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Schreiben, wegschreiben, gar nichts schreiben
Wer schreibt, der bleibt, verheißt das Sprichwort die Haltbarkeit des Wortes, sofern es klug genug für eine längere Verweildauer in unseren Köpfen ist. Im Falle des Bundespräsidenten, über den in den letzten sechs Wochen weit mehr geschrieben wurde, als das Amt verträgt, könnte man diesen Sinnspruch umdrehen: "Über wen so viel geschrieben wird, der ist auch schnell weg."
Nicht so Christian Wulff, der das Stakkato medialer Attacken über seine vielen kleinen und größeren Verfehlungen aussitzen will. So auch bei seinem Besuch des Jubiläums-Verkehrsgerichtstages in Goslar. Natürlich spricht der Festredner Wulff kein Wort über das, worüber das mediale Deutschland unablässig schreibt. Natürlich gibt es keinen Hinweis auf den Druck, dem er seit Wochen ausgesetzt ist. Der Niedersachse spult seine - durchaus mit Achtung aufgenommene - Rede professionell ab, wohl darauf vertrauend, dass Verkehrsrichter keine Sittenwächter sind. Anders die Hundertschaft von Journalisten, fünffach mehr als sonst sind in Goslar akkreditiert. Die einen wie Dr. Michael Trauthig von der Stuttgarter Zeitung interessiert das ganze "Brimbamborium" um Wulff in Goslar zwar wenig, aber seine Redaktion hat ihn gebrieft, falls der Präsident sich irgendwie erklären sollte. Ebenso Helmut Kerscher (Süddeutsche Zeitung). Er ist der Rechtsexperte der SZ und ist zu allererst für den Verkehrsgerichtstag gekommen. Hat aber auch von der Münchener Redaktion Order erhalten, gegebenenfalls über Neues aus dem Affären-Portfolio des Präsidenten zu berichten.
Klare Kante bei Dirk Michael Herrmann, Politik-Chef der Bild-Hannover. Er ist ausschließlich wegen Wulff in Goslar. Und wenn der partout nichts Neues sagt, schreibt er dann dennoch was? "Klar, zwischen 15 und 100 Zeilen werden es am Ende sein." Ständiger Begleiter des Bundespräsidenten ist Christoph Schwennicke, Autor des Spiegel. Er hat Wulff unter Langzeitbeobachtung gestellt. "Ich sammele" bringt er seine Arbeit auf den Punkt und lässt damit ahnen, dass der Spiegel demnächst eine große Geschichte über den gefallenen oder immer noch amtierenden Präsidenten veröffentlichen wird. Schwennicke hat ihn auch auf Auslandreisen begleitet und ihn kurz vor dem Hochpoppen der Kredit- und Mailbox-Affäre in Indonesien erlebt. Da sei Wulff richtig gut gewesen und er habe erstmals den Eindruck gehabt, "dass seine präsidiale Kurve ansteigt".
Die umgekehrte Langzeit-Beobachtung der Journalisten ergab gestern: Die meisten Notizblöcke hatten kaum Kuli-Kontakte. Und dennoch werden die meisten schreiben, manche wegschreiben und sehr wenige gar nichts schreiben.
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