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Wie die Arbeit das Leben bestimmt

Legendäre Weihnachtsfeiern: In der Adventszeit sagt die Firma Borchers Danke für die geleistete Arbeit und lädt die Familien ihrer Arbeiter ein. Für Karl-Heinz Bsufka sind diese Feste unvergessene Stunden aus Kindheitstagen. Foto: privat
Es war der 1. Januar 1951, als Albert Bsufka in die Chemiefirma Borchers eintrat. Ein schicksalhafter Tag für den 26-Jährigen, der erst ein gutes Jahr vorher, am Silvestertag 1949, seine Frau Marianne geheiratet hatte. Das Paar sah ersten Elternfreuden entgegen. Ein feste Anstellung, gute Bezahlung – eine echte Chance für Bsufka, die der junge Mann, der aus dem kleinen pommerschen Dorf Lanken aus dem Kreis Flatow stammte, beherzt und pflichtbewusst ergriff. Bis 1984 blieb er dem Unternehmen treu, das mittlerweile längst H. C. Starck hieß und ihn zum Werkmeister hatte aufsteigen lassen.
Was seinem Vater die Arbeit bedeutet hat? Sohn Karl-Heinz Bsufka muss nicht lange überlegen. „Alles – unsere Familie hat mit und aus dem Unternehmen heraus gelebt“, sagt der Erstgeborene, der am 6. März 1951 auf die Welt kam. Nur 16 Monate später folgten am 2. Juli 1952 die Zwillingsschwestern Hannelore und Karin.
Als 1956 die Abteilung Tantal gegründet wird, arbeitet Albert Bsufka in Zwölf-Stunden-Wechselschichten – und zwar auch an den Wochenenden, Tag und Nacht. Wenn die Mutter mit den Kindern am Sonntag über den nahen Bollrich spaziert, sagt sie oft zu den Dreien: „Jetzt könnt ihr dem Vater mal winken.“
Ob er es jemals gesehen hat? Sohn Karl-Heinz weiß es nicht, aber diese Spaziergänge hat es oft gegeben. Die Familie war anfangs direkt neben dem Werk untergekommen – inmitten vieler Flüchtlinge und Vertriebenen vor allem aus Schlesien und Rumänen. In diesem Land hatten viele deutsche Volksgruppen meist weit getrennt voneinander gelebt. Die bekanntesten sind sicher die Banater Schwaben, die Bessarabiendeutschen und die Siebenbürger Sachsen.
Der Sohn besitzt noch ein Adressbuch aus jener Zeit. Bisweilen erzählen solch Auflistungen mehr als alle Bücher aus jener Zeit. Die Bsufkas wohnten in einem dreistöckigen Gebäude in der Straße Am Sudmerberge – heute ist dort nur noch der Werksparkplatz, das Haus längst abgerissen. „Reichtstagsgebäude“ hieß es damals – wegen seiner imposanten Größe. Viele Parteien hatten in diesem Haus und in den benachbarten Baracken Unterschlupf gefunden. Im Krieg hatten in diesen einfachsten Hütten Fremdarbeiter gehaust, die aus ihrer Heimat zur Fronarbeit im Nazi-Reich gezwungen waren. Jetzt waren neue Heimatlose da – nicht eingefangen, aber in den Nachkriegswirren entwurzelt und auch getrieben. Frei, aber ohne viel Hoffnung, jemals wieder in ihre angestammten Gebiete zurückzukehren.
In jenem Haus mit der Nummer 9 heißen die Familien Demele, Horn, Onica und Renner – „alle aus Rumänien“, sagt Bsufka-Junior, während die vielen Kahlerts und die Zwieners Schlesier seien. Auffällig häufig steht hinter den Namen die Berufsbezeichnung Chemiewerker oder Chemiehilfswerker. Kaum ein anderes Bild in der Nachbarschaft, nur Haus 13 sticht heraus – die so genannte Direktionsbaracke. Ingenieure und Architekten finden sich dort, mit Eberhard Helbich wird der Einkaufschef von Borchers genannt. Das Werk auf der anderen Straßenseite bestimmt das Leben – und es lebt, verdient und wird groß, weil viele Menschen aus dem Osten ihre Kraft für den Erfolg des Unternehmens aufbringen.
