Chance für die Gesundheits-Branche


Zwei Mitarbeiterinnen der Harzkliniken versorgen einen Patienten: Die Verantwortlichen rechnen künftig mit einer wachsenden Zahl von Fällen, in denen mehrere Krankheiten behandelt werden müssen. Archivfoto: Kusian-Müller

„Es werden viele neue Jobs entstehen“

Von Ralf Blasig

Für die Gesundheits-Branche, von den Hausärzten bis zu den Prothesen-Herstellern, bedeutet die wachsende Zahl der Älteren vor allem eines: reichlich Arbeit. „Es werden viele neue Jobs entstehen. Wir denken, dass eine Zahl von einer Million zusätzlicher Stellen realistisch ist“, nennt der Gelsenkirchener Wissenschaftler Stephan von Bandemer eine deutschlandweite Prognose.

„Die demografische Entwicklung impliziert einen erhöhten Behandlungsbedarf“, sagt auch Dr. Thorsten Kleinschmidt, Sprecher des Braunschweiger Bezirksausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Besonders Hausärzte, Gynäkologen und Augenärzte würden gebraucht. Ähnlich positiv schätzt Heinz-Otto Nagorny, Geschäftsführer der Asklepios-Harzkliniken in Goslar, die Job-Chancen für Mediziner ein. „Arbeit werden alle haben“, sagt er. Gute Möglichkeiten gebe es sowohl in Kliniken als auch in niedergelassenen Praxen.

Die Krankenhäuser müssen sich Nagorny zufolge auf eine veränderte Patientenstruktur einstellen. Dank des medizinischen Fortschritts, besserer Ernährung und Prävention blieben viele Menschen länger gesund. In den letzten Lebensjahren kämen sie dann aber oft mit mehreren Krankheiten in die Kliniken.

In seinem Haus als Akut-Klinik werde die Zahl der Patienten zwar nicht dramatisch zunehmen, erwartet Nagorny. Jedoch werde man sich darauf einstellen, bestimmte Krankheiten häufiger zu behandeln. „Sicherlich werden die Krebsleiden zunehmen“, sagt der Geschäftsführer. Auch Hüftprothesen würden voraussichtlich häufiger eingesetzt.

Ein führender Anbieter derartiger Produkte ist ganz in der Nähe des Harzes angesiedelt: die Firma Otto Bock aus Duderstadt. Als Weltmarktführer im Bereich Prothetik sei man gut für den demografischen Wandel aufgestellt, sagt Unternehmenssprecher Dirk Artmann. Zuwächse seien auch in anderen Segmenten wie bei den Neurostimulatoren zu erwarten.

Ein Problem sehen die Fachleute aus der Region im mangelnden Mediziner-Nachwuchs. Gerade die Arbeit in Schichten sei unattraktiv, sagt Klinik-Geschäftsführer Nagorny. Kleinschmidt berichtet, dass derzeit rund die Hälfte eines Mediziner-Jahrgangs nicht in der Versorgung der Patienten ankomme. Etliche junge Ärzte zögen die Arbeit in der Industrie, im Ausland oder als Berater vor. Ungeklärt sei zudem, wie bei alternder Gesellschaft die nötigen medizinischen Leistungen finanziert werden können. Auf die Patienten sieht Kleinschmidt daher keine rosigen Zeiten zukommen: „Im Durchschnitt werden die Wege weiter und die Wartezeiten länger.“

Bei jungen Ärzten könne man jedoch mit dem Argument der Jobsicherheit dafür werben, den Weg in die ambulante Versorgung einzuschlagen, meint Kleinschmidt. Botschaft: „Ihr werdet gebraucht.“

Hinweis

Inzwischen ist Dr. Robert Riefenstahl neuer Chef der Asklepios-Harzkliniken mit ihren Standorten in Goslar, Bad Harzburg und Clausthal-Zellerfeld. Das Gespräch mit Heinz-Otto Nagorny führten wir Anfang September.