Frauen trugen die doppelte Last

Von Angela Potthast


Anhand der Aufzeichnungen ihrer Tante haben Hans Kursawe und seine Geschwister den Weg ihrer missglückten Flucht mit der Familie nachgezeichnet. Foto: Nachtweyh

Es ist kaum zu fassen, dass ein Mensch so viel ertragen kann, sagt Hans Kursawe beim Rückblick auf das Fluchtschicksal seiner Familie. So viel Schmerzen, so viel Elend, so viel Leid, die seine Mutter am eigenen und am Leibe ihrer Kinder erfahren musste. Eigentlich unvorstellbar, sagt Hans Kursawe aus Sudmerberg heute. Das Schicksal seiner Mutter steht beispielhaft für Millionen anderer Frauen.

Für die Frauen war der Marsch in die Ungewissheit eine doppelte Belastung: Während die Männer im Krieg oder in Gefangenschaft waren, mussten sie allein das Familienleben schultern. Mussten sich oft über Nacht für Bleiben oder Fliehen entscheiden, mussten das bisschen Hab und Gut zusammenraffen und sich mit ihren Kindern einem Treck anschließen, ohne zu wissen, wer oder was sie am Ende des Weges erwartet. Und sie mussten – auf sich allein gestellt – immer wieder die Gewalt fremder Männer ertragen.

Flucht vor Peinigern

Mit der großen Fluchtwelle vom 19. Januar 1945 verließen auch der fünfjährige Hans Kursawe, seine Mutter, Großmutter, Tante und die beiden jüngeren Schwestern ihre schlesische Heimatstadt Groß Wartenberg. Nach dem Angriff der Russen wollten sie wieder in ihre Häuser zurückkehren – so lautete das Vorhaben im eisigen Januar 1945. Wenige Monate später kamen sie auch tatsächlich zurück. Aber nicht in ihre Häuser und schon gar nicht in ihr altes Leben.

Wie viele schlesische Flüchtlinge wollten auch die Kursawes über Tschechien vor den Russen nach Bayern fliehen. Aber die Tschechen ließen die Deutschen nicht mehr durch, schickten sie zu Fuß mit wenigen Habseligkeiten zurück nach Hause.

Hans Kursawe erinnert sich an freundliche Bauern, doch vor allem erinnert er sich an kalte Nächte, großen Hunger und an die Angst. Die drei Kinder mussten in diesen Wochen mitansehen, wie ihre Tante eingesperrt und geschlagen wurde, wie ihre schwangere Mutter auf Befehl der Russen eine Tasse Wodka trinken musste. Sie haben miterlebt, wie Tante und Mutter immer wieder vor den Männern geflohen sind, die sie vergewaltigen wollten.

Doch die Rückkehr nach Groß Wartenberg war dennoch keine glückliche Heimkehr. „Wir bekamen zwei kleine Räume im Obergeschoss, die waren total verdreckt. Es stank nach Kot und Urin, weil die Russen sie als Toilette benutzt hatten“, erinnert sich Hans Kursawe.

Ihr Hof war einer polnischen Familie zugeteilt worden. Die Deutschen mussten weiße Binden tragen. Die Frauen mussten Steine klopfen und sonstige Arbeitsdienste versehen. Mehr als ein Jahr lang blieben die Kursawe-Frauen mit den Kindern und dem Großvater auf dem heimatlichen Bauernhof. Die Mutter hatte ihre Zwillinge zur Welt gebracht – ein Baby starb im Alter von vier Monaten an Entkräftung.

Das Leben war zu einem täglichen Überlebenskampf geworden: Wie lässt sich die Familie ernähren? Mit dieser Frage waren die Frauen fast rund um die Uhr beschäftigt, aber die Not machte sie auch erfinderisch.
Der Vater war zuvor an der russischen Front durch einen Kopfschuss schwer verletzt worden und weilte zur Genesung bei der Schwester in Dresden, nach Kriegsende zog er zur Verwandtschaft nach Immenrode. Dort bekam er Arbeit. Es war der Ort, an dem die Kursawes eine neue Heimat fanden.

Kein Bleiben möglich

Am 20. Oktober 1946 mussten sich die Deutschen in Schlesien entscheiden, ob sie bleiben und Polen werden wollten. Falls nein, mussten sie das Land verlassen. „Auf einem Viehwagen verließen wir mit dem letzten von drei Zügen Schlesien und fuhren nach Hoyerswerda“, sagt Hans Kursawe, für dessen Familie das Bleiben in Groß Wartenberg unmöglich geworden war.

Auf der Domäne in Immenrode sollte die Familie wieder zusammengeführt werden, doch die Tante aus Dresden und die Oma bekamen keine Zuzugsgenehmigung für den Westsektor. So verlief der letzte Teil ihrer langen Flucht bei Nacht und Nebel über die grüne Grenze bei Eckertal.

In einer Chronik haben die Kursawes den Lebensweg ihrer Familie festgehalten. Die Geschwister leben heute in Fürstenfeldbruck, Braunschweig und Goslar.

 

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