Die Nehrung war voller Schlitten

Von Angela Potthast


Eine Brille als Erinnerung an Ursula Engelkes Großmutter. Sie hatte Ausbombung und Kriegswirren ebenfalls überstanden. Foto: Potthast

Das erste Mal wollten sie Ende 1944 fliehen. Sie saßen schon im Zug nach Magdeburg. Der kam nicht mehr durch – die Front hatte sich verschoben. Also gingen sie wieder nach Hause zurück. Der zweite Anlauf raus aus Ostpreußen für Ursula Engelke, damals Kriegel, ihre Mutter Hildegard und ihren Bruder Klaus war dann im Januar 1945. Von Braunsberg, ihrem Heimatort, mit dem offenen Lastzug ging es nach Frauenburg zum Frischen Haff.

Das war zu einer Zeit, als Ostpreußen durch die sowjetische Armee eingekreist und vom Rest des Deutschen Reiches abgeschnitten wurde. Im Dunkeln kamen Ursula Engelke und ihre Angehörigen am Haff an. „Mutter klopfte an ein Fischerhaus, die Leute wollten uns nicht rein lassen“, so die damals Achtjährige. Irgendwie schaffte es ihre Mutter doch noch, dass sie ins Haus durften – zum Aufwärmen.

Mit einem kleinen Schlitten als einzigem Transportmittel machten sie sich dann über das Frische Haff auf. Der Bruder trug einen so genannten Affen, einen Tornister. Einen Koffer und einen Rucksack hatten die drei noch, die Kinder einen Brustbeutel, mit ihrem Namen versehen und mit ein wenig Geld gefüllt. Auch etwas ganz Persönliches hatte Ursula Engelke mit: ihre Schildkrötpuppe. Und in der Schultasche steckten der weiße Faltenrock sowie der blaue selbst gestrickter Pullover. „Das habe ich später sehr vermisst.“ Denn diese Kleidungsstücke blieben auf dem Kriegsschiff, das sie über die Ostsee nach Danzig brachte – auch die Puppe.

Platz auf der Kutsche

Während der Flucht trug Ursula feste Lederstiefel zum Schnüren und Kleidung im Zwiebelsystem – wegen der Kälte. Mehr als nötig hatten sie nun mal nicht dabei. „Mutter war überzeugt, dass wir zurückkommen.“ Doch zunächst mussten sie über das zugefrorene Haff – rund acht Kilometer brauchten die Flüchtenden, um die Frische Nehrung zu erreichen, eine schmale Landzunge an der Ostsee. Der kleinen Ursula bot ein deutscher Offizier unterwegs einen Platz auf seiner Kutsche an. Sie saß schon oben. Doch ihre Mutter holte sie wieder runter. „Ich wäre sonst vielleicht ein Suchkind geworden.“ Wer weiß, ob die Familie später zusammengefunden hätte.

Von der Nehrung aus setzten sie mit dem Ruderboot zu einer Barkasse über, mit der Barkasse zum Kriegsschiff, das sie nach Danzig-Neufahrwasser brachte. Das Bild von der Nehrung, das sich Ursula Engelke eingeprägt hat: „Voller Schlitten, Schlitten, Schlitten.“ In Danzig angelandet stand eine Entlausung für die Familie und die anderen Flüchtlinge an.

Und eine lebenswichtige Überlegung: Die Mutter entschied sich gegen die Fahrt mit dem Lazarettschiff der Marine „Wilhelm Gustloff“. Das sollte am 30. Januar von Neufahrwasser auslaufen. „Meine Mutter muss es mit der Angst gekriegt haben.“ Es waren wohl zu viele Menschen, die auf die „Gustloff“ drängten. Daher wählte sie einen anderen Weg. Das Passagierschiff sank. Tausende Menschen kamen ums Leben.

Mit dem Güterzug setzten die drei Kriegels ihre unfreiwillige Reise fort. „Ein Bahnbeamter pferchte uns in einen Waggon mit verletzten Soldaten und anderen Flüchtlingen.“ Pasewalk war das Zwischenziel. Von dort ging es auf Schienen weiter nach Berlin – „in einem richtigen Zug, dritter Klasse, mit Holzbänken“. In Gerwisch bei Magdeburg, ein Ort voller Flüchtlinge zu der Zeit, jedoch sahen sie, was für fürchterliche Folgen Bombardierungen haben konnten: Die dortige Munitionsfabrik stand unter Beschuss. „Leichenteile hingen in den Bäumen.“ In Braunsberg, ihrem Heimatstädtchen, hatte Ursula Engelke kaum Bombenangriffe erlebt. „Wir haben auf der Straße gespielt.“ Was sie mitkriegten: „Als Königsberg brannte, hat man das von Braunsberg aus gesehen.“ Gerwisch, ein Ort auch, in dem die Schwester des Vaters lebte. Bei der kamen Ursula Engelke, ihr Bruder, ihre Mutter unter. So richtig wohl gefühlt haben sie sich nicht, Teppich und Tisch wurden aus dem für sie bestimmten Zimmer geräumt. „Aus Sorge, dass wir das versauten.“ Es gab aber noch Freunde in Aderstedt. „Dort hatten wir zwei Zimmer.“

