Helfer beim Neustart

Von Frank Heine

FlüchtlingselendFlüchtlingselend: Die Menschen sind mit Hab und Gut auf dem Marsch nach Westen und machen 1944 Rast vor Goslar. Das Foto stammt aus dem Archiv des früheren GZ-Fotografen Friedhelm Geyer. Repro: Schenk

Wer den Anteil der Vertriebenen und Flüchtlinge am Wiederaufbau der Wirtschaft in Goslar nach dem Krieg in exakten Zahlen messen will, stößt heute schnell an Grenzen. Alte Listen, nach denen sich die Herkunft der Arbeiter und Angestellten genau bestimmen ließe, existieren zumindest bei den beiden Hauptarbeitgebern jener Zeit nach 1945 nicht mehr.

Wie viele Menschen, die nach ihrem qualvollen Marsch Richtung Westen in Goslar eine neue Heimat fanden, kamen in den Betrieben der vormaligen Reichsbauernstadt unter? Als Lazarettstadt war Goslar von alliierten Bomben fast unbehelligt geblieben. Sowohl Gerald Baehnisch, Sprecher des Chemieunternehmens H. C. Starck, als auch Andrea Riedel, Chefin des Rammelsberger Bergbaumuseums, können auf diese Frage nur mit den Schultern zucken.

Wie die Goslarer Firmen sich nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reiches berappelten und rasch wieder durchstarteten, hat der ehemalige GZ-Chefredakteur Hans Kraus in seinem 1996 gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen GZ-Fotografen Friedhelm Geyer herausgegebenen Buch „Goslars Handel im Wandel der Zeiten“ festgehalten. Im Kapitel, das mit „Bürger diktieren nach 1945 den Preis für Kartoffeln“ überschrieben ist, listet er die Beispiele auf.

Das größte Job-Kontingent bietet demnach weiterhin der Rammelsberg. Die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke-GmbH schürfen in den Tiefen des Vorharzes nach Erz. Das Bergwerk liefert etwa ein Drittel der bundesdeutschen Produktion an Zink und Blei. Erzaufbereitung und Hüttenbetriebe sichern trotz gesunkener Weltmarktpreise tausende Arbeitsplätze.

Das Chemieunternehmen Gebrüder Borchers beziehungsweise H. C. Starck beschäftigt nach dem Krieg rund 800 Mitarbeiter. Aber wie viele von ihnen sind Goslarer, wie viele Fremdarbeiter, die unter Zwang nach Deutschland kamen und nach 1945 noch blieben, wie viele wirklich Flüchtlinge und Vertriebene?

Ohne Zweifel: Ihr Anteil am Wiederaufbau war nicht zu unterschätzen. Otto Hoffmann, jahrzehntelang Betriebsratschef am Rammelsberg und selbst als Vertriebener aus Schlesien gekommen, bestätigt diese Aussage aus der Erinnerung heraus. Er warnt aber auch vor voreiligen Schlüssen. Denn schon Mitte der 30er Jahre waren viele Bergleute aus Schlesien nach Goslar abgewandert. Dort gab es genügend Arbeit, der Lohn war weit besser.

Eine Antwort zur Herkunft der Arbeiter, die sich nur an für Regionen typischen Namen orientiert, verbietet sich deshalb. Es bleibt deshalb nur der Weg, die Geschichte anhand von Geschichten zu erzählen: Deutsche aus Schlesien, Pommern und Rumänien, die am Rammelsberg und bei Starck Lohn und Brot fanden, die sich mit ihren Betrieben identifizierten, die ihren Lebensmittelpunkt bei der Arbeit hatten. Menschen wie Hubert Baberske, Albert Bsufka oder eben Otto Hoffmann.

Aber nicht nur Menschen auf der Suche nach Arbeit kamen in den Westen. Ganze Unternehmen verlegten ihren Sitz aus dem Osten in den Raum Goslar und brachten Arbeit mit. Das wohl bekannteste Beispiel ist die Firma Odermark. Nach den Ausführungen von Kraus verlegt das älteste deutsche Herrenkleiderwerk seinen Stammsitz 1945 von Stettin nach Goslar und baut weitere Fertigungsstätten in Salzgitter-Bad, Salzgitter-Lebenstedt und Bremen.

1961 beschäftigt Odermark 4500 Mitarbeiter. Der Glasveredler Hugo Menzel aus Schlesien gründet nach dem Krieg die „Minnahütte“. Heute heißt das Unternehmen in der Baßgeige Europtec und befindet sich in Schweizer Händen.

Am 8. April 1945 zerstören alliierte Bomber die Hausbrandt-Zentrale in Halberstadt. Curt Hausbrandt baut sein Unternehmen für Haus- und Berufsbekleidung später in Wolfshagen und Hannover wieder auf. 1972 kommt ein Firmengrundstück in der Baßgeige hinzu.

Als die Sowjets als Besatzungsmacht das Sagen in Blankenburg bekommen, verlagert Dr. Felix Tessner seine Firma Möbel Unger zunächst nach Braunlage und im Jahr 1954 dann nach Goslar. Sein Sohn Hans-Joachim Tessner ist inzwischen Ehrenbürger der Welterbestadt.

Im Jahr 1954 schließlich siedelt sich das Stanz- und Emaillierwerk Alape auf dem Gelände des ehemaligen Wehrmachtgerätelagers in Grauhof bei Hahndorf an. Der Umzug aus dem sächsischen Penig bei Chemnitz erfolgt „aufgrund der politischen Verhältnisse“. Adolf Lamprecht hatte die Firma 1896 gegründet. Der Name setzt sich aus Initialen des Gründers und der Stadt Penig zusammen.

 

Folgen aus der gedruckten GZ:

Alle Folgen einblenden

Ankunft – Der Harz als Zufluchtsort

Flucht – was die Menschen über ihren Weg erzählen

Unterbringung – der Wohnraum ist knapp

Städtebau – wie Kommunen ihr Gesicht verändern

Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld

Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft

Wohlstands-Gefälle – so lebten Flüchtlinge und Einheimische

Zwischenmenschliches – persönliche Beziehungen und kirchliche Hilfe

Politik – neue Kräfte in den kommunalen Räten

Kultur – Bereicherung durch die neuen Mitbürger