„Kinder, die Russen kommen“

Von Angela Potthast


Sie lernten sich erst in Bad Harzburg kennen, haben aber ein ähnliches Schicksal: Manfred Gamroth und Margarete Tusch. Foto: Potthast

Wir müssen jetzt weg“, haben die Eltern gesagt. Sie hatten alles gepackt, auf einem Wagen verstaut. „Wir dachten, dass wir ’ne Spazierfahrt machen“, so Manfred Gamroth aus Bad Harzburg. Seine Lebensgefährtin Margarete Tusch (82) stammt aus Breslau, hat ebenfalls die Flucht erlebt. „Kinder, haut ab, die Russen kommen“, hörte sie von den deutschen Soldaten – und sie floh.

Manfred Gamroth war am 20. Januar 1945 fünf Jahre alt – am Tag der Flucht. „Und ich kann mich erinnern, wie das war.“ Zwei Kaltblutpferde hatte der Vater, Gutsverwalter in Kirchlinden, bekommen, konnte sie vor das Fuhrwerk spannen. Die Kühe wurden freigelassen. Auch der kleine Vogel der Familie. „Der fiel sofort runter.“ Es waren minus 20Grad Celsius in der Nacht, in der Vater und Mutter Gamroth mit ihren sieben Kindern vor den russischen Soldaten aus dem schlesischen Kreis Wohlau flohen.

„Vater hatte immer noch gedacht, die kommen nicht, die Russen.“ Somit waren sie fast die letzten Bewohner des Ortes. Acht Gespanne bildeten den Treck, in den sich auch Gamroths einreihten. „Wir drei Kleinen saßen oben im Bettzeug.“ Die Kleinen waren Anna, Jahrgang 1942, Hilde, Jahrgang 1941, und Manfred. Georg, das älteste der Gamroth-Kinder, Jahrgang 1932, lenkte eine der kleinen Kutschen, sein Vater die große. Günter, sechs Jahre älter als Manfred, ging zu Fuß oder saß auf einem Brett, das hinten am Wagen angebracht war.

Fähre in Not

„Abenteuerlich“ wurde es für Manfred Gamroth am ersten Fluchttag, als die Oder bei Köben überquert werden musste. Tatsächlich schwebten die Beteiligten in Lebensgefahr. Auf dem Fluss: Eisgang. Die Fähre überladen, das Eis drückte, die Seile rissen, die Fähre trieb stromabwärts. Dank eines Lastschiffes, das die in Not Geratenen mittels Lichtsignal auf sich aufmerksam machten, erreichten sie das Ufer: Das Schiff schob die Fähre an die Auffahrt. In der Dunkelheit des ersten Fluchttages erreichten Gamroths eine Domäne, deren Verwalter ein Freund des Vaters war. Dort gab es Hafer für die Pferde, Eingemachtes für die Menschen. „Wir sind überall rumstolziert, für uns Jungs war viel zu erkunden.“ Ein paar Tage hatte die Familie Zeit zum „Luftholen“. Doch die russischen Soldaten rückten heran. Über Nacht mussten Gamroths ihre Flucht fortsetzen. Durch leere Dörfer. Vorbei an freigelassenem Vieh, das in den Schneemassen versank. „Bilder, die man nie vergessen wird.“

