gefragte Neubürger


Gehobene Unterkünfte für ältere Neubürger: die Anlage am Stadtpark in Bad Harzburg. Foto: Blasig

Vom Mittelmeer in den Harz

Von Ralf Blasig

Ein paar Schritte von der Bummelallee entfernt stehen im Karree einige jener Häuser, mit denen die Stadt Bad Harzburg ihren Geburtenmangel ausgleichen will. Auf Balkons können hier Neubürger älteren Semesters die Sonne genießen, hinter gelben Wänden liegen 50 Wohnungen der gehobenen Kategorie. Seit 2004 verkauft und vermietet Dirk Junicke am Stadtpark an Senioren, die ihren Ruhestand am Rande des Harzes verbringen möchten.

Der Einzugsbereich sei groß, sagt Junicke. Aus Braunschweig und Hannover kämen die Kunden, aber auch Rückkehrer aus dem Mittelmeerraum seien darunter. Wer dort die ersten Jahre nach dem Arbeitsleben genossen habe, den ziehe es oft nach Deutschland zurück. Bad Harzburg profitiere in solchen Fällen von seiner zentralen Lage: Lebten die Kinder beispielsweise in Hamburg und Berlin, dann sei die Kurstadt ein guter Wohnort in der Mitte.

Neu sind die Bemühungen zwar nicht, ältere Menschen als Neubürger zu gewinnen. 100 Jahre reiche die Tradition Bad Harzburgs als Altersruhesitz zurück, sagt Junicke. Mit dem demografischen Wandel jedoch gewinnt die Strategie noch einmal an Bedeutung: Während die Zahl der Einwohner im Kreis Goslar sinkt, wächst bundesweit die Zielgruppe der Älteren. „Senioren sind ein Wachstumsmarkt“, sagt daher der städtische Wirtschaftsförderer Thomas Beckröge. Anfang 2008 habe man diesen Gedanken auch offiziell in einem Aktionsprogramm festgehalten.

Vorteilhaft sind Zuzüge von Senioren gleich in mehrfacher Hinsicht: Der Kämmerer freut sich über zusätzliche Einnahmen, denn jeder Einwohner spült ihm nach einer Faustformel der Verwaltung rund 1.000 Euro pro Jahr in die Kasse. Viele Vereine profitierten zudem vom ehrenamtlichen Einsatz der Älteren, sagt Beckröge, und auch die Infrastruktur werde für den einzelnen Bürger nicht so teuer. Deutlich werde dies beim Abwasser: „Wenn in einer Straße nicht 300, sondern nur noch 280 Leute leben, muss der Kanal genauso heile sein.“

Punkten will Bad Harzburg nach Beckröges Worten mit einer Reihe von Stärken: Eine hohe Ärztedichte und ein interessantes Kurprogramm nennt er als Beispiele. In einem Prospekt zur Neubürgerwerbung weist die Verwaltung zudem auf „hervorragende Einkaufsmöglichkeiten“ und ein „gesundes Klima“ hin. Pflegedienste und Seniorenheime nennt die Broschüre als Partner.

Wohnungen für die Zuzügler sollten nach Junickes Erfahrung so ausgestattet sein, dass sie auch bei zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen lange genutzt werden können. Selbst mit einem steifen Arm müsse man im Bad zurecht kommen.

Auch die Sicherheit spiele eine große Rolle, sagt Junicke. Per Videokamera neben der Wohnungstür sehen seine Kunden deshalb, wer vor dem Haus klingelt. Und damit Neu-Harzburger Kontakte knüpfen können, gibt es Veranstaltungen für die Nachbarschaft und im Garten hölzerne Bänke als Treffpunkt.

Seine 50 Wohnungen am Stadtpark hat Junicke binnen fünf Jahren weitgehend an den Kunden gebracht. Zuletzt sei das Geschäft allerdings schwieriger geworden, sagt er. Als Hauptgrund nennt Junicke, dass viele Kunden vor dem Erwerb einer Eigentumswohnung den eigenen Grundbesitz verkaufen wollten. Dies sei derzeit nicht leicht. Sorgen bereitet dem Unternehmer zudem, dass die Bauplätze in ebener Lage und Innenstadt-Nähe in Bad Harzburg rar würden. Nur solche Lagen seien jedoch für Seniorenwohnungen geeignet.

Große Einwohnergewinne, das räumt Beckröge ein, wird Bad Harzburg auch durch die wachsende Zahl der Senioren nicht erreichen. Für realistisch hält er es jedoch, die Bevölkerungszahl einigermaßen stabil zu halten – während sie anderswo kräftig sinkt.