„Die Zeit ist einfach reif dafür“

Von Christina Borchers


Viele haben alles verloren: Das Bild zeigt deutsche Flüchtlinge bei Clausthal-Zellerfeld am 13. April 1945. Es stammt aus den Unterlagen des National Archives des Departments of Defense in Washington. Foto: Stadtarchiv Goslar

Die Suche nach den eigenen Wurzeln beschäftigt immer mehr Menschen, besonders wenn ihre Vorfahren aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten im Osten stammen. „Die Zeit ist einfach reif dafür“, meint Bernd Schwinger. Der 49-Jährige nennt seit zwei Jahren die Familienforschung sein Hobby.

Allein die Tatsache, dass immer mehr alte Kirchenbücher von ehrenamtlichen Familienforschern in Polen ins Internet gestellt werden zeige, dass der Umgang mit diesem Teil der Historie heute deutlich entspannter sei als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten, meint Schwinger. Überhaupt trage das Internet zu einer deutlichen Arbeitserleichterung für Familienforscher bei, hat er erfahren.

Der Groß Döhrener hat in seiner zweijährigen Arbeit mit Hilfe dieses Mediums, aber auch mit akribischer und mühsamer Basisarbeit in alten Kirchenbüchern und mit Mikrofilmen seine Ahnenliste auf die ansehnliche Länge von 15 Generationen verlängert. Er sucht unter anderem in Polen und Westpreußen. „Meine Leute sind allerdings nicht vertrieben worden, sondern schon um 1900 mit einer Wanderungswelle ins Ruhrgebiet gelangt“, erzählt er.

Einen bestimmten Auslöser für sein Interesse kann er nicht nennen: „Ich hatte als Schüler das Fach Geschichte als Leistungskurs.“ Und schon als Kind fand er es immer spannend, wenn die Alten am Kaffeetisch Familienanekdoten erzählten. Eigentlich ärgere er sich sogar, nicht schon vor 30 Jahren damit angefangen zu haben, wie es neuerdings immer mehr junge Leute tun. „Ich hätte all die mittlerweile Verstorbenen noch befragen und die alten Fotos beschriften sollen. Jetzt ist das ganze Wissen verloren“, sagt er bedauernd. Das Hobby Familienforschung könne süchtig machen, sagt Schwinger. Süchtig nach immer mehr Namen, Daten, Geschichten. „Es ist wie ein Riesenpuzzle oder ein Sudoku, dass man lösen will.“

Anfängern rät er, sich in einem Internet-Forum für Familienforscher anzumelden. „Ohne kommt man nicht weiter.“ Dort fände sich eine Vielzahl von erfahrenen Experten für die verschiedensten Gebiete – angefangen bei alten Schriften wie Fraktur- und Sütterlinschrift bis hin zu Sprachen wie Polnisch und Russisch. „Wenn man eine Übersetzung einer Urkunde braucht, stellt man den Text oder eine Kopie ins Netz, und Stunden später hat man kostenfrei die deutsche Version“, beschreibt Schwinger die Hilfsbereitschaft von Familienforschern.

Eine preiswerte Variante, an Existenzbeweise für Ahnen – gerade auch aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten – zu kommen, sei die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, allgemein bekannt als Mormonen. „Die haben Mikrofilme der meisten Kirchenbücher“, sagt er. Die Filme könnten per Internet bestellt werden, kämen oft aus den USA ins nächstgelegene Familienforschungszentrum – etwa nach Braunschweig – und könnten dort eingesehen werden. „Pro Film zahlt man 8,50 Euro, eine Auskunft aus einem Staatsarchiv kann leicht das Vier- bis Fünffache kosten“, rechnet er vor. Welchen Boom die Familienforschung erlebt, macht eine andere Zahl deutlich: Auskünfte aus dem evangelischen Zentralarchiv Berlin dauern bis zu zwei Jahre. „Wozu der Aufwand?“, wird Schwinger oft gefragt. Ganz einfach: Er hofft, dass sich einer seiner Nachfahren so wie er für die Familiengeschichte interessiert. „Der hat in meinen Unterlagen eine Basis.“ Und was ist mit der gesellschaftlichen Diskussion um Flucht und Vertreibung? „Die spielt bei mir und auch bei vielen anderen keine Rolle. Wie gesagt: Die Zeit ist einfach reif.“

 

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Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld

Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft

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