Amok-Drohungen: Experte beantwortete Fragen im GZ-Chat

 

Nach den Amok-Drohungen an Harzer Schulen ist das erschreckende Thema wieder im Gespräch bei Eltern, Schülern und Lehrern. Fragen beantwortete Professor Frank-Gerald Pajonk im Experten-Chat.  Er ist Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums der Fontheim-Klinik in Liebenburg.

 

Chat mit Professor Frank-Gerald Pajonk


(16:54) System: Moderator betritt den Chat.
(16:55) Moderator: Hallo liebe Nutzer! Herzlich wilkommen zu unserem Chat zum Thema Amoklauf!
(16:56) System: Frank-Gerald Pajonk betritt den Chat.
(16:56) Moderator: Monika Schumacher fragt: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein vorher angekündigter Amoklauf auch in die Tat umgesetzt wird?
(16:57) Frank-Gerald Pajonk: Gott sei Dank werden mehr Amokläufe, die angekündigt werden, nicht umgesetzt. Das kann man nicht in Prozenten ausdrücken. Grundsätzlich ist die Ankündigung eines Amoklaufes ernst zu nehmen, und es sind alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die Sicherheit der Schüler, Lehrer und des gesamten Personals zu gewährleisten.
(16:58) Moderator: Monika Schumacher möchte auch wissen: Gibt es Erkenntnisse, dass eher ruhige, unauffälige Personen ohne jegliche Vorzeichen einen Amoklauf starten?
(17:00) Frank-Gerald Pajonk: Bei fast allen Personen, die einen Amoklauf tatsächlich verübt haben, hat es Hinweise gegeben. Untersuchungen der TU Darmstadt zeigen, dass es Risiko-Hinweise gibt. Ein nie in Erscheinung getretener Mensch kann auch einen Amoklauf verüben. Aber bei den Amokläufen national und international waren alle Täter auffällig.
(17:00) System: andreas betritt den Chat.
(17:00) Moderator: Yannic Wittenberg fragt: Gibt es Vorfeld typische Verhaltensmerkmale, an denen man als Mitmensch erkennen kann, dass Gefahr droht?
(17:02) Frank-Gerald Pajonk: Ja, sie zeigen ein typisches Profil. Allerdings lässt sich aus dem Profil nicht ableiten, dass jeder, der dieses Profil hat, dann auch tatsächlich einen Amoklauf begeht. Die Risiko-Merkmale, die bei fast allen Amokläufern vorlagen, können Sie unter folgendem Web-Link nachlesen: http://www.tu-darmstadt.de/vorbeischauen/aktuell/pm_8064.de.jsp
(17:03) Moderator: Margot Peters will wissen: Kann man sicher sein, dass es sich bei den Fällen in Goslar nur um schlechte Scherze gehandelt hat?
(17:04) System: katinka betritt den Chat.
(17:04) Frank-Gerald Pajonk: Nein. Es ist erforderlich, dass diejenigen, die mit einem Amoklauf drohen, intensiv befragt und psychologisch untersucht werden. Erst nachdem dieses Ergebnis feststeht, kann mit hinreichender Sicherheit gesagt werden, ob es sich tatsächlich um einen schlechten Scherz gehandelt hat.
(17:06) Moderator: Jan Helmrich fragt: Angenommen, ich höre von einer Amoklaufdrohung an meiner Schule. Was soll ich tun?
(17:08) Frank-Gerald Pajonk: Bei unmittelbar bevorstehendem Amoklauf: Wenn Sie in der Schule sind, diese verlassen und eine sofort wirksame Informationskette bilden. Wenn Sie nicht dort sind, da bleiben, wo Sie sind. Und in jedem Fall die Schule frühzeitig informieren.
(17:09) Moderator: katinka will wissen: Warum bringen sich die meisten Amoktäter nach der tat selbst um?
(17:11) Frank-Gerald Pajonk: Weil die Lebensperspektive und der Sinn des Lebens nur noch bis zum Amoklauf reichen und ein öffentlicher Suizid als Abschluss die denkbar größte Aufmerksamkeit erzielt.
(17:12) Moderator: claudia hesselbach fragt: Betrifft das Thema denn nur Schulen? Oder gibt es andere Beispiele für Amokläufe oder Amokdrohungen?
