
Nachrichten aus dem Harz
Goslarsche Zeitung | Harzburger Zeitung | Harzer Tageblatt
Öffentliche Anzeigen für den Harz



- Über uns |
- Kontakt |
- Mediadaten |
- Sitemap |
- Login |
- Newsletter
Die Bilder im Kopf werden bleiben

Sigrid Hellmund stammt aus Hindenburg in Oberschlesien und engagiert sich im Bund der Vertriebenen (BdV) in Bad Harzburg. Foto: Nachtweyh
Es war der 10. August 1947 – zwei Jahre nach Kriegsende. Und es herrschte eine enorme Hitze an diesem Tag, wie auch an den folgenden. Es war der Tag, an dem es endlich losgehen sollte. Der Tag, an dem sich das junge Mädchen Sigrid Zipffel mit ihrer Mutter auf den Weg in eine neue Zukunft machen wollte. Aus dem heimatlichen Hindenburg in Oberschlesien in den Harz, wo der Vater sie erwartete.
Die „grausamen Tage“, die auf diesen so hoffnungsfrohen 10. August folgen sollten, haben sich tief ins Gedächtnis von Sigrid Hellmund eingebrannt. Auch mehr als 60 Jahre später sind ihr die Bilder von Schmerz und Qual, von Demütigung und Hilflosigkeit noch so klar vor Augen, als läge nicht ein Leben dazwischen, „in dem wir so viel Glück gehabt haben“, sagt die Bad Harzburgerin.
In der Kellerwohnung
Zwei Jahre Ungewissheit lagen 1947 hinter ihr, die mit Mutter und Großmutter in einer kleinen Kellerwohnung in Hindenburg hatte leben müssen, nachdem die Polen sie aus ihrer Wohnung vertrieben hatten. Es waren harte Zeiten für die Deutschen, den russischen Truppen folgten im Sommer 1945 die Polen und aus Hindenburg wurde Zabrze. Doch was wurde aus den Deutschen, die bis dahin nicht aus dem eingekesselten Oberschlesien hatten fliehen können oder wollen? „Ich weiß nicht, wie es mit uns weiter gegangen wäre, wenn mein Vater uns nicht die Zuzugsgenehmigung aus Ilsenburg geschickt hätte“, sagt Sigrid Hellmund heute.
Der Vater war 1946 verletzt aus der russischen Gefangenschaft entlassen und zur Genesung ins Diakonissen-Krankenhaus nach Elbingerode geschickt worden. Der Harz war ihm zur neuen Heimat geworden, in die er nun seine Familie nachholen wollte. Überglücklich war die 14-jährige Sigrid mit dem Schreiben des Vaters nach Hause gekommen, das war am 4. August 1947. Sechs Tage später sollte es losgehen.
Sengende Hitze
Auf Lastwagen wurden die Frauen und Kinder – es waren nur wenige zumeist ältere Männer unter den Vertriebenen – ins elf Kilometer entfernte Gleiwitz gebracht und dort am Güterbahnhof abgeladen. In Viehwaggons ging es für die Deutschen von Gleiwitz knapp 50 Kilometer weiter bis nach Leobschütz. Vier Tage dauerte der Transport dahin. Bei sengender Hitze. In drangvoller Enge in Eisenbahnwaggons. „Es waren wirklich grausame Tage“, sagt Sigrid Hellmund. Und diese Tage sollten mit der Ankunft in Leobschütz noch nicht beendet sein. Im Gegenteil.
Im leer geräumten Priesterseminar der Stadt wurden die Menschen aus den Viehwaggons untergebracht. Das klingt komfortabler als es war. Die einzige Mahlzeit war eine Maissuppe pro Tag. Sie mussten auf dem Boden schlafen und statt der Toiletten im Gebäude mussten die Vertriebenen die Latrinen auf dem Hof benutzen. Und noch immer war der August 1947 glühend heiß. „Ich war damals ein junges Mädchen“, sagt Sigrid Hellmund rückblickend, aber unter den Vertriebenen waren auch viele ältere Frauen und Mütter mit Kindern.
