Goslar

Sigmar Gabriel und die Kunst des Dosierens

19.02.2010
Von Heinz-Georg Breuer

Sigmar Gabriel und die Kunst des Dosierens

Das Podium mit dem neuen SPD-Parteichef Sigmar Gabriel in der Mitte sowie GZ- Chefredakteur Dirk Lübke (rechts) und Redakteur Frank Heine.

GOSLAR. Der Protagonist persönlich bemühte sich gleich, die Bedeutung des Abends herunterzuspielen: „Eine 100-Tage-Bilanz ist die Erfindung von Journalisten“, sagte SPD-Bundesvorsitzender Sigmar Gabriel am Donnerstagabend auf dem GZ-Forum vor rund 300 Besuchern im vollen Lindenhof. Und: „Für Verbesserungen braucht man mehr als 100 Tage.“

Die Sätze ließen nicht im Ansatz erkennen, wie erfreut Gabriel vor wenigen Wochen die GZ-Einladung für diesen Termin angenommen hatte. Und schließlich kassierte er am Donnerstag später die Einschränkungen des Beginns auch wieder ein: Es mache ihm ganz einfach Spaß, mit den Menschen über Politik zu reden.

Dass Kommunikation eine weit darüber hinaus reichende grundsätzliche Bedeutung hat, hatte Ga- briel zuvor bereits einem gebürtigen Chinesen nahe gebracht, der aus dem Publikum heraus wieder – in dieser Reihenfolge – „mehr Macher und Denker“ in der SPD gefordert hatte. „Darüber reden, das ist die einzige Möglichkeit der Veränderung“, dozierte Gabriel und mochte sich andersartiges Vorgehen im Heimatland des Fragestellers nicht für die bundesrepublikanische Demokratie vorstellen.

Wie Gabriel am Donnerstag mit den Menschen kommunizierte, das offenbarte eine bislang selten erlebte Facette des 50-jährigen Vollblutpolitikers, der die SPD-Führung am 13. November 2009 auf dem Dresdner Parteitag in einem dramatischen Stimmungs- und Umfragentief übernommen hatte, das bis heute anhält – mehr oder weniger. Nicht bloßes Draufhauen oder reines Theoretisieren, vielmehr ein Mix, der hohe Dosierkunst verriet. Mal laut und deftig, mal leise und nachdenklich, fast philosophisch.

Wie bei der selbstkritischen Anmerkung, die Sozialdemokraten hätten zunehmend „die Lebensleistung von Menschen nicht ernst genommen“ – ein programmatischer Ansatz für Korrekturen bei Hartz IV oder der Rente mit 67. Oder bei der Feststellung, bei den Menschen gäbe es heute eine „Geringschätzung der Zukunft“, was die Nachhaltigkeit politischer Entscheidungen für kommende Generationen gefährde. Gerade die Geschichte lehre aber, ermutigte Gabriel mit Rückgriff auf die Arbeiterbewegung, dass große Krisen zum einen gemeinschaftlich und zum anderen mit langem Atem überwunden würden.

Dazu noch eine Prise Staatsmännisches: Auch wenn er ein ungeduldiger Mensch sei, man solle Deutschland „nicht schlechter reden als es ist“, forderte der SPD-Chef und verwies zur Relativierung auf spanische Krankenhäuser, staatliche Schulen in England und die US-Krankenversicherung.

Dann wieder der alte Gabriel, obwohl er sich doch eigentlich nur mit seiner SPD und gar nicht mit den anderen Parteien beschäftigen wollte: Nicht die PDS sei im Westen angekommen, „sondern die Bekloppten aus dem Westen sind in der PDS angekommen“. Der linke Vorsitzende Oskar Lafontaine, „der bis heute nicht in der deutschen Einheit angekommen ist“, verdiene solche Leute ebenso wie die Partei der Linken einen solchen Vorsitzenden verdiene, „das ist auch eine Art Täter-Opfer-Ausgleich“.

Und dann noch ein bisschen Aschermittwochs-Semantik: Die Deutschen seien früher eine „Mensch-ärgere-dich-nicht-Gesellschaft“ gewesen, die möglichst schnell zum Ziel kommen wollte: „Heute sind wir eine Malefiz-Gesellschaft, die anderen Klötzchen in den Weg legt.“

Natürlich gab es auch den Gabriel von früher, bei dessen Konsequenz die Bäume nicht immer in den Himmel wachsen. So bei der Frage von GZ-Chefredakteur Dirk Lübke nach der Gemeinschaftsschule bis Klasse 10. Gabriel verteidigte den Ansatz mit dem Hinweis auf eigenes, privat bedingtes Spätstartertum und einer Sonderschulempfehlung nach der fünften Klasse: „Ich bin gegen die zu frühe Festlegung von Schulkarrieren.“ Sagte der Mann, der in seiner Zeit als Ministerpräsident die Axt an die Orientierungsstufe legte.

Bei der Frage, wie die SPD den Weg aus der Talsohle finden will – das Forsa-Institut sieht die Partei in der Sonntagsfrage bei 22 Prozent und ihren Vorsitzenden bei der Beurteilung seiner Arbeit nicht besser – , nahm Gabriel Anleihen bei seiner damals mit Begeisterung aufgenommenen Rede auf dem Dresdner Parteitag.

Man müsse die Menschen Schritt für Schritt überzeugen, denn „die Leute glauben im Moment nicht, dass wir es ernst meinen“. Und man dürfe nicht vergessen, dass „die Leute die SPD beim letzten Mal in die Opposition schicken wollten“. Das vermittelte gleichermaßen Bescheidenheit wie das Streben nach Basisnähe.

Unbescheidenheit qua Parteiamt musste Gabriel am Schluss bei einer Wette mit der GZ-Redaktion demonstrieren, Wetteinsatz ist ein ganztägiger Einsatz in der Goslarer Freiwilligenagentur: Der Parteichef sieht nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai seine Stellvertreterin Hannelore Kraft als neue NRW-Ministerpräsidentin, die GZ tippt weiter auf den amtierenden CDU-Mann Jürgen Rüttgers.

Zur Stärkung der Beteiligten für diese Wette regte GZ-Redakteur Frank Heine Kraftbrühe für den Genossen und eine Flasche Rüttgers Club für die erfinderischen Journalisten an.

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Kommentare

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rolli5004 schrieb am 22.02.2010 21:35

ich bin mit sigmar politisch(im geiste gross geworden).aber ich hätte nie gedacht das er so einen blödsinn von sich gibt.entweder wir leben alle auf dieser welt oder ,wenn es so weiter geht,nur noch die natur.das war es.ich hoffe das wenigstens diese natur alles wieder ins lot bringt.

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Dr. Michael Rost schrieb am 22.02.2010 23:41

aufpASSEn...

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Dr. Michael Rost schrieb am 22.02.2010 23:47

aufpASSEn...!

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