Und privat? „Es war immer sehr viel los“, erinnern sich Karl-Heinz Bsufka, der inzwischen in Göttingen lebt und in Nordhausen arbeitet, und seine Schwester Hannelore Meibohm, die seit 1989 bei Starck im Postdienst tätig ist. Die Familien damals waren kinderreich, rund um die Baracken war viel Grün – der Nachwuchs hatte noch Phantasie und Lust, sich im Freien auszutoben. Wenn bei den wilden Spielchen mal ein Knie blutete oder die Nase eine Delle bekam, gab es immer noch den Borchers-Werksarzt, der im Ledigenheim praktizierte und zweimal die Woche vorbeischaute. In Goslar ist der Mediziner-Name Kempe noch heute ein Begriff.
Viel greifbarer war früher Schwester Nora, erinnert sich Bsufka, die für jede Wunde ein Pflaster hatte und stets die Stellung hielt. Bei den großen Weihnachtsfeiern für die Familien konnten die Eltern den Weihnachtsmann via Betriebsrat impfen, was er den Kindern mit auf den Weg geben sollte: „Karl-Heinz, du musst deine Nudelsuppe aufessen!“, lautete die Ansage des weißen Rauschebarts im roten Kostüm, das sich noch heute in der Obhut der Arbeitnehmervertretung befindet.
Für die Erwachsenen bedeutete es dagegen Erholung, wenn sie sich an sonnig-warmen Tagen einen Liegestuhl greifen und auf die nahen Wiesen fliehen konnten. Gemeinsam wurde in den Himmel geschaut und sich unterhalten – Nachbarn und Kollegen unter sich, die sich Neues aus Oker und alte Geschichten aus der Heimat erzählten.
Heute heißt so was auf Neudeutsch wohl Chillen. Damals war es die einzige Ablenkung und Erholung vom harten Arbeitsalltag, der das Leben komplett bestimmte. In den 50er Jahren, sagt Karl-Heinz Bsufka, hätten die Menschen sich voll und ganz mit dem Unternehmen identifiziert. Später wurde es distanzierter, Starck war jetzt nur noch „Arbeitgeber“. Wer Geld für ein Häuschen gespart hatte, zog weg – meist nach Jürgenohl. „Ich habe es nie als Ghetto-Bildung empfunden, auch wenn wir eng auf- und beieinander wohnten“, sagt Bsufka. Seine Familie fand an der Galgheitstraße ein neues Heim – na klar: eine Werkswohnung.
Borchers, Starck, ein Leben fürs Werk: Albert Bsufka, am 4. April 1924 geboren als mit weitem Abstand jüngstes Kind von sechs Geschwistern, hat sich all dies wohl nie träumen lassen, als er sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte, um nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern seiner Schwester nicht mehr zur Last zu fallen. Im baltischen Raum eingesetzt, erleidet der Infanterie-Soldat einen Oberschenkelschussbruch und Granatsplitterverletzungen und wandert mit den Lazaretten gen Westen bis nach Goslar in die Goetheschule. Im Sommer 1945 wird er entlassen.
Mein Vater hat sich nie als Vertriebener gefühlt“, sagt der Sohn. Er habe stets gesagt, der Krieg habe ihn nach Goslar „gespült“. Er besaß nichts mehr als das, was er als Kleidung auf der Haut trug. Nach einem Jahr in den Bergwerken des Ruhrgebiets arbeitet er ab 1948 in der Firma Lenche, die Kisten und Fässer herstellte – bis das Angebot von Borchers kam und sein Leben in neue Bahnen lenkte. Albert Bsufka starb 16. September 2007 mit 83 Jahren. Er blieb seiner neuen Heimat Oker stets treu.
Folgen aus der gedruckten GZ:
Ankunft – Der Harz als Zufluchtsort
Flucht – was die Menschen über ihren Weg erzählen
- Folge 3: „Ich habe so viel Leid gesehen“
- Folge 4: „Kinder, die Russen kommen“
- Folge 5: Die Nehrung war voller Schlitten
- Folge 6: Die Bilder im Kopf werden bleiben
- Folge 7: „Ich bin mit Trümmern verwandt“
- Folge 8: Zuhause ist hier, die Heimat dort
- Folge 9: Frauen trugen die doppelte Last
- Folge 10: Dem Gustloff-Unglück entgangen
Unterbringung – der Wohnraum ist knapp
Städtebau – wie Kommunen ihr Gesicht verändern
Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld
Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft
Wohlstands-Gefälle – so lebten Flüchtlinge und Einheimische
Zwischenmenschliches – persönliche Beziehungen und kirchliche Hilfe
Politik – neue Kräfte in den kommunalen Räten
Kultur – Bereicherung durch die neuen Mitbürger
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