„Die reine Schikane“, sagt Sigrid Hellmund. Denn es gibt kaum Worte für das, was sie in der Erinnerung an die Tage im Lager empfindet. Nur die vielen Bilder im Kopf gibt es – und die bleiben. Bilder von Menschen, die beim stundenlangen Stehen in der Sommerhitze einfach vor Erschöpfung umfallen, von Müttern, die ihren schreienden Babys nichts zu trinken geben dürfen. Es sind Erinnerungen an Tage voller Elend und Demütigungen. Es sind die Tage, in denen Sigrid Hellmund Kinder hat sterben sehen. Zwei Jahre, nach dem der Krieg zu Ende war.
Ob sie dem einzigen Vertriebenen-Transport aus Oberschlesien angehörte, dem dieses Schicksal widerfahren ist, kann die Bad Harzburgerin nicht sagen. Erst sehr viel später hat sie von anderen gehört, die nach diesem August 1947 in Leobschütz einquartiert worden waren, und nicht mit den gleichen Erfahrungen weiter nach Deutschland reisten. Das Schwedische Rote Kreuz hatte sich eingeschaltet.
Irgendwann und irgendwie vergingen auch die Tage in Leobschütz, die vertriebenen Deutschen wurden – wieder in Viehwaggons – nach Wolffen bei Bitterfeld gebracht. Ins nächste Lager. Und doch empfanden Sigrid Hellmund und ihre Familie die Ankunft in Deutschland wie eine Befreiung.
„Umsiedler“ genannt
Aus Wolffen wurden die Frauenund Kinder von ihren Familien abgeholt. Mit der Zuzugsgenehmigung und großen Hoffnungen kamen Mutter und Tochter in die neue Heimat nach Ilsenburg, wo Sigrid auch ihren späteren Mann kennenlernte – einen gebürtigen Ilsenburger. In der DDR waren sie keine Vertriebenen, sondern „Umsiedler“. Doch der Harz blieb vorerst nur Zwischenstation auf dem Lebensweg von Sigrid Hellmund. 13 Jahre nach der Flucht aus Oberschlesien, plante sie mit Mann und Tochter noch einmal eine Flucht. Ohne sicher sein zu können, dass dieses Mal alles viel glücklicher verlaufen würde.
Im April 1960 verwirklichte das Paar einen sorgsam ausgetüftelten und akribisch vorbereiteten Plan: Von Leipzig fuhren sie nach Ostberlin, machten einen „Tagesausflug“ in den Westteil der Stadt und setzten sich mit dem Flugzeug in die Bundesrepublik ab. Sigrid Hellmund will sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn auch nur das kleinste Detail ihres Fluchtplans in falsche Ohren gekommen wäre. Nach der Flucht lebten sie 33 Jahre lang in Hamburg, nach Beendigung des Berufslebens zogen sie nach Bad Harzburg.
Folgen aus der gedruckten GZ:
Ankunft – Der Harz als Zufluchtsort
Flucht – was die Menschen über ihren Weg erzählen
- Folge 3: „Ich habe so viel Leid gesehen“
- Folge 4: „Kinder, die Russen kommen“
- Folge 5: Die Nehrung war voller Schlitten
- Folge 6: Die Bilder im Kopf werden bleiben
- Folge 7: „Ich bin mit Trümmern verwandt“
- Folge 8: Zuhause ist hier, die Heimat dort
- Folge 9: Frauen trugen die doppelte Last
- Folge 10: Dem Gustloff-Unglück entgangen
Unterbringung – der Wohnraum ist knapp
Städtebau – wie Kommunen ihr Gesicht verändern
Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld
Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft
Wohlstands-Gefälle – so lebten Flüchtlinge und Einheimische
Zwischenmenschliches – persönliche Beziehungen und kirchliche Hilfe
Politik – neue Kräfte in den kommunalen Räten
Kultur – Bereicherung durch die neuen Mitbürger
zur Übersicht
- Liebenburger Bockwindmühle: Polizei geht von Brandstiftung aus
- Polizei sucht noch nach Randalierern vom Goslarer Kulturkraftwerk
- Sturz nach Sabotageversuch beim Harzer Mountainbike-Event
- Clausthal: Bauarbeiten auf neuem Stadtplatz an der Marktkirche kommen zügig voran
- Stadt Braunlage macht Kioskbetreiber am Freibad Konkurrenz
Nachrichten aus der Region
Meist gelesen










