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„Ich habe so viel Leid gesehen“

Margarete Herzog liest gerne und viel, vor allem Sachbücher und Romane über ihre alte Heimat in Ostpreußen. In Immenrode, wo sie heute wohnt, fand sie ihr neues Zuhause.Foto: Kusian-Müller
Rund 1000 Kilometer liegen zwischen der alten und der neuen Heimat von Margarete Herzog, geborene Poschmann. Und mehr als 60 Lebensjahre. Die heute 79-jährige Witwe war 16, als sie nach der Vertreibung aus ihrem Heimatdorf Vierzighuben, zwischen Elbing und Frauenburg in der Nähe des Frischen Haffs in Ostpreußen gelegen, in Immenrode endlich wieder zur Ruhe kam. Hinter ihr lagen Monate voller Leid und Gewalt.
Anfang Januar 1945 war für sie und ihre sechs Geschwister die Welt noch schön: Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Dorfteich, der tägliche Schulunterricht und „viel Ruhe und Gelassenheit“ bestimmten ihren Alltag. „Mein Vater war Stellmacher und Hufschmied, und wir hatten ungefähr sechs Morgen Landwirtschaft, ein paar Schweine und eine Kuh“, erinnert sich Herzog. Das kleine Fachwerkhaus, in dem sie mit ihrer Familie wohnte, steht heute unter Denkmalschutz. „Da habe ich viel Glück gehabt“, seufzt sie. Sie ist schon einige Male wieder dort gewesen, kennt die Leute gut, die jetzt in dem Haus leben.
Schlupfloch
Ende Januar 1945 zerbrach das beschauliche Leben: Die Front verlief dicht am Dorf, Transporte verwundeter deutscher Soldaten zogen hindurch. „Alle zogen nach Frauenburg, um übers Haff zur Nehrung zu kommen. Das war zu der Zeit das einzige Schlupfloch“, sagt Herzog.
Margarete Herzog und ihre Familie blieben. „Meine Mutter sagte, wir hätten niemandem etwas Böses getan und glaubte, uns würde deshalb auch niemand etwas tun.“ Ein tragischer Trugschluss, wie sich schon einige Tage später zeigte. Die Front kam immer näher. Die letzten deutschen Soldaten zogen mutlos durch das Dorf, die meisten kaum 20 Jahre alt. Herzogs Mutter stand immer mit heißer Milch an der Straße.
Eines Tages stand plötzlich morgens ein sowjetischer Panzer vor ihrem Haus. „Soldaten schossen in die Luft, wohl um uns zu erschrecken“, erzählt Herzog. Dann stürzten sie ins Haus und suchten nach deutschen Soldaten und Waffen.
Mit der folgenden Infanterie begann das Leid. „Eine bei uns untergekommene Flüchtlingsfamilie, die eine Pistole besaß, nahm sich hinter der Scheune das Leben“, erinnert sich die weißhaarige Frau, und ihre Stimme wankt. Verwundete Soldaten und geschwächte Flüchtlinge taten es ihnen gleich. So wurde Herzogs elterlicher Garten zum Friedhof für fremde Menschen. „Die Soldaten waren grausam. Sie waren die Sieger, und das ließen sie uns spüren“, sagt Herzog. Sie raubten, zerstörten viele Häuser, vergewaltigten Frauen und Mädchen. „Ich habe so viel Leid gesehen – das reicht noch für zwei weitere Leben.“
Das Frühjahr ging dahin, die sowjetischen Soldaten hatten sich im Hause Poschmann eingerichtet. Die Mutter musste Dienstmagd sein, die verlauste Wäsche waschen. Als die Soldaten im Mai abzogen, kamen Polen, die sich in den noch halbwegs gut erhaltenen Häusern einrichteten. Die Deutschen hausten in zerschossenen Ruinen.
Schließlich kam an einem Tag im Spätherbst die Anweisung: „In 20Minuten auf dem Dorfplatz sein. Zehn Kilo Gepäck.“ „Mutter zog uns Kindern so viel an, wie nur möglich. Mit noch einigen anderen Familien wurden wir nach Mühlhausen gebracht.“ Dort hieß es tagelang warten, schließlich rollte ein Güterzug mit Viehwaggons heran.