Die Familien mussten jeden Tag eine Bleibe für die Nacht suchen. „Leere Schulen, Gutshäuser waren das Ziel.“ Dann: der 13./14. Februar 1945. In der Nähe von Dresden waren sie. Die Mehrheit des Trecks wollte über die Stadt weiter. „Wir nicht.“ Gamroths blieben in einem Dorf bei Königsbruch, nächtigten wieder in einem Schulgebäude. Georg, Günter und der Vater mussten wegen Platzmangels auf dem Wagen bleiben, draußen. „Es war die kälteste Nacht, die mein Vater und meine Brüder erlebt haben.“ Und es war die Nacht, in der Dresden bombardiert wurde. „Wir sahen das Inferno, es war taghell.“ Vater Gamroth wählte die nördliche Route für die weitere Flucht. Oschatz, Eulenburg – die Landstraße war holprig. An den Seiten, in den Gräben: tote Tiere, tote Menschen.
„Mutter hat gesagt: „Kommt da weg.“ Die Kinder spielten ja hinter dem Wagen Brummkreisel. In Rohrsheim blieben Gamroths von April bis September 1945. In Deersheim, 20Kilometer nördlich von Wernigerode gelegen, siedelte die Familie. An Deersheim hat Manfred Gamroth mehr Erinnerungen als an Kirchlinden. Den Ort seiner frühen Kindheit hat er nie wieder gesehen.

Weg, von jetzt auf gleich, musste Margarete Tusch. Sie floh mit deutschen Soldaten im April 1945 Richtung tschechische Grenze. Die gebürtige Breslauerin war zum Einsatz in einer Munitionsfabrik in Petersdorf. Einen Tag lang war sie unterwegs, kam an der Elbe an, wurde von amerikanischen Soldaten versorgt. „Dann setzten sich die Amerikaner ab und überließen uns den Russen.“ Sie geriet in Gefangenschaft: Margarete Tusch musste fünf Monate südlich von Prag unter freiem Himmel leben auf einem Gutshof. „Ich kann mich erinnern an die Wiese, an den Brunnen.“ Und an etwas anderes. Daran, dass nachts die Russen kamen, dass sie immer einen Knüppel an ihrer Schlafstätte hatte. Wiederfahren ist ihr nichts. Doch eingebrannt hat sich die Angst. Noch heute muss sie nachts etwas in der Hand halten: ein Taschentuch statt eines Knüppels.

Kein Haus mehr

Missbrauch entging Margarete Tusch später noch einmal. Das war, als sie mit anderen Gefangenen zusammen Richtung Sowjetunion zu Aufräumarbeiten geschickt wurde. In einem Bunker durften sie übernachten. Margarete Tusch wollte nicht, setzte sich ab. „Alle Mädchen in dem Bunker sind vergewaltigt worden.“ Schrecklich für eine junge Frau, die während der Gefangenschaft 17 Jahre alt wurde. Es war aber nicht das einzig Gräßliche, das sie verkraften musste: „Die Russen erschossen deutsche Männer – ohne Verurteilung.“ Margarete Tusch schrie vor Entsetzen – und bekam einen Gewehrkolben in den Rücken. Für sie stand fest: „Ich will nicht nach Russland.“

Dorthin kam sie auch nicht. Mittenwalde war ein Haltepunkt auf ihrer Flucht. Das erste Brot nach fünf Monaten verknüpft sie mit diesem Ort. Auf dem Weg nach Hirschberg in Niederschlesien „haben wir uns Karotten raus gezogen und Kartoffeln“. Die Ernährung, die hygienischen Bedingungen forderten ihren Tribut. Margarete Tusch brach irgendwann zusammen: Typhus.

Sie überstand die bakterielle Infektion, erreichte Hirschberg und suchte sich umgehend Arbeit als Friseurin. Im November 1945 kaufte ihr polnischer Chef eine Zugfahrkarte für sie. Nach Berlin sollte sie, dorthin, wo ihre Familie lebte. Während der Fahrt ein Überfall. „Vermutlich von entlassenen Straftätern.“ Wieder blieb Margarete Tusch unbeschadet. In Berlin der nächste Schlag. Was sie vorfand? Nichts. „Da stand kein Haus mehr.“ Das, in dem die Mutter gelebt hatte. Onkel und Tante in Berlin wussten allerdings, wo Margarete Tusch sie finden konnte. Ihnen hatte die Mutter geschrieben. Zunächst suchte sich die junge Frau Arbeit, zog erst im Februar nach Bielefeld – zur Mutter.

 

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