Gespräch mit einem Historiker: „Unsere Welt löste sich auf“


Prof. Rudolf von Thadden bei der Lektüre: In seinem neuen Buch befasst er sich zugleich mit der Geschichte Deutschlands und seiner Familie bis 1948. Foto: Blasig

Der Göttinger Historiker Prof. Rudolf von Thadden hat die Zeit der Flucht und Vertreibung als Zeitzeuge erlebt und ist Experte für neuere deutsche Geschichte. Mit ihm sprach GZ-Redakteur Ralf Blasig.

Nach fast 65 Jahren beschäftigen Sie sich in einem neuen Buch mit der Geschichte und schließlich der Vertreibung Ihrer Familie aus dem damaligen Pommern. Warum?

Die Erinnerungen haben mich mein Leben lang nicht losgelassen. Nun schreibe ich sie auf, um sie mit den Jüngeren zu teilen, auch mit meinen Kindern. Sie sollen begreifen können, was damals war. Und ich versuche etwas von dem Geschichtswissen weiterzugeben, das man braucht, um einen vernünftigen Weg in die Zukunft zu gehen. Auch meine Familie hat mich zu dem Vorhaben gedrängt, solange ich noch die Kraft dazu habe.

Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?


Anfang März 1945 kam die Rote Armee nach Trieglaff. Kurz darauf wurde mein Vater nach Russland verschleppt, von wo er allerdings schon nach einem Jahr zurückkehrte. Drei meiner vier älteren Brüder waren damals bereits gefallen. Meine Eltern entschieden sich, nicht zu fliehen, sondern mit mir auf unserem Gut zu bleiben. Im Sommer trafen in Trieglaff dann die ersten Polen ein, denen das Land nach den Beschlüssen der Konferenz von Jalta ja künftig gehören sollte.

Wie funktionierte das Zusammenleben mit Polen und russischen Soldaten?

Es entwickelte sich ein Dreiecksverhältnis, in dem die Deutschen in der schwächsten Position waren, die Russen in der stärksten. Sie begannen zügig damit, alles Mögliche als Reparationsleistung abzutransportieren – von Eisenbahnschienen und Maschinen bis zum gesamten Viehbestand. Im Schloss meiner Familie war eine russische Militärkommandantur eingerichtet.

Wie war die Situation der Deutschen?

Ich selbst hatte es vergleichsweise gut, weil ich mit meinen zwölf Jahren als Holz- und Wasserschlepper für die russische Soldatenbäckerei arbeitete. Da musste ich nicht hungern. Viele andere in Trieglaff hatten weit weniger Glück. Binnen zwei Jahren starben in dem kleinen Ort 220 Menschen, viele an Typhus, andere an Unterernährung.

Wann mussten Sie gehen?

Im Januar 1946. Der russische Kommandant kam zu meiner Mutter und sagte: Ihr müsst bald weg, für euch kann ich nichts mehr tun. Die Interessen der Russen und der Polen waren ja teilweise gegensätzlich: Während die Polen die Deutschen möglichst schnell loswerden wollten, brauchten die Russen sie zum Teil als Arbeitskräfte. Nach und nach wuchs der Einfluss der Polen, bis Ende 1948 die russische Kommandantur aufgelöst wurde. Unsere Welt löste sich nach und nach auf.

Wie verließen Sie Ihre Heimat?

Mit dem Zug gelangten wir über Küstrin nach Berlin, wo wir durch einen großen Zufall davon hörten, dass mein Vater in der Stadt sei. Er war aus der Gefangenschaft entlassen worden, lag in Zehlendorf im Krankenhaus. Ein amerikanischer Offizier half uns dann, indem er uns mit einem Militärlaster über Helmstedt nach Göttingen in die britische Besatzungszone bringen ließ. Er war ein Bekannter meines Vaters aus seiner Zeit als Vizepräsident des Christlichen Studentenweltbundes.

Wenn Sie als Historiker auf Ihr eigenes Leben blicken: Inwieweit war Ihr Schicksal typisch für andere Flüchtlinge und Vertriebene?

Die Flüchtlinge, die ihre Heimat vor Ankunft der Roten Armee verlassen haben, hatten keine Erfahrungen mit den Russen und Polen gemacht. Was die Vertriebenen angeht: Ein typisches Schicksal gibt es eigentlich nicht. Was mit den Menschen passierte, hing von vielen verschiedenen Faktoren ab: Ob sie unter russischer oder polnischer Herrschaft lebten, ob sie Kinder waren oder Erwachsene, wichtige Facharbeiter oder scheinbar entbehrliche Akademiker. Auch regional gab es große Unterschiede. In Oberschlesien zum Beispiel gab es kaum Vertreibungen, weil die Deutschen als Bergarbeiter gebraucht und als schlesische Polen in Anspruch genommen wurden.

Aus heutiger Sicht ist klar: Auslöser für Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen waren die Verbrechen und die Kriegspolitik der Nationalsozialisten. Haben Sie das damals auch so empfunden?

Das konnte ich damals noch nicht. Als die russsische Armee zu uns nach Trieglaff kam, fühlte ich mich nicht befreit, sondern besiegt. Wir waren natürlich froh, dass es keine Bombenangriffe mehr gab. Aber das Wort Befreiung kam mir nur schwer über die Lippen, obwohl meine Familie im Widerstand gegen die Nazis war, meine Tante 1944 hingerichtet wurde. Heute würde ich von Befreiung durch Niederlage sprechen. Ich danke Gott, dass Hitler den Krieg nicht gewonnen hat – und dafür, dass auch der Stalinismus inzwischen überwunden ist.

Ging es anderen Zeitzeugen ähnlich?

Ja, ich denke schon. Es hat eine lange Zeit gedauert, bis die deutsche Verantwortung für Flucht und Vertreibung allgemein anerkannt wurde, bis man sagte: Wir haben jetzt die Chance, Europa aufzubauen. Klar benannt wurde das 1985 in der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Was kann die jüngere Generation, an die sich Ihr Buch wendet, aus der Geschichte lernen?

Am wichtigsten ist: Nie wieder Nationalismus. Es gibt immer Nachbarn, mit denen man auskommen muss, denn Kriege bringen immer immense Verluste an Menschenleben und Gütern mit sich. Zum Glück haben wir uns auf den Weg gemacht, die Europäische Union aufzubauen. Dort und anderswo brauchen wir vernünftige Formen der Konfliktregelung. Wir sollten es fördern, dass junge Menschen Sprachen und Kulturen kennenlernen. Hätte ich bei Kriegsende Polnisch gesprochen, wäre für mich vielleicht einiges anders verlaufen.