(17:17) Frank-Gerald Pajonk: Es gibt viele andere Beispiele. Erst gestern hat ein Taxifahrer in England ohne erkennbaren Grund mindestens 13 Menschen aus seinem Fahrzeug erschossen. Nicht selten finden sich auch Bluttaten innerhalb von Familien, zum Beispiel bei Trennungen, die durchaus einem Amoklauf entsprechen. Aber nicht immer kann die endgültige Ursache aufgeklärt werden, insbesondere dann, wenn der Täter sich anschließend suizidiert, also sich selbst tötet.
(17:20) Moderator: katinka fragt nach: Sind Attentäter dann meistens Leute mit einem geringen Selbstbewusstsein?
(17:21) Frank-Gerald Pajonk: Ja, die meisten haben tatsächlich ein geringes Selbstbewusstsein, das aber mit Größenfantasien versucht wird, zu kompensieren.
(17:22) Moderator: Yannic Wittenberg möchte wissen: Geben Sie gewaltverherrlichenden Computerspielen die Schuld an solchen Taten?
(17:23) Frank-Gerald Pajonk: Nein. Gewaltverherrlichende Computerspiele haben sicherlich nicht Schuld an Amokläufen. Sie können aber bei Menschen, die einen Amoklauf in Erwägung ziehen, die Entscheidung und die Ausführung beeinflussen.
(17:24) Moderator: Klaus C. fragt: Mein Neffe sitzt viel vor dem Computer und spielt Gewalt-Spiele. Muss ich deshalb Angst um ihn haben?
(17:24) System: Pömpel betritt den Chat.
(17:27) Frank-Gerald Pajonk: Praktisch kein Jugendlicher, der Ego-Shooter-Spiele am Computer spielt, wird dadurch zum Amokläufer. Wenn jemand aber viele Stunden täglich damit seine Zeit verbringt, verändert sich sicher sein Sozialleben.
(17:28) Moderator: kantinka will wissen: Also regen Computerspiele doch dazu an, auch wenn die eigentlichen Gründe andere sind?
(17:30) System: andreas verlässt den Chat.
(17:31) Frank-Gerald Pajonk: Nein, sie regen nicht dazu an, einen Amoklauf ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Zuerst liegen massive Kränkungen, soziale Brüche oder Verlusterfahrungen vor, auf die die Täter sehr empfindlich reagieren und Rachepläne schmieden. Möglicherweise wird aber die Art der Ausführung durch Gewalt verherrlichende Spiele oder Filme beeinflusst.
(17:31) System: andreas betritt den Chat.
(17:32) Moderator: andreas m. will wissen: was raten sie eltern, die nach den drohungen hier bei uns in sorge sind?
(17:35) Frank-Gerald Pajonk: Eltern brauchen die Gewissheit, dass ihre Kinder in der Schule sicher sind. Daher muss eine umfassende Aufklärung nach einer Amokdrohung erfolgen. Hierzu zählt auch, dass der potenzielle Täter intensiv befragt und psychologisch untersucht wird. Danach kann mit hinreichender Sicherheit eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit eines Amoklaufes gemacht werden. Eine letztendliche Sicherheit gibt es aber nicht. Möglicherweise gibt derjenige, der mit einem Amoklauf gedroht hat, erst die Vorlage für einen anderen, der diesen dann umsetzt.
(17:36) Moderator: patrick fragt nach: Haben sich unsere Schulen nach den Fällen im April richtig verhalten?
(17:41) System: loli betritt den Chat.
(17:42) Frank-Gerald Pajonk: Die Empfehlung lautet, Schüler, Eltern und Lehrer so zu informieren, dass deutlich wird, dass alle notwendigen Maßnahmen und Untersuchungen getroffen worden sind und – soweit das möglich ist – jetzt Sicherheit für alle besteht. Gleichzeitig muss das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen aber gewahrt werden. Die konkreten Hintergründe des Betroffenen sollten nur soweit genannt werden, wie es das Verständnis der Situation erfordert.