Diese waren mit Stroh ausgestreut, keine Bank, keine Fenster, nur ein kleines Loch an einer Seite. „Mutter hatte Mühe, alle Kinder zusammenzuhalten.“ Ein größerer Junge beschrieb den dicht gedrängt im Waggon Kauernden, was er durch das Loch in der Wand sah. „Niemand wusste, wo wir waren“, erinnert sich Herzog. Unterwegs stoppte der Zug oft auf offener Strecke. Die Türen wurden geöffnet, Tote hinausgetragen: „Alle, die konnten, auch alte Menschen und Kinder, mussten sie verscharren.“
Nach fast fünf Wochen, in denen bei jedem Halt an einem Wald alle losliefen, um Beeren und Pilze zu sammeln, wurden die Menschen in einen Zug in die Sowjetische Besatzungszone umgeladen. Sie landeten in Rathenow in Brandenburg, von dort ging es weiter nach Wulkau in Sachsen-Anhalt. Endlich wurde wieder deutsch gesprochen. Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und der Johanniter kümmerten sich um die Heimatlosen. Aber die vom Krieg geschwächten Deutschen waren misstrauisch und abweisend. „Und wir boten ja auch wirklich kein gutes Bild, abgemagert und abgerissen, wie wir waren“, versucht Herzog Verständnis aufzubringen.
Ihr Vater war schon seit 1939 Soldat. Er hatte sich freiwillig gemeldet. Im Frühling 1946 fasste Herzogs Mutter den Vorsatz, in den Westen zu gehen. „Sie nahm ihr ganzes Geld, das wir noch eingenäht in unserer Kleidung hatten, und bezahlte einen Mann, der uns mit dem Pferdewagen in Richtung Oebisfelde brachte.“ An der Aller wartete die Familie bis zum Einbruch der Nacht. „Dann zogen wir uns aus, hielten unsere Kleider über den Kopf und gingen durch den Fluss.“ Am Morgen hatten die Poschmanns wieder Glück: Ein Müller nahm sie auf dem Pferdewagen nach Oebisfelde mit. Vor dort gelangte die Familie in ein Lager an der Oker in Vienenburg und vier Wochen später auf das Gut in Beuchte.
Erinnerungen bleiben
Durch Verwandte im Ruhrgebiet erfuhr Margarete Herzogs Mutter, dass der Vater in amerikanischer Gefangenschaft war. Er kehrte zwar zu seiner Familie zurück, „aber meine Eltern waren nicht glücklich hier, und so zogen sie nach Nordrhein-Westfalen“, sagt Herzog. Sie folgte zunächst, kehrte aber kaum ein Jahr später zurück, um zu heiraten. „Ich liebe dieses Dorf, es ist mir Heimat geworden“, sagt Herzog über Immenrode. Nur die Bilder von damals, die rauben ihr noch manchmal den Schlaf.
Folgen aus der gedruckten GZ:
Ankunft – Der Harz als Zufluchtsort
Flucht – was die Menschen über ihren Weg erzählen
- Folge 3: „Ich habe so viel Leid gesehen“
- Folge 4: „Kinder, die Russen kommen“
- Folge 5: Die Nehrung war voller Schlitten
- Folge 6: Die Bilder im Kopf werden bleiben
- Folge 7: „Ich bin mit Trümmern verwandt“
- Folge 8: Zuhause ist hier, die Heimat dort
- Folge 9: Frauen trugen die doppelte Last
- Folge 10: Dem Gustloff-Unglück entgangen
Unterbringung – der Wohnraum ist knapp
Städtebau – wie Kommunen ihr Gesicht verändern
Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld
Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft
Wohlstands-Gefälle – so lebten Flüchtlinge und Einheimische
Zwischenmenschliches – persönliche Beziehungen und kirchliche Hilfe
Politik – neue Kräfte in den kommunalen Räten
Kultur – Bereicherung durch die neuen Mitbürger
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