge gefahren. „Sie wollte das nicht.“
Postkarten gesammelt
Dafür hat sich Sohn Johannes umso mehr mit der Vergangenheit befasst. Eine reichhaltige Postkarten-Sammlung zeugt davon. Rund 600 sind es insgesamt, die er und seine Ehefrau erworben haben, etliche Aufnahmen von Häusern in Oberschreiberhau. Auf Trödelmärkten sind sie fündig geworden. „Hauptsächlich in Berlin.“ Denn vornehmlich Berliner waren es ja, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Oberschreiberhau kurten. Lediglich dreieinhalb Stunden Zugfahrt trennten die beiden Orte.
Weitere Sammel-Objekte stehen in der Pfeiferschen Vitrine: Gläser aus Oberschreiberhau. Zwei davon hat Johannes Pfeifers Vater gefertigt, gerettet von einer Tante. Sie sind schöne Erinnerungsstücke. Schlechtes hat der heute 75-Jährige nicht erlebt. „Dass man beschimpft wurde als Vertriebener, das gab es so nicht.“ Er erlebte keinerlei Ressentiments, hegt sie selbst auch nicht gegenüber den polnischen Menschen, die nach Schreiberhau zogen. Selbst wenn es ein erheblicher Verlust war. Zurück möchte er nicht, kann sich das aus heutiger Sicht nicht mehr vorstellen. Obgleich: „Es war die Kindheit, die man dort verbracht hat“.
Folgen aus der gedruckten GZ:
Ankunft – Der Harz als Zufluchtsort
Flucht – was die Menschen über ihren Weg erzählen
- Folge 3: „Ich habe so viel Leid gesehen“
- Folge 4: „Kinder, die Russen kommen“
- Folge 5: Die Nehrung war voller Schlitten
- Folge 6: Die Bilder im Kopf werden bleiben
- Folge 7: „Ich bin mit Trümmern verwandt“
- Folge 8: Zuhause ist hier, die Heimat dort
- Folge 9: Frauen trugen die doppelte Last
- Folge 10: Dem Gustloff-Unglück entgangen
Unterbringung – der Wohnraum ist knapp
Städtebau – wie Kommunen ihr Gesicht verändern
Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld
Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft
Wohlstands-Gefälle – so lebten Flüchtlinge und Einheimische
Zwischenmenschliches – persönliche Beziehungen und kirchliche Hilfe
Politik – neue Kräfte in den kommunalen Räten
Kultur – Bereicherung durch die neuen Mitbürger
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