Zehntausende strömen in die Region

Von Ralf Blasig


Viele haben alles verloren: Das Bild zeigt deutsche Flüchtlinge bei Clausthal-Zellerfeld am 13. April 1945. Es stammt aus den Unterlagen des National Archives des Departments of Defense in Washington. Foto: Stadtarchiv Goslar

Beinahe ohne Unterlass strömen in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs und danach die Menschen in unsere Region. Zehntausende Flüchtlinge und Vertriebene sind es, die meist mittellos und völlig erschöpft den Weg in den Harz geschafft haben. Von 100 Neuankömmlingen stammen 60 aus Schlesien, schätzt Rudolf Götz, Beauftragter der Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler. Aber auch die Pommern, Ost- und Westpreußen stellen große Gruppen. Vor der Verteilung stehen in vielen Fällen die Lager wie Mariental bei Helmstedt. Ziel sei es dort gewesen, die Menschen mit Ausweispapieren zu versehen, berichtet Götz. Zudem gab es Gesundheitschecks. Auch Nazi-Verbrecher sollten aufgespürt werden.

Mit seinen vielen Arbeitsplätzen in der Industrie bietet der Vorharz vergleichsweise gute Bedingungen für die Aufnahme. Wolfsburg und Salzgitter nennt der CDU-Landtagsabgeordnete als wichtige Anlaufstellen, aber auch die Firma Odermark, 1945 von Stettin nach Goslar gezogen. Arbeit gibt es zudem bei den Bauern auf den Dörfern, bei denen viele Zuzügler zugleich eine Unterkunft finden. Mit Flüchtlingstrupps von 70 bis 80 Leuten gehen die Bürgermeister durch die Orte und weisen den Landwirten die Familien zu, schildert Götz. Als unbelasteter Sozialdemokrat habe auch sein eigener Schwiegervater in Engelade bei Seesen diese Aufgabe übernommen. Konflikte um Wohnraum, Nahrung, Kochmöglichkeiten gehören in den folgenden Jahren in vielen Häusern zum Alltag, denn wo zuvor eine Familie lebte, da wohnen nun oft drei oder vier.

„In den Jahren von 1945 bis 1947 ging es ums nackte Überleben“, schildert Götz. Erst danach kommt der Wiederaufbau allmählich voran, wächst nach und nach der Wohlstand, ziehen die neuen Mitbürger in eigene Wohnungen und Häuser. Für die Region bedeuten die Neuankömmlinge große Belastungen. Sie haben aber auch viele fleißige Hände, bringen neues Wissen mit und sorgen für ein riesiges Bevölkerungswachstum.

In der Stadt Goslar etwa stellen Flüchtlinge und Vertriebene Ende 1946 ein Viertel der Bevölkerung. Auf rund 30 Prozent schätzt Götz ihren Anteil im heutigen Kreisgebiet. Auch in den Oberharz kommen die neuen Mitbürger. Im September 1950 stammt beispielsweise in Braunlage die Hälfte aller 620 Schüler aus den verlorenen Ostgebieten, wie Kreisheimatpfleger Karl-Günther Fischer herausgefunden hat.

Nicht alle bleiben. Umsiedlungskommissionen vermitteln 1950 mehr als 750 Menschen aus Braunlage in den Südwesten der neu gegründeten Bundesrepublik, nach Mainz, Koblenz oder Worms. Auch anderswo machen sich viele erneut auf den Weg. Großer Anziehungspunkt ist das Ruhrgebiet, wo es im Bergbau Geld zu verdienen gibt, sagt Götz.

Zehntausende Flüchtlinge und Vertriebene jedoch werden heimisch und prägen die Harz-Region bis heute mit: politisch, wirtschaftlich, kulturell und menschlich. Zu den sichtbaren Zeichen gehören nicht zuletzt die vielen Straßen, die nach den früheren Heimatorten benannt sind: Breslau oder Stettin, Danzig oder Königsberg.

 

Folgen aus der gedruckten GZ:

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Ankunft – Der Harz als Zufluchtsort

Flucht – was die Menschen über ihren Weg erzählen

Unterbringung – der Wohnraum ist knapp

Städtebau – wie Kommunen ihr Gesicht verändern

Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld

Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft

Wohlstands-Gefälle – so lebten Flüchtlinge und Einheimische

Zwischenmenschliches – persönliche Beziehungen und kirchliche Hilfe

Politik – neue Kräfte in den kommunalen Räten

Kultur – Bereicherung durch die neuen Mitbürger