Die Mutter arbeitete in der ortsansässigen Zuckerfabrik. „Wir haben den Einmarsch der Amerikaner mitbekommen im April 1945.“ Das bedeutete Schokolade und Kaugummi für die Kinder. Bis zum 1. Juli dauerte die amerikanische Besatzerzeit. Dann kamen die Russen. „Die waren dreckig, hatten selber nichts zu essen, das waren arme Schweine.“ In einem Güterzug, weiß Ursula Engelke, verlustierten sich die russischen Soldaten. Und sie weiß, dass auf die Steinstufen der Familien Wäscheblau geschmiert wurde, wenn Töchter sich mit Russen eingelassen hatten. „Ich sehe noch die blaue Farbe.“

Das war das eine negative Erlebnis mit den Russen für Ursula Engelke, wenn auch nur indirekt. Ein anderes folgte: Ihr Bruder konnte in Oschersleben aufs Gymnasium gehen, die Familie blieb ja bis 1948 in Aderstedt. In seiner Klasse waren weitere Jungen aus Braunsberg. Einer von ihnen besaß ein Buch, in dem die Namen von „Werwölfen“ verzeichnet waren. Ursula Engelkes Bruder war ebenfalls erwähnt, ohne dass er der nationalsozialistischen Untergrundbewegung angehört hatte. Sein Name stand in dem Buch, weil er in Braunsberg das Gymnasium besucht hatte. Eines Nachts standen zwei Männer von der russischen Geheimpolizei vor der Tür, nahmen Klaus mit. Die Mutter war nicht da, nur Ursula. „Dem einen tat es wohl in der Seele weh, dass sie mich alleine lassen mussten.“

Ursula Engelke kam in der Nacht zu Freunden der Mutter, später zu Großmutter und Tante nach Magdeburg. Sie, ihr Bruder und ihre Mutter waren zum ersten Mal für länger getrennt – und das nach der Flucht. Russische Kommandanturen klapperte die Mutter ab, erfuhr, dass ihr Sohn in Leipzig oder Dresden sein könnte. Acht Wochen später stand er wieder vor der Tür. Was ihm widerfahren war, weiß Ursula Engelke nicht. „Er hat über die Zeit bei den Russen nie gesprochen.“ Zwischenzeitlich hatte der Vater seine Tochter zu sich geholt. Ursula Engelkes Mutter wusste, dass ihr Ehemann in Bremen Brinkum als Offizier stationiert war. „Ich meine, dass Vater auch aus dem Internierungslager geschrieben hatte.“ In der Heide war er in Kriegsgefangenschaft, bekam später in Rodenkirchen eine Anstellung als Lehrer. In der Wesermarsch, der Heimat ihres Vaters, liefen die Wege der Familienmitglieder zusammen, blieben sie.

Kurz getrennt

Es gibt ganz besondere Erinnerungen, die Ursula Engelke mit der Zeit der Flucht verbindet. Sie fragt sich heute: „Was wäre gewesen, wenn es kein so harter Winter gewesen wäre ...“, das Haff also nicht zugefroren gewesen wäre. Dennoch: „Ich kann mich nicht entsinnen, Angst gehabt zu haben.“ Mit einer Einschränkung: Als die Mutter nicht mit ihren Kindern zusammen in den Zug stieg. „Kommt sie nun wieder?“, war die bange Frage ihrer Tochter. „Das war schlimm.“ Die Mutter hatte es zwar nicht in denselben Waggon wie Tochter und Sohn geschafft, war aber rechtzeitig ins Zugbegleiterhäuschen geklettert. Die drei fanden sich wieder.

In Rodenkirchen beneidete sie als Flüchtlingskind, als Neuling die Mitschüler mit ihrem Status Einheimische. „Diejenigen, die ein Zuhause hatten.“ Schlecht behandelt wurde sie allerdings nicht. An Aderstedt knüpft Ursula Engelke nicht nur die Nacht, in der der Bruder abgeholt wurde. Da war Elisabeth, die sie in der Grundschule kennen lernte. Und mit der sie noch heute befreundet ist. „Ein schönes Ereignis, das sich daraus ergeben hat.“
Wenn auch die Angst nicht gegenwärtig war, Spuren von damals sind geblieben. „Ich habe Jahre lang Fluchtträume gehabt“, sagt die heutige Goslarerin. Daher wollte sie nie mehr als zwei Kinder – im Ernstfall hätte sie jedes an eine Hand nehmen können. Trotzdem bekamen sie und ihr Ehemann Hansgeorg insgesamt drei Kinder.

 

Folgen aus der gedruckten GZ:

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Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft

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