(17:43) Moderator: katinka fragt: Was macht man in Fällen, in denen man gar nicht weiß wer der "potenzielle Attentäter" sein könnte? Verbreitet man durch eine Befragung nicht zusätzlich Panik?
(17:49) Frank-Gerald Pajonk: Dies ist natürlich der Fall, der die meiste Unsicherheit und Angst erzeugt. Ich glaube, es ist nicht richtig, eine anonyme Drohung einfach im Raum stehen zu lassen. Diese Androhung könnte zum Beispiel in den einzelnen Schulklassen als dringliches Thema auf den Tagesplan gehoben werden. Die Aufklärung über Risiko-Indikatoren an die Schüler und die öffentliche Besprechung dieses Thema in einem geordneten Rahmen sind oft hilfreich, um Ängste zu minimieren. Und manchmal meldet sich der Verursacher auch danach.
(17:50) Moderator: Loli will wissen: Wohin kann ich mich wenden, wenn ich von Amokplänen höre? Bei Beratungsstellen dauern Termine zu lange, die Polizei ist nicht neutral.
(17:50) System: horst betritt den Chat.
(17:53) Frank-Gerald Pajonk: Gott sei Dank sind Amokläufe immer noch selten. Leider ist aber jeder Einzelfall einer zu viel. Die meisten behördlichen Stellen sind noch nicht ausreichend über Risiko-Indikatoren und den Umgang mit solchen Drohungen informiert. Am Lehrstuhl für Psychologie an der TU Darmstadt gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat. Unter anderem ist auch ein Podcast über Hintergründe und Präventionsmaßnahmen unter http://www.tu-darmstadt.de/vorbeischauen/aktuell/pm_8448.de.jsp zur Verfügung gestellt.
(17:53) Moderator: Tanja Ha. fragt: Ich würde gern mehr über das Thema erfahren. Wo kann ich mich überall informieren?
(17:57) Frank-Gerald Pajonk: Das Institut für Psychologie der TU Darmstadt hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie, Berlin, die wichtigsten Untersuchungen durchgeführt und Ergebnisse und Ratgeber veröffentlicht. Dies ist nach meiner Überzeugung die beste Anlaufstelle: http://www.tu-darmstadt.de/vorbeischauen/aktuell/pm_8064.de.jsp sowie http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/128151/
(17:57) Moderator: Caroline Willeke will wissen: Ist ein Amoklauf gut geplant oder ein spontaner Einfall in einer Notlage?
(17:58) Frank-Gerald Pajonk: Die allermeisten Amokläufe, zumindest alle, die an deutschen Schulen durchgeführt wurden, waren lange Zeit im Voraus und genauestens geplant.
(17:58) Moderator: Noch einmal Caroline Willeke: Kann ein Täter die anderen Menschen so sehr hassen? Oder sind sie ihm egal?
(17:59) Moderator: Yannic W
(18:01) Frank-Gerald Pajonk: In den meisten Fällen besteht tatsächlich ein konkreter oder allgemeiner Hass auf Menschen. Konkreter Hass bedeutet, dass der Täter sich eine oder mehrere Personen als Opfer gezielt aussucht (z.B. nach einer Todesliste). Allgemeiner Hass bedeutet, dass es ihm gleichgültig ist, wen es trifft.
(18:01) System: andreas verlässt den Chat.
(18:01) Moderator: Yannic Wittenberg will wissen: Wie kann traumatisierten Menschen, die einen Amoklauf erlebt haben, geholfen werden?
(18:02) System: bernd betritt den Chat.
(18:04) Frank-Gerald Pajonk: Ein solches Ereignis hinterlässt noch sehr lange Zeit sehr tiefe Spuren bei allen Beteiligten. Als Konsequenz von Amokläufen an Schulen haben die Kultusministerien der Länder sofort einsetzbare Notfallpläne entwickelt. Diese schließen die Betreuung durch Psychotherapeuten und Notfallseelsorger in der Akut-Phase ein. Die meisten Betroffenen benötigen aber anschließend längerfristig psychotherapeutische Hilfe.
(18:04) Moderator: Vielen Dank an Prof. Pajonk und alle Nutzer für den interessanten Chat!

 

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