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„Ich bin mit Trümmern verwandt“

Andreas Mueller (83) erinnert sich an seine Jugend, geprägt von Krieg, Zerstörung und Vertreibung. Foto: Krause
Das Gesicht der Goslarschen Zeitung hat Andreas Mueller als Chefredakteur bis 1991 geprägt. Heute erinnert sich der 83-Jährige an die Aussiedlung aus der Heimatstadt Riga. Viele Jahre später hat er in Bad Harzburg Mutter und Schwester wiedergetroffen. Der Vater blieb verschollen. Mit 13 Jahren hat Andreas Mueller Riga in Lettland verlassen müssen, umgesiedelt in die nach dem so genannten Polenfeldzug 1939 besetzten polnischen Gebiete. Noch einmal 13 Jahre hat es gedauert, bis Mueller eine zweite Heimat gefunden hatte.
Er hat in Bad Harzburg im Jahr 1946 seine Mutter Frieda und die zwei Jahre ältere Schwester Eva-Maria wiedergetroffen, ist 1952 Volontär bei der Harzburger Zeitung geworden und hat später in Goslar für die Braunschweiger Nachrichten geschrieben. Danach arbeitete Mueller als Politikredakteur für den Zeitungsring Südniedersachsen und war bis 1991 als Chefredakteur der Goslarschen Zeitung tätig.
Heute erinnert sich Andreas Mueller: „Wir Kinder sind damals alleine gegangen. Es war für unsere Mutter ein unerträglicher Gedanke, ins Nazireich zu kommen. Später erfuhren wir, dass sie sehr krank war und auch versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Eine dramatische Geschichte.“ Seine Schulklasse am humanistischen Gymnasium, die der damals 13-Jährige in Riga besucht hatte, sollte er bald fast vollständig wiedersehen.
Mit einem Schiff namens „Der Deutsche“ waren die Kinder über die Ostsee nach Pommern gebracht worden. Dies war für den jungen Andreas mehr eine Reise als eine Vertreibung. „Heute beurteile ich die Geschichte natürlich anders. Aber damals habe ich es sehr als Abenteuer empfunden, mit einem Schiff in eine neue Welt zu fahren. Ich habe nicht traurig den Kirchtürmen nachgewinkt, sondern habe mir das Schiff angeschaut und mit Matrosen gesprochen. Viel nachgedacht über die Tragik der Sache habe ich ehrlich gesagt nicht. Aber in diesem Alter ist man auch noch ziemlich blöd.“
In Stettin bekommt der zwangsweise Staatenlose bald die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich hatte blonde Haare und blaue Augen. Ein SS-Mann hat mich gefragt ,Du wirst doch sicherlich auch mal zu uns kommen?‘. Meine Mutter erinnerte sich später noch an meine Antwort: ,Das werde ich mir noch sehr überlegen‘.“ Die Mutter der Kinder war, sobald sie wieder gesund war, nachgekommen. „In Pommern haben wir wunderbar gelebt“, erinnert sich Mueller. In der Stadt Greifenberg kamen sie beim Kinobesitzer des Ortes unter. „Dort durfte ich die Filme mit ansehen, die für Jugendliche noch nicht erlaubt waren. Und ich wurde angestellt, die Lautstärke zu regulieren. Wir haben Glück gehabt.“
Auf Antrag seiner Mutter durfte die Familie 1940 nach Posen ins Wartheland ziehen. Denn dort gab es ein humanistisches Gymnasium. „Dort fand ich fast meine ganze Klasse wieder.“ Gewohnt hat die Familie bei einem Balten, bei dem sich der junge Andreas ansteckte und an einer schweren Lungen-Tuberkulose litt. Bei Litzmannstadt (Lodz) wurde er acht Monate lang medizinisch versorgt. Wegen dieser Krankheit bekam die Familie aber eine gute Wohnung. „Andere Balten kamen in Häuser, die kurz zuvor erst geräumt wurden. Die Polen wurden auf brutale Art und Weise aus ihren Häusern geworfen.
Teilweise stand noch das Essen auf dem Tisch, und die Schränke waren voller Kleider.“ 1944 wurde Mueller mit 17 Jahren zum Dienst bei der Kriegsmarine eingezogen, stationiert bei der Marine-Kriegsschule Heiligenhafen. Später abgeschoben und der Infanterie zugeteilt, musste Mueller nach Kosten zur Heeresunteroffiziersschule, um im Januar 1945 in den Krieg zu ziehen. „Das war eine grausame Sache. Bei 25 Grad Minus. Und innerhalb von 24 Stunden war unsere Einheit halbiert. Etwas anderes als fliehen konnte man nicht.“
Sieben Tage lang floh Mueller verwundet, bis er erschöpft in einem Schilfhaufen Halt machte. „Mit einem anderen Soldaten, einem kleinen Wiener, versteckte ich mich dort. Bis uns jemand aufforderte, herauszukommen – auf Deutsch aber mit slawischen Lauten.“ Mueller wurde von der polnischen Miliz weggeführt, der Wiener war tot. „Am selben Tag hat mich ein Russe an die Wand gestellt und losgeballert. Er hat mich am Rücken getroffen.“ In einem Lazarett in Gnesen wurde der Verwundete gepflegt. „Von Polen, und zwar ungeheuer fair.“
Auch die Liebe zu einer polnischen Krankenschwester half, gesund zu werden. Im Mai 1945 wurde das Lazarett aufgelöst. Die Insassen, ehemalige deutsche Soldaten, kamen nach Posen in ein sowjetisches Kriegsgefangenenlager. Dort erklärte man Mueller nach oberflächlicher Körperkontrolle für arbeitsfähig und russlandtauglich.
Tags darauf ging der Transport in überfüllten Viehwagen in die Stadt Tscheljabinsk am Ural und zur Landarbeit nach Sibirien. Zu Winterbeginn erkrankte Mueller an einer Lungenentzündung und wurde in ein Lazarett eingeliefert. „Das war schlimm und zugleich ein großes Glück, denn sonst hätte ich Deutschland wohl nie wiedergesehen“, sagt Mueller.
Eine jüdische Ärztin ließ den im Fieberwahn bettelnden Schwerkranken von zwei Sanitätern zu einem für den Heimtransport bereitstehenden Eisenbahnzug tragen. „Die deutschen Kameraden wollten mich nicht reinlassen, weil es zu eng war, und sie hätten zusammenrücken müssen. Das war furchtbar.“ Aber es glückte, nach drei Wochen Fahrt im Viehwagen erreichte er Frankfurt Oder. Gesund pflegen ließ sich Mueller in Magdeburg – in der Stadt, die auch schwer vom Krieg getroffen war. „Ich bin mit Trümmern verwandt. In mir ist auch etwas kaputt gegangen.“ Seine Mutter machte Mueller über einen Suchdienst ausfindig. Sie war nach dramatischer Flucht aus Posen im Januar 1945 in Bad Harzburg gelandet. Von Magdeburg aus fuhr Mueller sogleich zu Mutter und Schwester. In Harzburg bleiben hätte er nicht gedurft, weil nur kleine Kinder eine Zuzugsgenehmigung am Ort der Eltern bekamen. Die britische Besatzungszone sei mit Flüchtlingen überbelegt, hieß es vom Bezirksflüchtlingsamt Braunschweig.
Um zu studieren, zog es Mueller nach Berlin. Er wollte Jurist werden wie sein Vater, der den Fluchtversuch 1945 von der Weichsel nicht überlebte. Doch ihm fehlte das Abitur, da er von der Schulbank weg zum Kriegsdienst eingezogen worden war. In einer Sonderklasse für Heimkehrer an einem Berliner Gymnasium holte er das Abitur nach. Es folgte freie Mitarbeit für Berliner Zeitungen. Der Einstieg als Volontär beim Rias scheiterte wegen der Berliner Blockade. Aber der Weg in die Harzburger Zeitung war frei.
Folgen aus der gedruckten GZ:
Ankunft – Der Harz als Zufluchtsort
Flucht – was die Menschen über ihren Weg erzählen
- Folge 3: „Ich habe so viel Leid gesehen“
- Folge 4: „Kinder, die Russen kommen“
- Folge 5: Die Nehrung war voller Schlitten
- Folge 6: Die Bilder im Kopf werden bleiben
- Folge 7: „Ich bin mit Trümmern verwandt“
- Folge 8: Zuhause ist hier, die Heimat dort
- Folge 9: Frauen trugen die doppelte Last
- Folge 10: Dem Gustloff-Unglück entgangen
Unterbringung – der Wohnraum ist knapp
Städtebau – wie Kommunen ihr Gesicht verändern
Familien-Schicksale – Tragödien im engsten Umfeld
Arbeit – Flüchtlinge und Vertriebene in der Wirtschaft
Wohlstands-Gefälle – so lebten Flüchtlinge und Einheimische
Zwischenmenschliches – persönliche Beziehungen und kirchliche Hilfe
Politik – neue Kräfte in den kommunalen Räten
Kultur – Bereicherung durch die neuen Mitbürger
zur Übersicht
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